Wie ich ohne Tinder dies perfekte Match fand

Die digitale Suche nach der großen Liebe ist schon heute ganz normal. In Zukunft, im Jahr 2042, übergibt man die Suche aber vielleicht einer künstlichen Intelligenz (KI), die einen besser kennt als man selbst. Mein fiktiver Selbstversuch zeigt, wie das funktionieren könnte.

Ich las gerade, wie Long John Silver die Meuterei auf der Hispaniola begann, als sich die AssistantWatch an meinem Handgelenk meldete. „Immer wenn es spannend wird“, denke ich und lege mein Buch beiseite. Was ein Buch ist, könnte euch Sissy erklären. Denn Sissy ist die (fast) allwissende KI, die sich jetzt auf meiner AssistantWatch zu Wort meldet.

„Sarah, ich wünsche dir von ganzem Prozessor alles Liebe zum Geburtstag!“, tönt Sissy in einem fröhlichen Singsang. „Und apropos Liebe: Zum Geburtstag schenken wir dir eine kostenlose Testversion unserer beliebten Dating-App LoveWatch.“

Seit zwei Jahren möchte mir Assistant diese App schenken und immer wies ich es ab. Gerade als ich diese Tradition fortführen will, erinnere ich mich an meinen besten Freund. Er hatte mir erst gestern freudestrahlend von seinem ersten Date erzählt, natürlich vermittelt durch LoveWatch. Ich zögere kurz und nehme das Geschenk an.

Themenwoche Zukunft auf GIGA

Ja, das ist ein Beitrag über das Jahr 2042. Nein, ihr habt keine Zeitreise gemacht. Dieser Beitrag gehört zur Themenwoche „Die Zukunft im Jahr 2042“ auf GIGA, in der wir unser Millennium um 21 Jahre weiterdrehen und euch zeigen, wie die Tech- und Gaming-Welt im Jahr 2042 aussehen könnte.

Sämtliche Beiträge dieser Themenwoche findet ihr in unserem Special zum Jahr 2042.

Gleiche Rechte für natürliche und künstliche Menschen

Sissy begleitet natürlich meinen Start in LoveWatch: „Wahrscheinlich fühlst du dich gerade etwas überfordert bei all den Gesichtern, oder?“ Ich muss nicht antworten, sie weiß es. „Schau dir einfach verschiedene Profile an. Wir erkennen anhand deiner Bewegungen und Entscheidungen, wen du ansprechend findest. So können wir mit der Zeit die perfekte Auswahl für dich zusammenstellen.“

Empfehlungsalgorithmen also, nun gut. Aber was ist mit… „Übrigens ermöglichen wir dir, sowohl natürliche als auch künstliche Menschen zu daten. Wir wollen für mehr Respekt und Toleranz sorgen. Haben nicht auch Androidinnen und Androiden ein Recht auf Schmetterlinge im Bauch?“

Dass sich Menschen und Androiden daten, ist heute keine Seltenheit. Die künstlichen Menschen sind längst mehr als Roboter. Als anerkannter Teil der Gesellschaft haben sie mehr und mehr Rechte bekommen: Das Recht auf Würde, auf freie Meinung und Selbstbestimmung.

So heißt es jedenfalls offiziell. Inoffiziell werden Androidinnen und Androiden immer noch als bloße Automaten betrachtet, deren freier Wille sich in den Augen vieler darauf beschränkt, sich den Menschen freiwillig unterwerfen zu dürfen.

Wie in „Detroit: Become Human“ wird die Frage nach der Grenze zwischen Mensch und Maschine unsere Zukunft prägen. (Bild: Quantic Dream)

Die Partnersuche in LoveWatch ist überraschend simpel: Auf meiner Uhr erscheint das Gesicht und das Kurzprofil eines Users. Anstatt nach links oder rechts zu swipen, sage ich nur leise „Ja“ oder „Nein“. Bei einem Ja erscheint der User als Hologramm über meinem Display, um mehr von sich zu erzählen. Da Fernbeziehungen und Sprachbarrieren dank Echtzeitübersetzungen und Holografie keine Hürde mehr sind, werden mir User aus allen Teilen der Welt angezeigt.

