Wissenschaft und Spiritualität nicht gegeneinander ausspielen

Wien, 15.07.2021 (KAP) Wissenschaftliche Theologie und Spiritualität dürfen nicht als Gegensätze angesehen und gegeneinander ausgespielt werden, sondern müssen in ihrem Zusammenspiel gesehen werden: Das hat der Wiener Pastoraltheologe und Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, Prof. Johann Pock, in einem Beitrag im Theologie-Feuilleton “feinschwarz.net” betont. Zuletzt seien wieder vermehrt Aussagen aufgetaucht – etwa von Seiten Papst Franziskus’ -, die den “versteckten Vorwurf” enthielten, kirchliche wie theologische Reformbefürworter würden verkürzt, weil nicht spirituell begründet ihre Anliegen verfolgen. Dagegen verwies Pock darauf, dass es zahlreiche Spiritualitäts-Formen gebe, die sich etwa auch in wissenschaftlicher und sich auf die Welt einlassender Theologie zeigen.

Konkreten Anlass für den Zwischenruf boten Äußerungen von Papst Franziskus im Rahmen einer Katechesenreise über das Gebet. Darin hatte der Papst den Vorwurf erhoben, dass Reformbestrebungen oftmals “mit viel Organisation und medialer Berichterstattung” erfolgten – jedoch nicht aus dem Gebet kämen. “Dies halte ich für eine Unterstellung, welche das Narrativ reformkritischer Gruppen übernimmt”, so Pock. In ein ähnliches Horn stieß laut Pock auch eine Wortmeldung des Rektors der Hochschule Heiligenkreuz, P. Wolfgang Buchmüller, der staatliche theologische Fakultäten als “Stätten einer maximalen Wissensvermittlung” und kirchliche Hochschulen dagegen als Orte bezeichnete, die “identitätsstiftende und zugleich intellektuell befriedende Antworten bieten”.

Damit werde eine Differenz zwischen einem intellektuellen Dialog und Identitätsstiftung, letztlich zwischen Spiritualität und Intellektualität eingezogen, die weder der Vielfalt an Spiritualitäten gerecht werde (“Spiritualität wird hier offensichtlich gleichgesetzt mit bestimmten Formen öffentlich sichtbarer Praxis wie gemeinsame Gottesdienste”) noch dem Selbstverständnis universitärer Theologie. Spiritualität erschöpfe sich schließlich nicht in öffentlichen Gebetsformen, sondern sie liege “mindestens ebenso in der von Personen gelehrten Theologie und ihrem Glaubens- und Lebenszeugnis”. Spiritualität sei daher “höchst aktuell, gegenwartsbezogen, und sie verändert und bewährt sich in der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Situation.” Eine Engführung auf bestimmte spirituelle Formen werde daher “den Personen und Institutionen nicht gerecht”, so Pock.

Schließlich erinnerte der Pastoraltheologe an die Apostolische Konstitution “Veritatis Gaudium” von Papst Franziskus aus dem Jahr 2017. Darin hatte der Papst sich für eine Stärkung universitärer Theologie ausgesprochen und Leitkriterien für eine Überarbeitung der Studienordnungen vorgegeben. Eines der Kriterien lautete dabei, dass sich Theologie in Inter- und Transdisziplinarität üben solle. Auch die Forderung des Papstes in der Konstitution nach einer generellen “Anhebung der Qualität der wissenschaftlichen Forschung” in der Theologie zeuge davon, so Pock, dass es gerade nicht Ziel sein könne, einen Gegensatz zwischen wissenschaftlicher und spirituell geprägter Theologie aufzubauen “- ganz im Gegenteil: Es wird auf Inter- und Transdisziplinarität Wert gelegt und auf eine Theologie, die auf den ‘sensus fidei fidelium’ hört.” (Beitrag im Wortlaut: www.feinschwarz.net/zum-verhaeltnis-von-gebet-spiritualitaet-und-wissenschaftlicher-theologie)