Wissenschaft im engen Dialog mit dieser Wirtschaft

Seit bald 20 Jahren forscht und entwickelt die Fachhochschule Oberösterreich in engem Austausch mit der Wirtschaft. Der mit Forschung und Entwicklung erzielte Umsatz hat sich seit der Gründung der FH 2003 auf rund 20,3 Millionen Euro im Vorjahr fast verzwanzigfacht. Rund 240 Professoren und knapp 260 Mitarbeiter zeichneten dafür verantwortlich (siehe Porträts unten). Die Fakultäten in Hagenberg, Linz, Steyr und Wels zählen 70 Studiengänge und knapp 6000 Studierende.

An den vier Standorten wurden zehn sogenannte Center of Excellence und Stärkefelder aufgebaut: gesellschaftliche und soziale Innovation, Lebensmitteltechnologie und Ernährung, Medizintechnik, Smart Production, Energie, Automotive & Mobility, Logistik, Werkstoffe, Informations- und Kommunikationstechnologien sowie Digitale Transformation. “Sie bieten innovative Lösungen für Wirtschaft und Gesellschaft”, sagt FH-Präsident Gerald Reisinger.

Die FH Oberösterreich arbeitet intensiv mit Unternehmen und Organisationen aus der Praxis zusammen und gewinnt so Branchenexperten für Lehrveranstaltungen. “Auch der Berufseinstieg fällt leichter. Oft ist das Praktikum schon der entscheidende Baustein für den erfolgreichen Karrierestart, und es folgt ein konkretes Jobangebot”, sagt Reisinger. Er verweist auf eine Statistik des Arbeitsmarktservice: Demnach haben 99 Prozent der Fachhochschulabsolventen einen Job in ihrem Fachgebiet.

Netzwerk von 317 Partnerhochschulen

In einem Netzwerk von 317 Partnerhochschulen in 66 Ländern ist die FH Oberösterreich international aktiv. Über die aktuell zehn auf Englisch angebotenen Studiengänge hinaus wird das englischsprachige Programm kontinuierlich ausgebaut. Es umfasst mehr als 300 Lehrveranstaltungen.

Neben einem Studiengangssemester gibt es die Möglichkeit für ein Berufspraktikum im Ausland. “Viele Studierende nutzen die Netzwerke aber auch, um ein Masterstudium zu absolvieren oder ihre berufliche Karriere in einem internationalen Konzern zu starten”, sagt Reisinger. Zudem gibt es Fördermöglichkeiten für Auslandspraktika.

160 von 2000 Mitarbeitern forschen bei der AMAG

30 Produkte hat der Braunauer Alukonzern AMAG im Vorjahr neu auf den Markt gebracht: von recyclingfreundlichen Legierungen bis zu Walzprodukten mit optimaler Formbarkeit für komplexe Teile in der Automobilindustrie. „Rund 160 der 2000 Mitarbeiter am Standort sind in unserer Forschungsabteilung beschäftigt. Der Akademikeranteil liegt bei elf Prozent, ein sehr guter Wert für ein Produktionsunternehmen“, sagt Technikvorstand Helmut Kaufmann.

Rund 15 Millionen Euro oder 1,6 Prozent des Umsatzes von 904 Millionen Euro sind 2020 in Forschung und Entwicklung geflossen. Laut einer Erhebung gilt die AMAG als forschungsintensivstes Aluminium-Unternehmen in der EU.

In den Bereichen Physik, Chemie und Oberflächentechnologie tauscht sich der Konzern eng mit der Johannes Kepler Universität aus und gewinnt immer wieder Absolventen als Mitarbeiter. An der Fachhochschule Wels halten Vertreter der AMAG auch Vorlesungen.

Halbleiter-Spezialist EVG forscht auf Weltniveau

Das Innviertler Wafer-Unternehmen EVG ist durch seine Forschung erfolgreich auf dem Weltmarkt. „Die Arbeit an den fortschrittlichsten Mikroprozessor- und Speichertechnologien mit unseren Fertigungslösungen für die 3D-Integration integrierter Schaltkreise durch das sogenannte Waferbonden macht uns besonders stolz“, sagt Paul Lindner, Executive Technology Director von EVG. Große Wafer mit 300 mm Durchmesser werden dabei mit einer Genauigkeit von wenigen 10 nm zueinander justiert und miteinander verbunden. Dabei passen bis zu einer Million elektrischer Verbindungen auf jeden Quadratmillimeter des Wafers.