Was sich sonst noch getan haben könnte im Jahr 2042, zeigen wir euch in der Spezial-Ausgabe unserer GIGA Headlines:

Eine künstliche Intelligenz für den ersten Schritt

Nach einigen Minuten stoße ich auf das Profil von Anna, die mir nach meiner Bestätigung als Hologramm erscheint. „Hallo Sarah! Ich bin Anna. Und um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht so genau, was ich dir von mir erzählen soll.“ Sie lacht. „Obwohl … Ich kann mich stundenlang über Kryptokunst unterhalten und engagiere mich aktiv für die Rechte von Androidinnen und Androiden. Falls ich also mal nicht in einem Kunstmuseum unterwegs bin, dann wahrscheinlich auf einer Demo. Vielleicht hast du ja Lust, mich zu begleiten?“

Ich lächele. Anna ist die erste Person, die mich wirklich fasziniert. Auch Sissy hat das natürlich bemerkt: „Ich ging schon davon aus, dass Anna eine Chance bei dir haben wird. Aber keine Sorge: Den nächsten Schritt musst du nicht selbst gehen. Anna schaut sich soeben dein Profil an, das wir über dich erstellt haben. Gerade erzählt ihr dein Hologramm etwas über dich und dein Leben, wobei wir natürlich nicht zu viel verraten. Falls sie dich ebenfalls ansprechend findet, könnt ihr euch in unserem Chat besser kennenlernen.“

Kaum hat Sissy ihren Satz beendet, ploppt auf meinem Watch-Display der Chat auf, und Anna und ich chatten – ohne dass ich Nachrichten formuliere! Sissy formuliert meine Antworten so, wie ich es tatsächlich tun würde, und vereinbart direkt ein Treffen mit Anna.

Ich hatte schon viel über die Sissy-KI gelesen, wie authentisch sie aber wirklich ist, das ist schon erschreckend. Viele Menschen schwören auf diesen KI-Chat. Denn falls man sich nicht mehr für jemanden interessiert, lässt man den Chat alles regeln, ohne nach Ausreden suchen zu müssen.

Sissy erklärt mir, dass sie Datum und Ort des ersten Treffens anhand unserer Terminkalenders findet. Zudem achte sie darauf, dass das Date an einem öffentlichen Ort stattfindet. Sicherheit stehe für Sissy an oberster Stelle. Da Anna und ich nah beieinander wohnten, sollten wir uns bereits heute Nachmittag in der Nähe des Holoseums treffen. Das Museum erweckt die berühmtesten Malerinnen und Maler per Hologramm zum Leben, zeigt aber nicht ihre fertigen Gemälde sondern wie sie tatsächlich erschaffen wurden.

Das perfekte Match?

Als mich das selbstfahrende, von Sissy georderte Taxi zum Treffen fährt, wandern meine Gedanken zu Anna. Sie ist mein erstes Date seit zwei Jahren, ich bin also ein klein wenig aufgeregt. Sissy hatte mir jedoch versichert, während des Dates nachzufragen, ob alles in Ordnung sei. Melde ich mich nicht, schickt sie eine autonome Drohne zur Kontrolle an unseren Treffpunkt.

Hologramme sind in 2042 längst Teil der Realität geworden (Bild: GettyImages / tampatra).

Am Holoseum angekommen, navigiert mich Sissy direkt zu Anna, die mich in ihrem gelben Sommerkleid anstrahlt. „Hi Sarah! Es freut mich so, dass es so kurzfristig geklappt hat. Ich hoffe, du hast Lust auf das Holoseum. Ich war schon so oft drin, aber ich bekomme einfach nicht genug davon, wie Dürer an seinem Selbstbildnis malt“, erzählt sie lachend.

Während ich ihr von dem Krypto-Kunstwerk erzähle, dass ich von meinem besten Freund zum Geburtstag bekommen hatte, wirbelt eine Sommerbrise meine Haare durcheinander. Als ich etwas Ordnung in meine Frisur bringen will, verrutscht meine Uhr und Anna entdeckt die kleine Narbe an meinem Handgelenk, die ich stets versuche zu überdecken.

„Ah, diese Narbe habe ich schon oft gesehen. Wann wurdest du befreit?“, fragt Anna. Ich blicke in ihre plötzlich ernst gewordenen Augen und zögere.

„Meine letzte Besitzerin, Linda, hat mich vor vier Jahren entlassen, nachdem ihr Mann plötzlich an einem Herzinfarkt starb“, antworte ich schließlich. „Ich war damals als Haushalts-Androidin angestellt, um dem Ehepaar Arbeit abzunehmen. Linda war eine gute, dankbare Frau – anders als ihr gewalttätiger Ehemann – und entfernte schließlich den Chip, der mich an sie band. Meine Freiheit, sagte sie, sei das Mindeste sei, was sie mir schulde.“

Ich schaue auf die kleine Narbe. Eigentlich ist Narbenbildung unmöglich bei uns Androiden, jedoch sollte bei Chipentfernungen stets ein Mal zurückbleiben, um uns weiterhin von Menschen unterscheiden zu können. Anna streicht mit ihrem Zeigefinger über die Stelle und lächelt mich wieder an. „Wenn du magst, können wir Dürer und Co. warten lassen. Nicht weit von hier findet heute eine Demo für die Rechte künstlicher Menschen statt. Hättest du Lust?“

Ich lächele und nicke. In dem Moment vibriert meine AssistantWatch. „Fühlst du dich sicher?“, ist auf ihr zu lesen. Ich tippe zur Bestätigung zweimal auf das Display.

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