Zu wenig Wirtschaft, zu viel Kiwog in Holtenau-Ost

Und wo bleibt die Wirtschaft? Mit einem dramatischen Appell an die Wirtschaftskompetenz der Stadtverwaltung kritisiert die Industrie- und Handelskammer zu Kiel die Planung der Stadt zum künftigen Stadtteil Holtenau-Ost auf dem früheren MFG-5-Gelände.

„Werbung für den Wirtschaftsstandort scheint leider nicht im Interesse der Landeshauptstadt zu sein“, sagt der neue IHK-Präsident Knud Hansen. Es sei „bedauerlich, dass der aktuelle Fokus allein auf Wohnnutzung liegt“. Hansen: „Bei Kiels ,Sahnestück der Stadtentwicklung direkt an der Förde mit Blick auf die Ostsee’ scheint die Wirtschaft keine Rolle zu spielen.“

Wohnen und Wirtschaft in Holtenau-Ost nebeneinander möglich

Wohnen und Wirtschaft könnten auch auf dem MFG-5-Gelände gut nebeneinander bestehen, findet der IHK-Präsident – und spottet über die Kieler Stadtbaurätin Doris Grondke mit dem Satz: „Uns drängt sich der Gedanke auf, dass die Stadt nicht an die bestmögliche Gesamtentwicklung denkt, sondern an den nächsten Städtebaupreis.“

Kiels Oberbürgermeister und Wirtschaftsdezernent Ulf Kämpfer wies den Verdacht, der Fokus würde allein auf Wohnnutzung liegen, vehement zurück. Es gebe keine Entscheidungen zu Lasten der Gewerbeflächen. „Es gilt die Zonierung aus der Grundsatzentscheidung der Ratsversammlung.“

Im Süden des neuen Stadtteils sollen demnach Wohnflächen entstehen, in der Mitte „Mischgebiet“, im Norden Gewerbegebiet. „Wenn wir mehr Wohnungen wollen, ginge das nicht zu Lasten der Gewerbefläche“, betonte Kämpfer. Möglich sei jedoch eine stärkere Verdichtung der Wohnbereiche.

 

Knud Hansen warnt vor Abwanderungen von Unternehmen

Die IHK bleibt dennoch skeptisch. Mit Blick auf die Ansiedlung neuer und interessanter Unternehmen sei der „Mangel an Aufmerksamkeit für die Wirtschaft“ schwerwiegend. „Auch bereits ansässige Unternehmen wissen oftmals gar nicht, dass neue vielversprechende Flächen entstehen.“

Hansen warnt: „Wenn die Stadt ,Schöner Wohnen am Wasser’ bewirbt und gewerbliche Perspektiven nicht bekannt sind, besteht die Gefahr, dass weitere Unternehmen abwandern.“

IHK: Firmen brauchen Perspektiven und Ansiedlungsmöglichkeiten

Kiel verfüge perspektivisch gar nicht über genügend Gewerbeflächen, um ansiedlungs- und expansionswilligen Unternehmen ein gutes Angebot machen zu können, sagt Hansen. Der IHK-Chef fordert „endlich ein ganzheitliches Gewerbe- und Industrieflächenkonzept mit Perspektiven für ansässige und Ansiedlungsmöglichkeiten für neue Unternehmen“. Das Industriegebiet „StrandOrt“ in Friedrichsort zeige „mehr als deutlich, wie groß die Nachfrage hier ist.“

Auf dem ehemaligen MFG-5-Gelände in Kiel soll der neue Stadtteil Holtenau-Ost entstehen. So könnte er aussehen.
Quelle: Yellow Z-Architekten

Haus & Grund: Stadt Kiel bevorteilt die Kiwog bei MFG5-Areal

Aus anderen Gründen, aber mit ähnlichem Zungenschlag kritisiert der Eigentümerverband Haus & Grund die Stadtverwaltung. Es sei „wenig erbaulich“, sagt der Kieler Verbandschef Sönke Bergemann, „die neu gegründete städtische Wohnungsgesellschaft Kiwog auf dem stadteigenen Areal selber Wohnungen entwickeln und Investoren möglichst außen vor zu lassen“.

Bergemann klagt: „Bei ihrer Abneigung gegen institutionelle Anleger und Immobilienkonzerne blenden Ratsversammlung und Verwaltung immer wieder aus, dass fast 60 Prozent aller vermieteten Wohnungen im Eigentum von Privatpersonen sind, die nicht hauptberuflich Immobilien vermieten.“ Er fragt: „Warum sollen nicht auch private Eigentümer als größte Vermietergruppe eine Chance als Bauherr für das ,Sanierungsgebiet Holtenau Ost’ bekommen?“

Holtenau-Ost: Doris Grondke wehrt sich gegen die Kritik

Stadtbaurätin Doris Grondke wehrte sich am Sonntag energisch gegen die Kritik von Haus & Grund: „Die Kritik ist nicht nachvollziehbar und geht ins Leere, denn an keiner Stelle wurde von Seiten der Stadt formuliert, die Kiwog solle exklusiv den Wohnungsbau in Holtenau-Ost übernehmen.“

Selbstverständlich brauche es für eine derart große Entwicklungsfläche private Akteure, denn es ist erklärtes Ziel aller, Wohnraum für Alle zu schaffen. „Dass derart polemisch falsche Behauptungen aufgestellt werden, fördert keine vertrauensvolle Zusammenarbeit, an der die Landeshauptstadt Kiel in Anbetracht der großen Herausforderungen natürlich – auch mit Haus & Grund – interessiert ist.“

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