Wissenschaft und Muße: Welcher Zweck wie Götze

In den Anfängen der Wissenschaft wusste Aristoteles vor über 2300 Jahren zu berichten: “Als alles Lebensnotwendige erworben war, da wurden die Wissenschaften gefunden. … Dies geschah zuerst in den Gegenden, wo man Muße hatte. So bildeten sich in Ägypten zuerst die mathematischen Wissenschaften aus, weil dort die Priester Muße hatten.” Muße, die Freiheit von Zwang, Notwendigkeit, Zeitdruck und Pflicht, eröffnet Freiräume der Auseinandersetzung mit Fragen und Gegenständen, weil man über die eigene Zeit ohne fremde Ansprüche und Erwartungen verfügen kann. Das “nützliche” Ergebnis ist dabei nicht länger Bedingung, sondern höchstens Nebenprodukt einer grundsätzlich selbstzweckhaften Beschäftigung.

Fragen nach der Wissenschaft

Im Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern darüber, was Wissenschaft ausmache und was sie brauche, lässt sich beobachten, dass Muße in den heute gepflegten Wissenschaftskonzepten nur selten eine Rolle zu spielen scheint. Wenn es um theoretische und praktische Bedingungen von Wissenschaft geht, ist mittlerweile neben Begriffen wie Methode, Rationalität, Objektivität, Freiheit vor allem von Finanzen, Technik und Strukturen et cetera die Rede. Auffällig häufig provoziert die Frage nach der Wissenschaft, ihrem Wesen und ihren Anforderungen, Klagen über den alltäglichen Wissenschaftsbetrieb. Da werden überbordende Verwaltung, Evaluation, Rankings, Wettbewerb und Konkurrenz um Mittel, Stellen und Prestige beklagt, sowie die fortschreitende Ökonomisierung, Optimierung und Effizienzausrichtung, ein ständiger Publikations-, Leistungs- und Ergebnisdruck, nicht zuletzt die Prekarisierung der (sogenannten) Nachwuchswissenschaftler, der Dünkel und die strengen Hierarchien der Statusgruppen.

Das betrifft auch den wissenschaftlichen Habitus selbst: Wer gehört werden wolle, müsse heute laut sein, nicht ruhig, abwägend und genau. Empirische Untersuchungen belegen den Trend, demzufolge heute eine “Abkehr von einer Ausrichtung der Wissensproduktion auf inhaltliche Fragestellungen und Problemlagen und eine Hinwendung zu strategischen, nachfrageorientierten Thematiken” feststellbar ist. Dabei gewinnen “managerielle Kompetenzen und zweckrationale Praktiken als Passungs- und Kompetenzmerkmal” für Professorinnen und Professoren zunehmend an Bedeutung (Lenger 2017). Wissenschaftler werden demnach zu Wissensverwaltern und Managern, die Wahrheits- und Wissenssuche tritt zunehmend in den Hintergrund.

Aufgrund der COVID-19-Krise gewinnt Muße neuerlich an Brisanz. Einerseits führt die aktuelle Situation dazu, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Entlastungserfahrungen berichten, weil Präsenzformate und Verwaltungsaufgaben wegfallen und die Terminflut abebbt. Andererseits ergeben sich aber zusätzliche Belastungen, die sich nicht allein auf die allgemeinen gesellschaftlichen Problemfelder (Kinderbetreuung, Homeschooling, Pflege von Angehörigen et cetera) beschränken. So sind etwa ein Digitalisierungsdruck, ein erschwerter Ressourcenzugriff, thematische Verengungen und Rückstellungen nicht “systemrelevanter” Forschungsfelder auszumachen. In der Pandemie zeigt sich zwar einerseits exemplarisch anhand der beeindruckend schnellen Entwicklung von Impfstoffen, was mit dem entsprechenden politischen Willen, mit Kooperation und finanziellem Einsatz in der Wissenschaft möglich ist. Doch es wäre naiv, das allein als Beleg einer wissenschaftlichen Potenz stehen zu lassen. Der Preis für den Erfolg ist enorm – und er wird vor allem von Disziplinen und Akteuren gezahlt, die gerade nicht im Fokus stehen und unmittelbar zur Lösung der Krise beitragen (vergleiche OECD Science, Technology and Innovation Outlook 2021).

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