Wirtschaft – Bayerns Industrie zwischen Frust und Fortuna – Bayern

Bayerns Industrie passt zwischen 98 Seiten. Penibel listet der Bericht jede Branche auf, die zwischen Aschaffenburg und Berchtesgaden produziert – und damit auch die eine oder andere Überraschung. Oder wer weiß schon, dass jene 18 195 Menschen, die für durchschnittlich 36 859 Euro brutto jährlich Holz-, Flecht-, Korb- und Korkwaren herstellen, den Umsatz ihres Wirtschaftszweigs 2020 um 4,8 Prozent auf 4,5 Milliarden Euro steigern konnten? Wo steht Bayerns Industrie: An dieser Verortung haben sich schon viele versucht. In Zeiten von Corona- und Klimakrise, Wahlkampf, Fachkräftemangel und Digitalisierung ist die Annäherung noch mal schwieriger. Zwei aktuelle Studien versuchen sich an der Standortbestimmung – aus verschiedenen Richtungen.

Das im direkten Vergleich rosigere Bild zeichnet dabei der 98 Seiten starke “Industriebericht 2021” des Wirtschaftsministeriums. Die aus Industriesicht beste Nachricht findet sich dort weit vorne: Der Branche komme weiterhin “eine große Bedeutung im Freistaat zu”. Allerdings, und das ist die schlechte Nachricht, hat die Industrie gegenüber anderen Wirtschaftsbereichen zuletzt am meisten verloren. 2020 trug sie zur Bruttowertschöpfung im Freistaat 23 Prozent bei, fast zwei Punkte weniger als 2019. Der Bereich Finanzierung, Vermietung und Unternehmensdienstleistung legte dagegen leicht zu und ist nun für 27,1 Prozent der Wertschöpfung verantwortlich. Gastronomie, Handel, Verkehrsbetriebe und Kommunikationsunternehmen kommen 20 Prozent, öffentliche und sonstige Dienstleister auf 19 Prozent.

Diese Verschiebung hat natürlich auch mit den Folgen der Corona-Pandemie zu tun. Im ersten Lockdown standen weltweit viele Bänder still, brach die Nachfrage ein – und damit das Geschäft für die exportorientierte Industrie. Für den in Bayern sonst so starken Autobau schlägt ein Umsatzminus von knapp zwölf Prozent oder 14 Milliarden Euro zu Buche. In der Metallerzeugung und -bearbeitung sank der Umsatz um 10,3 Prozent, im Maschinenbau um 8,6 Prozent. Nur wenige Branchen meldeten ein Plus, darunter die vergleichsweise kleine Flecht- und Korbwarenproduktion. Auch das Bauhauptgewerbe spürte wenig von der Krise, der Umsatz lag bei 19,8 Milliarden Euro – rund acht Prozent mehr.

Trotz teils erheblicher Einbußen scheinen die meisten Betriebe mit dem Standort Bayern zufrieden zu sein: Auch weil sie wissen, woran sie hier sind. Das ist das Ergebnis der zweiten Studie, herausgegeben von der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft. Sie vergleicht den Freistaat mit 44 Staaten, am Ende belegt er den dritten Rang. Deutschland kommt auf den fünften Platz. Bayern punktet unter anderem mit leistungsfähigen Wertschöpfungsketten, wirksamer Korruptionskontrolle und sehr guter Infrastruktur. Dennoch gibt es einige Baustellen, die der Industrie das Arbeiten erschweren. Zum Beispiel dürfe die relativ gute Bewertung der digitalen Infrastruktur, “nicht über den stetigen Handlungsbedarf” hinwegtäuschen, heißt es in der Untersuchung: Hierbei liege man hinter vielen europäischen Wettbewerbern. Als größter Nachteil gilt das relativ hohe Kostenniveau. Hohe Arbeits- und Energiekosten sowie die Steuerbelastung bedeuten für Bayern in dieser Kategorie Platz 42.

Inzwischen laufen die Geschäfte in vielen Bereichen wieder besser. Zwar gibt es Lieferprobleme bei Teilen und Rohstoffen, doch die Exporte haben angezogen. Wie dauerhaft der Aufschwung sein wird, ist eine andere Frage- für neue Studien, die da sicher kommen werden. So hat der Umbau der Autoindustrie hin zu alternativen Antrieben erst begonnen. In anderen Branchen ist der Kostendruck jetzt schon erheblich, etwa in der Bekleidungsproduktion. Deren Umsätze sinken seit Jahren, auf zuletzt 1,5 Milliarden Euro. Nur noch 70 Betriebe mit 8459 Beschäftigten zählt der “Industriebericht”.