EVG arbeitet mit weltweit führenden Forschungseinrichtungen zusammen und bietet Praktikumsplätze. Im Rahmen von Diplom- und Doktorarbeiten können Studierende an anspruchsvollsten Projekten mitarbeiten.  (uru)

Stephan Winkler

Stephan Winkler vom FH OÖ Campus Hagenberg beschäftigt aktuell ein Thema besonders: Er nutzt sein Know-how in Medizininformatik, Data Science und Prescriptive Analytics (Handelsempfehlungen mittels künstlicher Intelligenz), um Simulationen zur Corona-Lage zu erstellen. Es geht dabei um die weitere Entwicklung der Neuinfektionen im Vergleich zum Impffortschritt und zur Ausbreitung der Virusmutationen.
„Die Informationstechnologie und die Möglichkeiten der Digitalisierung, kombiniert mit Wissen aus Biologie, Genetik, Medizin und Pharmazie, eröffnen unzählige Chancen für unsere Gesellschaft – auch die Chance, die Pandemie zu meistern“, sagt der Leiter der Bioinformatik-Forschungsgruppe sowie der Studiengänge Medizin- & Bioinformatik und Data Science & Engineering.

Jaroslaw Jacak

Jaroslaw Jacak, Professor für Physikalische Biochemie, forscht an der Fachhochschule Linz. Er arbeitet an biologischen Systemen, um Tierversuche überflüssig zu machen. Mit deren Hilfe lässt sich vorhersagen, wie der menschliche Körper auf Stents, Herzklappen oder künstliche Blutgefäße reagiert.

Ein Beispiel dafür ist die Mikrofluidik-Technologie, die immer öfter in sogenannten Biochips in der Biotechnologie und der Medizintechnik verwendet wird. Damit lässt sich feststellen, wie menschliche Zellen oder nachgebildete Organe auf Medikamente, Nanopartikel oder Krankheitserreger ansprechen. Die Technik eignet sich auch dazu, die Entstehung von Thrombosen oder biologische Barrieren zu untersuchen, die sich zwischen Zellen bilden. Jacak arbeitet dabei mit hochauflösender Mikroskopie.

Lisa-Maria Putz

Lisa-Maria Putz, Expertin für nachhaltigen Transport, forscht an der FH Steyr unter anderem daran, den Güterverkehr emissionsfrei zu machen. Eine weitere ihrer jüngsten Entwicklungen: Gemeinsam mit Steyrer und Hagenberger Kollegen hat sie die Spiele-App „Logistify“ programmiert, die Abläufe im Warenverkehr einer breiten Öffentlichkeit bewusst machen soll. Der Spieler schlüpft dabei in die Rolle eines Caterers, der eine Party beliefert, zu der der Gastgeber seine ganze Nachbarschaft eingeladen hat. Waren, die die verschiedensten Geschmäcker ansprechen, müssen besorgt werden, ohne einen vorgegebenen Preisrahmen zu sprengen. Zusätzlich wird der ökologische Fußabdruck des Caterers überwacht. „Jeder kann sehen, wie nahe er dem perfekten Logistiker kommt“, sagt Putz.

Gerald Steinmaurer

Gerald Steinmaurer, Leiter der Energieforschungsgruppe ASIC an der FH Wels, entwickelt im Team eine Plattform, die industriellen Energieverbrauch und deren Erzeugung in der Region sichtbar macht. Im Fokus: die technischen, betriebswirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen.
Für das Projekt wurden industrielle Energiegemeinschaften in Wels, im Betriebsbaugebiet Ennshafen und in Hagenberg definiert. Basierend darauf sollen Geschäftsmodelle entwickelt und mithilfe von Simulationen evaluiert werden. Zudem untersuchen die Forscher die sozioökonomischen Auswirkungen. Sie bewerten darüber hinaus, welche Unternehmen gut zu derartigen Gemeinschaften passen, wer Lieferung, Bezug und Speicherung koordiniert und wo die Vorteile, auch im finanziellen Bereich, liegen.

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