Wissenschaftler fordern mehr statt weniger Tests

Die neue Priorisierung der Politik im Kampf gegen die Corona-Pandemie lautet: Impfen ist wichtig, testen ist weniger wichtig. Doch dagegen regt sich Widerstand aus der Wissenschaft. Statt die Tests zu reduzieren, wie es derzeit geschieht, müsse man, im Gegenteil, ihre Anzahl deutlich erhöhen, um einen besseren Überblick über die Infektionen zu erhalten, sagt zum Beispiel Alexander Markowetz vom Fachbereich Mathematik und Informatik an der Universität Marburg: „Das Testen ist das Fieberthermometer der Pandemie. Das Fieber sinkt ja nicht, wenn man es nicht misst.“

Der Professor hat unter dem Titel #test2ride ein neues Papier zum Ausbau der Testangebote erstellt, das der F.A.Z. vorliegt. Darin argumentiert er ähnlich wie andere Fachleute: Da immer mehr Infektionen symptomlos verliefen, gerade unter Jüngeren, müsse man auf breiter Front verdachtsunabhängig so viele Personen wie möglich regelmäßig untersuchen. Das schließe auch Geimpfte ein, um das sogenannte Immunescape zu verhindern, die Bildung gefährlicher Virusvarianten. „Denn je öfter das Virus auf eine geimpfte Person trifft, desto höher ist die Chance, dass es zu einer resistenten Mutation kommt“, so Markowetz.

„Wohnzimmertests“ per App dokumentiert

Allerdings gebe es gerade für Geimpfte bisher keinen Anreiz, sich testen zu lassen, erhielten sie ja mit ihrem Immunitätsnachweis Zugang zu Restaurants, Flügen, Veranstaltungen. Markowetz schlägt vor, Tests mit Freifahrten im öffentlichen Nahverkehr zu belohnen. Für jeden absolvierten Test solle es einen 24-Stunden-Fahrschein geben. Der finanzielle Aufwand sei überschaubar, schließlich werde der ÖPNV schon heute zu weiten Teilen steuerfinanziert. Der Vorstoß hätte weitere positive Effekte: Die Auslastung der Busse oder Bahnen steige, während der Individualverkehr abnehme, auch sei mit einer Stimulierung des Einzelhandels, der Gastronomie und des Kulturangebots zu rechnen.

Aufwendige Abstriche in eigenen Zentren oder in Arztpraxen sind dem Modell nach künftig nicht mehr nötig. Geplant sind stattdessen kostenfreie „Wohnzimmertests“, deren Anwendung per Foto oder Video in einer App dokumentiert werden kann, wie das etwa in Wien bereits der Fall ist. Im Gegenzug für die Abgabe soll der Anwender einen QR-Code als Fahrschein erhalten. Als Alternative schlägt der Digitalisierungsfachmann öffentliche PCR-Poolingtests vor, etwa in der Lollipop-Variante, die in Sammelstellen abzugeben wären.

100 Millionen verimpfte Einheiten

Unterdessen nimmt die Impfquote weiter zu. Jüngsten Angaben des Robert Koch-Instituts zufolge sind inzwischen 57 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Bei durchschnittlich 340.000 verabreichten Spritzen am Tag dürfte die Marke von insgesamt 100 Millionen verimpften Einheiten in etwa einer Woche erreicht sein. Wegen der wachsenden Quote sinkt die Zahl der Testungen jetzt schon und könnte es noch stärker tun, wenn die jüngsten Entscheidungen der Ministerpräsidenten der Länder und Bundeskanzlerin Angela Merkels (CDU) in Kraft treten. Sie wollen am 11. Oktober die kostenfreien Bürgertests für solche Personen abschaffen, die sich theoretisch impfen lassen könnten.

Das Kalkül dahinter lautet, für diese Gruppe einen Anreiz zu setzen, sich unentgeltlich eine Spritze geben zu lassen, statt für die Tests regelmäßig zahlen zu müssen. Um eines von beiden kommt man nicht herum, da die Regierungschefs zugleich eine 3-G-Regel für Innenräume beschlossen haben: Der Zugang etwa zu Restaurants ist dann nur noch mit dem Nachweis möglich, dass man geimpft, getestet oder genesen ist.

Testen zu verleiden sei der falsche Weg

Gegen die Abschaffung der Gratistests und für den genau gegenteiligen Weg, die Testungen noch auszuweiten, spricht sich auch Nora Szech aus, Inhaberin des Lehrstuhls für Politische Ökonomie am Karlsruher Institut für Technologie. Es sei völlig richtig, möglichst viele Personen kostenfrei zu testen, um die Infektionen zu überwachen, sagt sie. Auch aus ihrer Sicht sollte das Angebot Geimpfte einschließen, da sie in seltenen Fällen ebenfalls infektiös seien. Um die Zahl der Tests zu erhöhen, bedürfe es einerseits vieler Anlaufstellen, am besten direkt vor Gaststätten, Kinos und dergleichen, und zum anderen materieller Anreize. Szechs Forschung hat ergeben, dass schon kleine Kompensationen im Wert von 5 oder 10 Euro die Testbereitschaft erhöhten. „Das können auch Gutscheine zum Einkaufen oder für die Pommesbude sein“, sagt sie.

Andererseits wirkten bereits niedrige Summen, die die Testwilligen selbst zahlen müssten, abschreckend. Deshalb ist Szech dagegen, Tests kostenpflichtig zu machen. Anreize auch zum Impfen zu geben, hält die Volkswirtin zwar für richtig, diese müssten aber positiv sein. Der Forschung nach hätten Kompensationen von mehreren hundert Euro einen solchen Effekt; den Impfzauderern aber das Testen zu verleiden sei der falsche Weg.

„Lieber an der frischen Luft Fahrrad fahren“

Als Testanreize ÖPNV-Tickets zu vergeben, hält die Professorin für „zu eng gedacht“. Für viele Menschen sei das nicht interessant, auf dem Land fehlten oft geeignete Verbindungen. „Außerdem muss man sich fragen, ob es so schlau ist, beim Anstieg der Pandemie ausgerechnet wieder den Nahverkehr zu befüllen“, sagt Szech. „Die Leute sollten lieber an der frischen Luft Fahrrad fahren.“

Unterdessen senkt Großbritannien die Preise für die Corona-Tests seines öffentlichen Gesundheitsdienstes NHS. Ein verpflichtender Abstrich für ungeimpfte Reiserückkehrer soll statt wie bisher 88 Pfund (103 Euro) künftig 68 Pfund (80 Euro) kosten, teilte das Gesundheitsministerium mit. Zuvor hatte es massive Kritik an den hohen Preisen gegeben.