„Wir wollen Sex mit anderen Leuten, immerhin unsrige Liebe nicht riskieren…“ – B.Z. Bundeshauptstadt



Jana Förster

Zahlreiche E-Mails und Briefe erreichten uns in den vergangenen Tagen zur beliebten Kolumne von Sexualberaterin Jana Förster. Einmal pro Woche widmet sie sich einem dieser Themen und gibt Ratschläge. Heute geht es um die offene Beziehung.

Leserin Paula aus Treptow fragt: „Mein Mann und ich sind jetzt ein knapp 15 Jahren ein Paar. Als wir im Sommer im Urlaub waren, hat er mir in einer Alkohollaune gesagt, dass er gern mit anderen Frauen schlafen möchte.

Ich war zunächst geschockt und verletzt, weil ich dachte, dass ich ihm nicht mehr reiche. In den Tagen danach haben wir sehr viel geredet, und ich fand nach dem ersten Schock den Gedanken ebenfalls gut, neue Erfahrungen sammeln zu können.

Nun haben wir beschlossen, unsere Beziehung zu öffnen. Wir haben aber Angst, etwas falsch zu machen und unsere Liebe zu riskieren. Haben Sie Tipps, wie man die Beziehung sexuell öffnen kann, ohne selbige aufs Spiel zu setzen?“

Sexualberaterin Jana Förster antwortet: „Unter Paarberatern und Paartherapeuten sagen wir gern im Scherz: ,Paare setzen sich zwei Mal in Ihrer Beziehung mit sexueller Treue auseinander. Bei der Heirat und wenn die Affäre auffliegt.‘

In einer langen Partnerschaft muss man sich einfach mit dem Thema (körperliche) Treue befassen, auch wenn das viele Paare nicht wahrhaben wollen. Wenn ich eins aus meinem Praxisalltag weiß, dann: Für die allerwenigsten ist Monogamie einfach. Und trotzdem einigen wir unser wieder selbstredend darauf.

Doch ist das wirklich so, dass wir uns bewusst dafür entscheiden? Oder wird es uns von vornherein als einziges Beziehungsmodell in die Wiege gelegt? Selbst Disneyfilme zeichnen uns von klein auf nur diese Art der Bindung. Monogamie – und alle sind glücklich.

Immer mehr Paare gestehen sich ein, dass sie damit nicht so glücklich sind, wie wir alle glauben. Seit eh und je gibt es Untreue, Affären, Zweitbeziehungen. Es ist also kein neues Thema. Offen darüber zu sprechen, hingegen schon. Und ich steige zu gern in jedes Gespräch darüber ein!

Sie haben als Paar eine ganz besondere Hürde genommen, über die sehr viele oben genannte Paare nicht springen wollen (oder können): Sie haben sich einander gezeigt und geöffnet.

Ihr Mann hat sich entschieden, sich seine Bedürfnisse und Wünsche im ersten Schritt selbst einzugestehen und Sie dann ins Vertrauen zu nehmen (Wein sei Dank), auch wenn er damit eine Krise riskiert.

Denn – sind wir mal ehrlich – er hätte auch im Alleingang eine Affäre beginnen können. Sie haben sich miteinander den Gesprächen und Offenbarungen gestellt. Dazu möchte ich Ihnen gratulieren, denn schon diese Tatsache ist eine tolle Leistung.

Den Partner an den eigenen Prozessen teilhaben zu lassen, Entwicklungen zu formen und gemeinsam eine Beziehung immer wieder neu zu gestalten – das macht eine gute Partnerschaft aus.

Lesen Sie dazu auch

► „Ich will mich von meiner Freundin trennen, bin aber total ratlos, wie ich das anstellen soll“

► „Kann eine Beziehungspause unsere Partnerschaft retten?“

Ich gebe Ihnen heute drei wichtige Schritte an die Hand, wie sie vorgehen können, um Ihre Beziehung langsam zu öffnen.

Schritt 1: Die Beziehung zu öffnen, braucht sehr viel Kommunikation. Das ist die unabdingbare Basis. Gespräche schaffen Vertrauen, Verbundenheit und Nähe. Das ist das beste Rezept gegen Eifersucht. Überstürzen Sie nichts. Sie haben Zeit!

Bleiben Sie vor allem jetzt am Anfang intensiv im Gespräch. Schauen Sie genau hin, wie Ihre jeweiligen Bedürfnisse aussehen. Wonach sucht jeder von Ihnen? Was können Sie in der Partnerschaft alles abdecken, welche Punkte eher nicht?

Sprechen Sie auch unbedingt über Gefühle wie Eifersucht, denn diese wird es immer wieder mal geben. Sehen Sie Eifersucht nicht als Feind, sonders als ein natürliches Gefühl, was Sie annehmen und gemeinsam zum Thema machen können. Sie sind nicht allein!

Schritt 2: Sehen Sie die Öffnung nicht als einmaligen Beschluss. Sehen Sie es eher als Experiment. Schaffen Sie sich Regeln, die Sie eine Weile ausprobieren und immer wieder in den TÜV schicken.

Überlegen Sie sich, was in Ihrer Ehe exklusiv bleibt, damit es einen geschützten Raum zwischen Ihnen beiden gibt, den niemand sonst betreten darf.

Ein Beispiel aus eigener Werkzeugkiste: Viele offene Paare schließen Übernachtungen mit anderen Menschen aus, weil es sehr intim ist, mit jemandem einzuschlafen und aufzuwachen.

Es können auch spezielle sexuelle Handlungen oder Orte sein, die sie sich als Paar exklusiv erhalten wollen. Schauen Sie gemeinsam, was Ihnen heilig ist und bleiben soll.

Schritt 3: Arbeiten Sie ganz aktiv an der Qualität der eigenen Beziehung und Sexualität, investieren Sie viel Zeit darin. Die Öffnung sollte keine Flucht aus der eigenen Bindung sein, sonst entfernen Sie sich auf kurz oder lang voneinander. Das birgt große Konfliktgefahren und führt meistens zum Scheitern dieses Modells.

Je gefestigter Sie als Paar im Inneren sind, desto besser. Die Basis einer funktionierenden offenen Beziehung (siehe auch Infokasten) sind emotionale Stabilitat und Sicherheit innerhalb der Bindung.“

Drei Vorteile und Gefahren dieses Beziehungsmodells

► Vorteil: Sie können zu sich selbst, Ihren Bedürfnissen und Wünschen stehen. Gefahr: Dies als Freifahrtschein verstehen. Nein, das ist es nicht. Es wird lediglich zum Thema gemacht und Kompromisse und Lösungen werden möglich.

► Vorteil: Sexuelle Selbstverwirklichung. Es können verschiedenste Facetten ausgelebt werden, die selten 100 Prozent deckungsgleich mit denen des Partners sind. Gefahr: Flucht aus der partnerschaftlichen Sexualität. Diese muss unbedingt im Fokus stehen und gut gestaltet werden.

► Vorteil: Verschiedene Bindungen, Freundschaft plus und Abenteuer können gelebt werden und das eigene Selbst bereichern. Gefahr: Wo neue Bindungen entstehen, da ist immer auch Verliebtheitsgefahr. Bleiben Sie ganz ehrlich zu sich und in der Kommunikation mit Ihrem Partner über diese Themen.

Berlin Ernachrichten