Welches die Schriftsystem aufwärts dem Kleidungsstück bedeutet

Eines Tages entdeckte Angelika Riley einen Parka, der zu ihr sprach, und das nicht nur metaphorisch. Sie fand ihn zwischen all den anderen Kleidungsstücken, die Menschen dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe überlassen. An ihr, der Kuratorin, liegt es dann, zu erkennen, ob es zwischen diesen Stücken Zusammenhänge gibt, die ein bisschen mehr über die Mode und die Gesellschaft um sie herum erzählen.

Und dieser Damenparka schien solch ein Potential zu haben, entworfen vom Designer Jean-Charles de Castelbajac im Jahr 1995: weiß mit rotem Kragen, roten Taschen und darauf in schwungvoller Schrift einige Zeilen aus dem literarischen Epos von Marcel Proust, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Die Rückseite fordert selbst zur Suche auf: mit den Lebensdaten des Schriftstellers, dessen Publikationen und Bekanntschaften.

Die Popkultur gab den Startschuss

Mehrere Monate nach diesem Fund sitzt Riley vor ihrem Laptop, zieht am Kragen ihrer Bluse, rückt noch etwas näher an die Kamera. Ob man ihre Brosche erkennen könne? Nur ein Wort steht darauf: Poesie. „Bei mir soll es etwas dezenter sein“, sagt sie entschuldigend. Muss ja nicht gleich jeder Proust tragen, selbst wenn, wie bei Riley, zum Interesse an Sprache und Ästhetik ein Hang zur Frankophonie hinzukommt.

Riley suchte nach weiteren beschrifteten Stücken in der Sammlung, fand bedruckte Papierkleider aus den Siebzigern und Teile aus dem Schaffenskreis der Antwerpener Schule, von Flora Miranda und Walter Van Beirendonck. Riley fiel auf: Mode und Schrift beeinflussen sich seit Langem. „Den wirklichen Startschuss gab die Popkultur.“

Was folgt jetzt?

Von den Sechzigern an wurde erstmals nicht nur über Mode, sondern vermehrt auch auf ihr geschrieben. Vorher war Kleidung selbst die Botschaft gewesen, doch nun wurden Schrift und das Spiel mit ihr zu einer neuen Ästhetik – auf Shirts, Kleidern, Overalls. Mal war sie politische Botschaft, mal reine Gestaltung. Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe sind diese historischen Werke aktuell und noch bis Oktober unter dem Titel „Die Sprache der Mode“ zu sehen. Doch wie geht es weiter, dieses Spiel von Design und Schrift, von Ästhetik und Gesellschaftskritik?

Vielleicht so: Mehrere U-Bahn-Stationen vom Museum entfernt, in einer Seitenstraße des Hamburger Szeneviertels Sternschanze, durchbricht ein Pop-up-Store mit giftgrünem Absperrband die Reihe an Altbaufassaden. Im Innern des Ladens ist es steril. Nicht nur wegen der üblichen Maßnahmen – Maske, Impfpass, Desinfektion –, sondern weil es so hell ist, dass man das Gefühl hat, es müssten selbst kleinste Partikel zwischen Scheinwerfern und Spiegeln reflektieren. An Kleiderstangen hängen T-Shirts und Hoodies.


Proust auf der Brust: Daunenjacke von Jean-Charles de Castelbajac, 1983, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
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Bild: Jean Charles de Castelbajac, Foto: MK&G

Hier warten Jessica Rees und Imad El Rayess, die beide ziemlich müde sind vom vielen Stehen und all dem Small Talk der vergangenen Tage. Sonst sitzen sie vor ihren Laptops, designen, tüfteln, telefonieren, mailen, chatten. Seine Zeit steckt das junge Paar seit zwei Jahren in Habibi, ihre gemeinsame Marke.

Was ihr Vorhaben so interessant macht, ist, dass es von Irritation lebt, die Idee dahinter aber verblüffend einfach ist. Shirts und Hoodies werden mit arabischer Schrift bedruckt, dem Wort Habibi. Das bedeutet Schatz oder Liebes. Ein alltäglicher Ausdruck, der an freundliche Fremde genauso gerichtet wird wie als Kosename an diejenigen, die einem wichtig sind. Die Irritation entsteht erst auf der Straße, wenn jene zärtliche Bedeutung verstanden wird – oder verkannt.