Wirtschaft wächst trotz Corona – Inflation weiter Problem

Athen. Die Delta-Variante des Coronavirus wütet auch in der Türkei, am Dienstag meldeten die Behörden fast 22.000 Neuinfektionen. Aber die türkische Wirtschaft erholt sich bereits von der Pandemie. Das zeigen die Daten, die das staatliche Statistikamt Türkstat am Mittwoch veröffentlichte.

Im zweiten Quartal wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,9 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Im Jahresvergleich stieg die Wirtschaftsleistung sogar um 21,7 Prozent. Das war der höchste Zuwachs seit 1999. Gegenüber den ersten drei Monaten hat sich das Wachstum deutlich beschleunigt. Im ersten Quartal lag das Plus im Jahresvergleich bei 7 Prozent.

Das starke Wachstum im Frühjahr ging vor allem auf das Konto des privaten Verbrauchs, der im Jahresvergleich um 23 Prozent zulegte, der Investitionen, die 20,3 Prozent wuchsen und der Exporte, die sogar ein Plus von 60 Prozent verzeichneten.

Hakan Kara, der frühere Chefvolkswirt der türkischen Zentralbank, erwartet auch im dritten Quartal eine Fortsetzung der starken Konjunktur. Darauf deuten die Daten zur Industrieproduktion hin. Im Gesamtjahr 2021 könnte die türkische Wirtschaft ein Wachstum von 10 Prozent verzeichnen, meint der Wirtschaftsexperte.

Finanzminister Lutfi Elvan sagte vergangenen Monat, er rechne für 2021 mit einem Wachstum von über 8 Prozent. Die Ratingagentur Moody’s erwartet 6 Prozent. Schon 2020 zeigte sich die türkische Wirtschaft in einer robusten Verfassung. Trotz der Pandemie, die zu mehreren Lockdowns führte, legte das BIP um 1,8 Prozent zu.

Inflation großes Problem in der Türkei

Regierungsunabhängige Ökonomen sehen allerdings Gefahren. Wachstum sei nicht das Problem der Türkei, sagt Alvaro Ortiz, Analyst der spanischen Großbank BBVA, sondern die Inflation. Sie betrug im Juli 18,95 Prozent. Die hohe Teuerung spiegelt die lockere Geldpolitik. Der Leitzins der türkischen Zentralbank liegt mit 19 Prozent gleichauf mit der Inflationsrate.

Staatschef Recep Tayyip Erdogan, der großen Einfluss auf die Geldpolitik nimmt, fordert von den Währungshütern sogar Zinssenkungen. Die Regierung versucht, mit billigen Darlehen und Kreditsubventionen die Wirtschaft anzukurbeln. Dabei bleibt die Preisstabilität auf der Strecke. Die Geldentwertung beschleunigt tendenziell die Abwertung der Lira an den Devisenmärkten, auch wenn sich die türkische Währung nach den schweren Verlusten der vergangenen drei Jahre seit dem Frühjahr stabilisiert hat.

Erdogan unter Druck

Die steigende Teuerung und wachsende Arbeitslosenzahlen machen Erdogan zunehmend politisch zu schaffen. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Metropoll von Ende August hat der Staatschef die Zustimmung der Mehrheit der Bevölkerung verloren. Während im Juli noch 48 Prozent der Befragten Erdogans Politik befürworteten, waren es im August nur noch 38 Prozent. Auch unter den Wählern der Erdogan-Partei AKP ging die Zustimmungsquote von 81 auf 76 Prozent zurück. In der Türkei finden spätestens im Sommer 2023 Parlaments- und Präsidentenwahlen statt.