Wissenschaftssprache: der Schwarze Kontinent macht sich unabhängig

Ganz einheitlich ist die wissenschaftliche Terminologie auch in Europa nicht. Im Deutschen heißt das Erbmolekül DNS, statt wie international üblich DNA. Und wenn Franzosen von SIDA sprechen, meinen sie die Viruserkrankung AIDS. Immerhin gibt es Wörter für die Phänomene – in vielen afrikanischen Sprachen ist das nicht der Fall. In der Bantusprache Zulu gibt es etwa weder einen Begriff für Dinosaurier, noch für das (in der Astronomie wichtige) Konzept der Rotverschiebung. Auch Bakterien und Viren sind sprachlich nicht zu trennen, obwohl es sich um völlig unterschiedliche Lebensformen handelt.

Die Leerstellen füllen

Ähnliche Leerstellen existieren in vielen der über 2.000 afrikanischen Sprachen – die sollen nun vom Projekt „Decolonise Science“ mit Inhalt gefüllt werden. Als ersten Schritt planen die Initiatorinnen und Initiatoren eine Übersetzung von 180 Fachartikeln des Preprintservers „AfricArXiv“ in sechs Sprachen: Zulu und Nord-Sotho aus Südafrika, Hausa und Yoruba aus Westafrika, Luganda und Amharisch aus Ostafrika.

Knapp 100 Millionen Menschen sprechen diese sechs Sprachen, im Vorfeld hatte „AfricArXiv“ bereits eine Ausschreibung für Übersetzer und Übersetzerinnen lanciert. Wobei „Schöpfer“ und „Schöpferinnen“ vielleicht eher passen würde, denn: „Es ist nicht so wie bei der Übersetzung eines Buches, wo die Wörter bereits existieren. Es geht um das Erschaffen einer Terminologie“, sagt die südafrikanische Künstliche-Intelligenz-Forscherin Jade Abbott gegenüber dem Fachblatt „Nature“.

Gesucht: Verständliche Begriffe

Wie soll man da vorgehen – komplett neue Wörter erfinden? Der Wissenschaftsjournalist Sibusiso Biyela von der an dem Projekt beteiligten Firma ScienceLink in Johannesburg hält das für den falschen Weg. „Wir wollen, dass Leute sofort verstehen, was gemeint ist, wenn sie einen Artikel lesen.“ Der studierte Chemiker plädiert dafür, sich an der Herkunft bestehender Begriffe zu orientieren.


NASA/JPL-Caltech

Wie übersetzt man Planet in Bantusprachen?

Das Wort Planet beispielsweise stammt vom altgriechischen „planetes“ ab und bedeutet so viel wie „umherschweifend“ oder auch „Wanderer“. Letzteres erscheint Biyela für eine Übersetzung passend, der Wanderer durch den Weltraum wäre auf Zulu dann „umhambi“, in Schulbüchern verwendet wird bisher auch „umhlaba“, was „Welt“ oder „Erde“ bedeutet. Prägnante Lösungen werden sich nicht in allen Fällen finden lassen, Fossilien könnte man laut Biyela als „alte Knochen aus der Erde“ ins Zulu eingemeinden, was sich ausformuliert so liest: „amathambo amadala atholakala emhlabathini“.

Sofern das Geschriebene überhaupt als Bezugspunkt geeignet ist. Wie Lolie Makhubu-Badenhorst von der Universität KwaZulu-Natal in Südafrika gegenüber „Nature“ betont, bedeute die Absenz eines Begriffes nicht, dass gar keine Wörter zur Verfügung stünden. In afrikanischen Sprachen spiele die mündliche Weitergabe eine entscheidende Rolle, „das Wissen ist da – aber es ist nicht gut dokumentiert“.

Publikationen: Afrika weit abgeschlagen

Das Übersetzungsprojekt steht in einem größeren Zusammenhang. Die afrikanische Wissenschaft ist im internationalen Vergleich nach wie vor kaum präsent. Obwohl auf dem Kontinent 1,3 Milliarden Menschen leben, beträgt der Anteil an der weltweiten Fachliteratur noch nicht einmal ein Prozent. Das Problem greift tief, es fehlt an Bildungsinstitutionen, an der Ausstattung, am Geld.

Was es für afrikanische Jungforscher bedeutet, aus ihrem Heimatland wegzuziehen, um ihre Ausbildung an einer westlichen Universität fortzusetzen, haben die beiden Ökologen Anagaw Atickem und Addisu Mekonnen 2019 in einem Artikel beschrieben. „Als wir von der Universität Addis Ababa in Äthiopien nach Oslo gingen, um unseren PhD zu machen, hatten wir noch nie ein Genetiklabor betreten, noch nicht einmal eine PCR-Maschine gesehen. Wir hatten zwar unsere Statistikkurse gemacht, aber nie einen Computer berührt. Wir hatten keine Ahnung, wie man Software bedient, die in wohlhabenden Ländern zu den ganz normalen Werkzeugen im Grundstudium gehört.“

Graduierte der African Virtual University feiern ihren Studienabschluss


APA/AFP/ISSOUF SANOGO

Graduierte der African Virtual University in Abidjan, Elfenbeinküste

Entsprechend ist der Ausbildungsgrad an afrikanischen Universitäten. Laut UNESCO hatten 2009 in Äthiopien 20 Prozent der Lehrenden an Universitäten einen Master-Abschluss, bloß vier Prozent einen PhD. Selbst in Südafrika, dem finanziell und technologisch wohl am besten ausgestatteten Land mit den afrikaweit höchsten Ausgaben für Forschung und Entwicklung, haben (Stand 2015) nur 39 Prozent des akademischen Personals einen PhD.

Google blickt nach Afrika

Immerhin gibt es im Westen Bestrebungen, dem Gefälle entgegenzuwirken. Schweden und Norwegen haben schon vor Jahrzehnten Austauschprogramme gestartet, die meisten Studierenden aus Afrika (95.000) machen derzeit in Frankreich ihren Abschluss, stark im Kommen ist China: Dorthin zog es 2003 noch 2.000 Studierende aus afrikanischen Ländern, 2016 waren es bereits 62.000. Eine Rückkehr in das Heimatland ist allerdings oft keine Option, wer im Ausland studiert und danach einen Job bekommt, bleibt in der Regel dort.

Das Problem des „Brain Drain“ hatte lange Zeit auch China, dort werden „Spitzenwissenschaftlern mittlerweile Gehälter geboten, die man in der westlichen Welt nur aus dem Fußball kennt“, erzählte der österreichisch-ungarische Physiker Ferenc Krausz kürzlich im ORF-Interview. Rückholprogramme dieser Größenordnung sind für afrikanische Universitäten außer Reichweite, hier geht es zunächst darum, die Grundlagen für eine Dekolonisierung der Wissenschaft zu schaffen, und dazu gehört nicht zuletzt die Sprache.

Dessen ist man sich auch bei Google bewusst. Der Internetkonzern will nun seine Übersetzungssoftware Google Translate um ein Dutzend afrikanische Sprachen erweitern – und somit auch diesen Kulturraum in der digitalen Welt verankern. Sibusiso Biyela hält das für einen wichtigen Schritt. Gegenwärtig sei es zwar in vielen afrikanischen Sprachen möglich, über Politik oder Sport zu sprechen, nicht aber über wissenschaftliche Themen. „Was wir brauchen”, sagt Biyela, „ist eine kulturelle Aneignung der Wissenschaft.“