Zum Trennung gibt’s Jubel – Wirtschaft

Das gab es wohl auch noch nie bei einer Automesse: Die Regierungschefin kommt zur Tür herein – und bekommt spontanen Applaus. Aber diesmal soll ja alles anders sein, und ist es auch: Die IAA ist das erste Mal in München, was den bayerischen Ministerpräsident zum etwas schiefen Ausspruch “Auto’s coming home” verleitet. Nicht nur Blech und Chrom sind in den Hallen zu sehen, sondern Visionen der Mobilität von morgen, wie sie hier sagen. Und vor allem: Es ist der wohl letzte Auftritt von Angela Merkel bei der ihr wichtigsten Industrie.

Auch wenn Vorgänger Gerhard Schröder den Begriff gepachtet zu haben schien, Angela Merkel ist die wahre Autokanzlerin. Sie hat die Branche durch die Wirtschaftskrise und die Corona-Seuche gebracht, auch mit Milliardenhilfen, beim Dieselskandal half sie eher mit strengen Worten. Da darf schon mal Szenenapplaus sein.

Auch wenn das immer noch nicht alle so sehen. Lange an diesem Dienstag schien nicht ganz klar, dass die IAA überhaupt rechtzeitig starten kann. Denn bereits am Morgen hatten die vielen Demonstrationsgruppen mit Blockadeaktionen begonnen. So ziemlich alle Autobahnen waren gesperrt, weil sich Aktivisten von Brücken abgeseilt hatten: “Nächste Ausfahrt Klimakrise” stand da. Und statt “Neufahrn” lasen Autofahrer am entsprechenden Autobahnkreuz: “Verkehrskollaps”.

Auch das ist anders: Die Proteste haben im Vergleich zur letzten IAA vor zwei Jahren nochmals zugenommen, so wie eben auch der Klimawandel noch einmal an Priorität gewonnen hat seitdem.

Und das Thema – der Klimawandel und die Maßnahmen dagegen – zieht sich dann auch durch diese Eröffnung in der etwas unterkühlten Halle. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter als Gastgeber gibt den Moderator. Er appelliert an die Demonstranten, ihren Protest friedlich zu äußern, wobei die heftig Kritik an der Stadt üben: In den Außenflächen, den “Open Spaces”, habe die Kommune ihr Hausrecht komplett abgegeben und sich damit zum Büttel der Industrie gemacht. Reiter kennt das – und appelliert an die Wirtschaftsleute im Saal: “Hören Sie gut zu, was diskutiert wird.”

Reiter ist sich bewusst, dass es nicht so einfach sein wird, die Menschen weg aus dem Auto und hin zu mehr ÖPNV zu bekommen. Er referiert die weiter steigenden Zulassungszahlen für neue Wagen in der Stadt und schließt daraus: So wirklich verabschieden wollen sich viele doch noch nicht vom eigenen Pkw. Vor zwei Jahren in Frankfurt hatte noch John Krafcik, CEO von Waymo, über Robotaxis gesprochen. Das alles scheint auch diesmal noch ganz weit weg zu sein.

Söders Überraschungsgast kommt aus Baden-Württemberg

Das weiß natürlich auch der bayerische Ministerpräsident. Bei Markus Söder geht es dann auch gleich um “Autofans”, von denen er noch sehr viele in Deutschland ausmacht, und darum, dass man in Deutschland eine “starke Automobilität” brauche. Andere Formen der Mobilität? Um die geht es dem CSU-Mann nur am Rande. Ja, wir mögen auch Fahrräder und den ÖPNV, “aber auch in der Bahn ist es sehr voll.” Und übrigens: “Nicht jeder in Deutschland kann bei Wind und Wetter seine Arbeit mit dem Fahrrad erreichen.”

Der Ton ist also dann doch wieder gesetzt in Richtung der Autoindustrie. Und die erwartet von der nächsten Bundesregierung deshalb vor allen die richtigen Rahmenbedingungen für klimaneutrale Mobilität. Die Branche stehe “ohne Wenn und Aber” zum Ziel der Klimaneutralität, sagte die Präsidentin des Branchenverbandes VDA, Hildegard Müller. Aber die Politik müsse hierzu auch für genug Ökostrom sorgen und den Unternehmen das für den Umbau notwendige Geld lassen.

Müller kritisiert: “Sicheres und schnelles Laden mit Ökostrom ist das A und O für den Wechsel. Ökostrom, von dem immer noch viel zu wenig zur Verfügung steht, um das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen.” Der Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Autos sei viel zu schleppend. “Hier brauchen wir mehr, viel mehr Tempo – in Deutschland, aber noch mehr in Europa.”

Und die Kanzlerin? Die gibt der Kritik an den fehlenden Ladesäulen erstmal recht: “Da müssen wir noch besser werden.” Aber es gibt ja auch viel Positives. Sie freue sich, dass der Trend jetzt unübersehbar zur E-Mobilität gehe: “Nun haben alle Hersteller alltagstaugliche Elektrofahrzeuge in ihrem Programm.” Das sei bei der letzten IAA in Frankfurt vor zwei Jahren noch anders gewesen.

Und dann ist noch einer dabei, der gar nicht offiziell im Programm steht: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Es heißt, sein bayerischer Amtskollege Markus Söder habe ihn kurzerhand eingeladen, ein weiterer Akt der schwarz-grünen Annäherung – und natürlich auch ein Zeichen, dass auf dieser Messe die beiden südlichen Bundesländer dann doch eine Art Auto-Koalition bilden. Wobei sich Söder dann doch nicht verkneifen kann, dem Kollegen noch einen mitzugeben: “Winfried, auch Lastenräder sollen ja gefragt sein.”