Wirtschaft fordert Impfpflicht gegen Corona

Düsseldorf, Stuttgart Joachim Kreuzburg kennt sich mit Gesundheitsfragen aus. Der Chef des Pharmazulieferers Sartorius, dessen Technologien auch bei der Impfstoffproduktion eingesetzt werden, spricht sich für eine Impfpflicht gegen das Coronavirus aus: „Mit Freiwilligkeit der Impfungen kommen wir offensichtlich nicht auf die notwendige Impfquote von 90 Prozent.“

Auch der Chef des Biotech-Unternehmens Qiagen, Thierry Bernard, fordert eine obligatorische Impfung: „Alle Daten zeigen, dass die Impfung die Sterblichkeitsrate und die Krankenhauseinweisungsrate erheblich senken wird.“

Künftig sind Beschäftigte in medizinischen Berufen dazu verpflichtet, sich impfen zu lassen. Nun mehren sich die Stimmen, die Maßnahme auf alle auszuweiten – nachdem die Volksvertreter im Sommer eine Impfpflicht noch ausgeschlossen haben. Österreich hat zuletzt als erstes Land in Europa alle Bürger verpflichtet, sich gegen Corona impfen zu lassen.

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Leonhard Birnbaum (Eon)

„Es wird immer deutlicher, dass eine Impfpflicht als Ultima Ratio einer freiheitlichen Demokratie ein Preis ist, den wir zahlen werden müssen, wenn wir eine Dauereinschränkung des Lebens in den nächsten Jahren verhindern wollen.“

(Foto: dpa)

Eine solche Maßnahme halten Unternehmer und Manager in Deutschland für richtig. So sagt Eon-Chef Leonhard Birnbaum: „Es wird immer deutlicher, dass eine Impfpflicht als Ultima Ratio einer freiheitlichen Demokratie ein Preis ist, den wir zahlen werden müssen, wenn wir eine Dauereinschränkung des Lebens in den nächsten Jahren verhindern wollen.“

Viele Dax-Konzerne äußerten sich auf die Anfrage, wie bei politischen Themen üblich, zurückhaltend. Doch hinter vorgehaltener Hand mehren sich selbst dort die Stimmen für eine allgemeine Impfpflicht.

Familienunternehmer beziehen klar Stellung

Eindeutiger sind die Vertreter der großen Familienunternehmen: Martin Herrenknecht, Vorstandschef des gleichnamigen Tunnelbauers, sagt: „Es geht um mehr als die Freiheit Einzelner.“ Alles deute auf eine Notlage hin, mit enormen menschlichen Verlusten und harten wirtschaftlichen Einbußen. „Eine höhere Impfquote schützt vor noch tragischeren Entwicklungen.“

Auch laut dem Chef des Logistikspezialisten Jungheinrich, Lars Brzoska, brauche es „dringend eine Impfpflicht“. Er sagt: „Die gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie erreichen ein verheerendes Ausmaß, die Impfverweigerung eines Teils der Bevölkerung ist nicht weiter hinnehmbar.“

Martin Herrenknecht (Herrenknecht)

„Es geht um mehr als die Freiheit Einzelner.“

(Foto: Frank Beer für Handelsblatt)

Michael Prochaska, Personalvorstand des Motorsägenherstellers Stihl, beobachtet in seiner Firma gerade ein höheres Infektionsgeschehen als in den ersten Wellen. „Mit einer generellen Impfpflicht wären wir nicht in dieser Situation.“ Zum Schutz der Belegschaft plädiert er deshalb für verpflichtende Maßnahmen, „um zu einem normalen Leben zurückkehren zu können“.

