Wissenschaft versucht nicht die Welt zu bewerten, sondern sie zu verstehen

Der erste Eindruck des Buchtitels lässt vermuten, hier würde primär über Energieversorgung und deren Versagen geschrieben. Das ist zwar auch der Fall, aber die Themen, die Vince Ebert präsentiert, sind viel weiter gefasst. Sie gehen in alle Richtungen und das höchst unterhaltsam. Anhand von Mythen, Halbwahrheiten, Denkfallen, Irrationalitäten, aber auch von Lösungen und Alternativen schreibt er über das nötige neue Denken im Land, dessen wichtigste Grundlage die Freiheit ist. So ordnet er Wissenschaft ein als ständigen Prozess des Hinterfragens:

„In der Wissenschaft irrt man sich Schritt für Schritt nach oben“

und entzaubert damit das „Follow the Science“ auf den Plakaten der Klimabewegten. Er analysiert das Weltretten als Religionsersatz und demaskiert die Eindimensionalität der Klimadiskussion. Der religiöse Charakter der Klimaschutzbewegung führe zum Zweifelsverzicht, während wissenschaftliche Systeme auf dem Zweifel aufbauen.

 „Die größten Fehler der Menschheit entstanden nicht,
weil Menschen zweifelten.
Sondern weil sie sich absolut sicher waren, das Richtige zu tun.“ 

Klimapolitik sei subjektiv, unscharf und verhandelbar. In der Wissenschaft versuche man nicht, die Welt zu bewerten, sondern man versucht, sie zu verstehen.

Er beklagt zu Recht, dass heute Menschen in Leugner und Wissende eingeteilt werden – um es im Vorwort allerdings selbst zu tun. Spürbar ist seine Befürchtung, durch seine von der populistischen Medienmehrheit abweichende Meinung in die rechte Ecke gestellt zu werden. So möchte er nicht auszugsweise zitiert werden von der „Gegenseite“, also den „Leugnern“ des menschengemachten Klimawandels. Deren Thesen seien unwissenschaftlich, sie könnten Zitate von ihm nutzen, um ihre Ideologie zu rechtfertigen.

INTERVIEW Michael Shellenberger

„Wenn Nationen in eine Krise geraten wollen, sollten sie dem deutschen Modell folgen“

Dass es ausgerechnet an der Theorie des menschengemachten Klimawandel und seiner Quantität keine seriösen Zweifel mehr geben soll, widerspricht hingegen seinen eigenen Darlegungen. Hier sieht er Wissenschaft offenbar als abgeschlossen an.

Dass auf breiter Front Klimahysteriker über die so genannten Qualitätsmedien ihre Theorie zur Umsetzung ihrer Ideologie nutzen, erwähnt er nur indirekt. Auch kein Wort darüber, wie viele Menschen inzwischen vom Geschäft mit der Angst vor dem Klimawandel leben. Sharm-el-Sheikh lässt grüßen.

Seine Ausführungen zum „Irrtum der versunkenen Kosten“ helfen bei der Erklärung, warum niemand der aus dem Ruder gelaufenen Energiewende den Stecker zieht. Er liefert eine treffende Zustandsbeschreibung der Verhältnisse im Land und ordnet den Klimahype ein. Es geht um Risiken und Scheinrisiken und die vielfältigen Wechselwirkungen in einer komplizierten Welt.

„Arme Gesellschaften schädigen die Umwelt, reiche das Klima“.

 

Sprachstark entkräftet er den Vorwurf einiger Nachwachsender, die Generationen vor uns hätten die Welt versaut:

„Ich befürchte, das Einzige,
was die sogenannte »Letzte Generation« von den düsteren Prophezeiungen der Zeugen Jehovas unterscheidet, ist, dass sie
nach dem Weltuntergang noch nicht mal in den Himmel kommen.“

 

Sein Schreibstil zeigt den Kabarettisten, er bevorzugt eine Variante, die ich die „Ebert‘sche Springprozession“ nennen möchte. Nach einigen nüchternen Gedanken kommt eine überraschende Querverbindung, die ins Humoristische führt und auflockert:

„Wenn Sie ein mittleres Kohlekraftwerk
durch Sonnenkollektoren ersetzen wollen,
brauchen Sie dafür etwa die Fläche von ganz Düsseldorf.
Gut, der Kölner sagt: Das ist es mir wert.“

Das mag der eine oder andere Düsseldorfer als Mikroaggression empfinden, aber da muss man bei Vince Ebert durch.

Er vermeidet allzu tiefe Details, vieles wird den Lesern bekannt vorkommen, manches werden sie schon wissen. Aber wie Vince Ebert Fakten darstellt und Verknüpfungen herstellt, das ist Anregung zum Weiterdenken im besten Sinne. Dazu bedarf es auch keiner höheren Vorbildung oder Spezialisierung. Er entzaubert  eine Auffassung von Nachhaltigkeit,  die aus einem dynamischen System ein statisches machen will, wogegen schon die Hauptsätze der Thermodynamik sprechen würden.

Durchblick schenken

Kann man das Weltklima von Deutschland aus retten?

Es geht ihm darum abzuwägen, ob die Anpassung an den Klimawandel nicht hilfreicher sein könnte, als seine Vermeidung und um die permanenten Widersprüche von Theorie und Praxis, das schräg laufende Bildungssystem im „Dinkel- und Dunkeldeutschland“.

Er ermutigt zu neuen Blickwinkeln und Abwägungen, ganz im Gegensatz zu den der Realität entrückten „Straßenklebern“. Wohltuend die Erklärung seiner Motivation, dieses Buch zu schreiben: „Nicht, um die Welt als Ganzes zu retten, sondern um sie ein Stückchen besser zu machen.“

Man könnte noch viele sinnige Zitate anführen, aber das sprengt den Rahmen. Am besten: selbst lesen!

Es wird leider genug öffentlichkeitswirksame Klimaapokalyptiker geben, die versuchen werden, über aus dem Zusammenhang gerissene Zitate das Buch zu zerlegen. In den Foren melden sich Leser (noch sind es wenige), die das Buch als „gefährlich“ bezeichnen, manche sogar auf verschiedenen Homepages mit fast identischen Formulierungen. „Ich bin mir nicht sicher, ob Ebert einen Vertrag mit der Atomindustrie hat“, schreibt ein Grüngeframter, zum Selbstdenken, auch zum Lesen und Verstehen offenbar nicht in der Lage.

Hier formiert sich der Widerstand gegen genau das freie Denken und die Toleranz, die Ebert ausführlich einfordert. Er steht für Denkfreiheit und Wettbewerb und bittet um den Dialog und auch die Kontroverse, die am Ende konstruktiv sein kann.

Eine Hoffnung von Ebert wird sich wohl nicht erfüllen: dass er nicht in die rechte Ecke gestellt werden wird. So gesehen, willkommen im Club!

Vince Ebert, Lichtblick statt Blackout. Warum wir beim Weltverbessern neu denken müssen. dtv, Klappenbroschur, 224 Seiten, 15,00 €.

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