Wissenshierarchien: Wie sich Wissenschaft und Parlamentarismus ergänzen

Bereits 1938 hat der Soziologe Robert Merton davor gewarnt, dass der Platz der Wissenschaft in der Gesellschaft nicht nur gefährdet wird, wenn ihr Wert nach politischer Angemessenheit taxiert wird, sondern auch, wenn ihr ökonomischer Nutzen im Vordergrund steht. Diese Diagnose trifft nach wie vor zu. Wenn nur die ökonomische Seite betont wird, kann es nicht ausbleiben, dass die Wissenschaften in der Gesellschaft genau danach bewertet und Wissen bzw. Erkenntnis nach quantitativen Parametern vermessen werden. Ihr Beitrag zur demokratischen Emanzipation und zur argumentativen Wappnung gegen Fundamentalismen aller Art droht dabei in Vergessenheit zu geraten. In diesem Zusammenhang ist es zudem schwierig, die diskursive Funktion der Wissenschaften zu legitimieren, wenn ihr Dialog mit Politik und Gesellschaft zunehmend über Corporate Communication abgewickelt wird. Niemand sollte sich wundern, wenn sie dann letztlich nach Kriterien beurteilt werden, die auch für Politik, Wirtschaft, Medien oder Celebrity Culture gelten.

Der unauflösbare Widerspruch der Wahrheitssuche

Die Konsequenzen dieser Entwicklung sind gravierend, weil sie ins Herz des wissenschaftlichen Selbstverständnisses zielen. Der unauflösbare Widerspruch, dass die Wissenschaften stets nur vorläufige, revidierbare und nicht selten einander widersprechende Ergebnisse präsentieren, die innerhalb der Fachgemeinschaft entsprechend kontrovers diskutiert werden, während von außen stabile, zuverlässige und verwertbare Ergebnisse erwartet werden, ist keineswegs neu. Schon der Bakteriologe und Wissenschaftssoziologe Ludwik Fleck hatte 1935 zwischen einer esoterischen, auf den kleinen Kreis von Spezialisten zielenden, und einer exoterischen, an die Laien gerichteten Kommunikation der Wissenschaften unterschieden. Erstere verläuft laut Fleck tentativer, kontroverser und ergebnisoffener als letztere, die tendenziell dogmatisch ist, um die Wahrheits- und Konsensansprüche der Wissenschaften zu demonstrieren.

Eine derart differenzierte Kommunikation ist legitim und wohl gar nicht zu vermeiden, aber sie ist störanfällig, vor allem dann, wenn die Selbstsicherheit der Außendarstellung mit den Vorläufigkeitsüberzeugungen der Binnenkommunikation in einen realen oder scheinbaren Konflikt gerät. Wenn von außen kommende Akteure mit eigenen Interessen einen genaueren Blick auf die Forschungspraxis werfen und die strukturelle Vorläufigkeit und Uneinigkeit thematisieren, erwischen sie die Wissenschaften auf dem falschen Fuß, selbst wenn in zentralen Fragen wissenschaftlicher Konsens besteht. Die Klimawissenschaften waren auf den massiven und perfiden Widerstand, der nicht nur ihre Ergebnisse anzweifelte, sondern ihre Glaubwürdigkeit in Zweifel zog, erst einmal nicht vorbereitet, obwohl doch in der Frage, ob der unbezweifelbare Klimawandel anthropogen verursacht sei, spätestens seit 2000 kein Zweifel mehr herrschte. Dass die Klimaforschung ihre Ergebnisse trotz aller Anfeindungen behaupten konnte, ist ein Erfolg, der ohne die Rückbesinnung auf argumentative und kritische Fertigkeiten sowie eine produktive Zusammenarbeit zwischen Natur- und Geisteswissenschaften vielleicht nicht erreicht worden wäre – womit der Klimawandel natürlich noch nicht gestoppt wird.