Und Ulrich Dietz, Gründer und Aufsichtsrat des Stuttgarter IT-Unternehmens GFT, meint: „Zur Vermeidung einer gesellschaftlichen Katastrophe ist eine generelle Impfpflicht unumgänglich.“

Auch Reinhold von Eben-Worlée, Chef des Hamburger Chemieunternehmens Worlée und Präsident des Familienunternehmer-Verbands, spricht sich für eine Impfpflicht aus: „Unsere erste Pflicht als Unternehmer ist es, die Wirtschaft am Laufen zu halten – und das geht nur mit gesunden und vollständig geimpften Mitarbeitern.“ Wenn die Menschen vor die Wahl zwischen Lockdown und Impfpflicht gestellt werden, sei Letzteres der kleinere Eingriff in die Freiheit.

Im Sommer waren viele Unternehmen noch gegen eine Impfpflicht

Vor wenigen Monaten klang das noch anders: „Eine Impfpflicht ist ein zu gravierender Eingriff in die Freiheitsrechte“, hatte von Eben-Worlée Anfang August im Handelsblatt gesagt. So wie er drängten Deutschlands Firmen bei der damaligen Abfrage noch nicht auf eine Impfpflicht. Doch die seit Wochen steigenden Infektionszahlen, Bilder aus überlasteten Krankenhäusern und das erneute Herunterfahren des öffentlichen Lebens in Teilen Deutschlands haben zu einem Umdenken geführt.

Patrick Zahn (Kik)

„Die Politik hat da viel zu lange zugeschaut, wir müssen jetzt handeln – auch aus wirtschaftlichen Gründen.“

(Foto: Getty Images)

Zustimmung zu einer allgemeinen Impfpflicht kommt auch aus Handel und Gastronomie, die besonders von der Krise betroffen sind. Eine Impfplicht sei der einzige Weg, die Pandemie langfristig in den Griff zu bekommen, sagt Patrick Zahn, Chef des Textildiscounters Kik: „Die Politik hat da viel zu lange zugeschaut, wir müssen jetzt handeln – auch aus wirtschaftlichen Gründen.“ Noch strengere Regeln wie 2G im Handel würden zu einem Rückgang der Nachfrage führen.

Stephan von Bülow, Chef der Steakhauskette Block-Gruppe, fürchtet ohne verpflichtende Impfungen weitere Einschränkungen in der Branche sowie „massive negative wirtschaftliche Folgen. Der Staat wird die Verluste der betroffenen Unternehmen nicht dauerhaft ausgleichen können.“

Anja Steinhaus-Nafe vom Feinkostspezialisten Steinhaus aus Remscheid ergänzt, dass sich die Politik keine weitere Unentschlossenheit erlauben könne. „In unserer Situation gibt es keine Alternative.“

Und Takuma Wohlfahrt, Geschäftsführer des Weihnachtsdekoanbieters Käthe Wohlfahrt, dem nun erneut die Hauptsaison wegzubrechen droht, sagt: „Um die vierte Welle schnell zu brechen und nachhaltig eine fünfte Welle zu unterbinden, ist eine Impfpflicht nun kaum noch zu umgehen.“

Anja Steinhaus-Nafe (Feinkostspezialist Steinhaus)

„In unserer Situation gibt es keine Alternative.“

(Foto: Steinhaus)

Zwar würde eine Impfpflicht die Infektionszahlen nicht sofort senken, doch sie dürfte dafür sorgen, dass die Pandemie dauerhaft bekämpft wird. So sagt Stephan Sturm, Chef des Gesundheitskonzerns Fresenius: „Kurzfristig helfen würde vielmehr, Impfkapazitäten schnell zu erhöhen, sehr niedrigschwellige Angebote an die Bevölkerung zu richten und Vorurteile gegen das Impfen weiter abzubauen.“

Sollte das alles nicht zu einer deutlich höheren Durchimpfung der Bevölkerung führen, „wäre auch eine allgemeine Impfpflicht in Erwägung zu ziehen“, so Sturm. „Denn einen Herbst 2021 in Endlosschleife, unter der Geimpfte wie Ungeimpfte leiden müssten, können wir uns als Gesellschaft nicht leisten.“

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