Hypothesen als wissenschaftlicher Normalfall

Selbstverständlich ist eine solche Entwicklung nicht. Als vor einigen Jahren die vergifteten Reden von alternativen Fakten, post truth und Fake news salonfähig wurden, ging man weltweit auf die Straße: March for Science. Dagegen ist nichts zu sagen, aber die Plakate verrieten bisweilen eine naive Rückwendung zum Fakten-Positivismus des 19. Jahrhunderts, dem man nur kopfschüttelnd entgegnen konnte: Wir sind doch schon mal klüger gewesen, indem wir in Rechnung stellten, dass es die Wissenschaften eher mit Nicht-Wissen als mit Wissen zu tun haben und dass es keineswegs nur um auf der Straße liegende Fakten geht, sondern um Messungen, Modelle, Instrumente, mangelhafte Datensätze, Hypothesen und Wahrscheinlichkeiten, die den Spezialisten oft genug unterschiedliche Deutungen nahelegen. Dieser wissenschaftliche Normalfall ist für das Verhältnis von Wissenschaft und Demokratie dann relevant, wenn er in der Öffentlichkeit mit gereizter Aufmerksamkeit wahrgenommen wird.

“Die Corona-Pandemie ist ein gigantisches Realexperiment, welches das Verhältnis von Wissenschaft und Demokratie auf die Probe stellt.”

Eine solche Situation erleben wir gegenwärtig mit der Corona-Pandemie, deren Präzedenzlosigkeit nicht in der Pandemie als solcher besteht. Die gab es bekanntlich früher auch schon. Präzedenzlos sind die täglich wechselnden Verschiebungen an der Grenze von Wissen und Nicht-Wissen, die durch die wissenschaftliche Forschung selbst überhaupt erst generiert werden, die aber in der Öffentlichkeit ebenso schnell ein kontrovers diskutiertes Thema werden wie in den Wissenschaften selbst. Niemand kann ernsthaft bestreiten, dass die Menschheit in dieser Situation dringend auf die Wissenschaften angewiesen ist, aber deren Aktionen beschränken sich nicht auf Experimente im Labor und Simulationen am Rechner, sondern betreffen auch ihre Auftritte in der Öffentlichkeit. So gesehen ist die Corona-Pandemie ein gigantisches Realexperiment, welches das Verhältnis von Wissenschaft und Demokratie auf die Probe stellt.

Mit ihren Empfehlungen erfüllen individuelle und institutionelle Experten wie zum Beispiel die Leopoldina – die vor Weihnachten einen harten Lockdown nahelegte, auf den die Bundeskanzlerin sich in ihrer eingangs erwähnten Rede bezog – als Nationale Wissenschaftsakademie zweifellos den Auftrag, den Politik und Gesellschaft ihnen gegeben haben, und er basiert im besten Fall auf einem Konsens unterschiedlicher Disziplinen und Forschungskulturen. Damit erübrigt sich das Engagement der Wissenschaftler in der Öffentlichkeit aber keineswegs. Agieren in der Demokratie heißt, eine Stellungnahme der Leopoldina als Handlungsgebot, aber nicht als Diktat anzusehen, und das schließt auch ein, sie mit begründeten Argumenten zu kritisieren. Das ist weder Frevel noch Nestbeschmutzung, sondern zeigt, was eine solche Stellungnahme ist, auch wenn sie von der Exekutive in die Tat umgesetzt wird: eine Schlussfolgerung aus dem gegenwärtigen Stand des Wissens.

Heikler Grenzbereich von Wissen und Nicht-Wissen

Für das Verhältnis von Wissenschaft und Demokratie ist viel gewonnen, wenn sich in den Wissenschaften die Erkenntnis durchsetzt, dass es nicht nur eine esoterische und exoterische Kommunikation gibt, sondern dass es auch in der öffentlichen Kommunikation unterschiedliche Rollen gibt. Die autoritative Akademie, die als Expertenversammlung mit einer Stimme spricht – und wohlbegründete abweichende Stimmen nicht unterdrückt – ist eine Rolle, die kritische Intervention eines unabhängigen und kompetenten Wissenschaftlers eine andere. Und diese beiden Funktionen gilt es auseinanderzuhalten. Um noch einmal auf Flecks Unterscheidung zurückzukommen: So, wie es in der esoterischen Wissenschaftskommunikation auch Einigkeit geben kann, können und sollten in der exoterischen Kommunikation auch Dissens und Ungewissheit in dem stets heiklen Grenzbereich von Wissen und Nicht-Wissen zugelassen werden. Nur in dieser Komplexität können die Wissenschaften ihren Beitrag zur Demokratie leisten. Wie diese sich dafür erkenntlich zeigt, wäre dann vielleicht ein Thema für die Post-Pandemie.

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