Warum hört die Politik nicht hinaus die Wissenschaft? | junge Jahre fragt

Welche Fragen bewegen junge Menschen in Thüringen? Die Spitzenkandidatinnen und -kandidaten der sechs Bundestagsparteien antworten.

Luisa Haag, 24 Jahre alt, aus Jena, möchte wissen: „Wir wissen seit Jahrzehnten, dass der Klimawandel kommt. Warum hört die Politik nicht auf die Wissenschaft?“ Das sind die Antworten der Kandidatinnen und Kandidaten.

Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen)

Katrin Göring-Eckardt, Thüringer Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen 

Foto: Luise Giggel

Luisa, da bist du bei mir an der richtigen Adresse. Denn wir finden es wichtig, auf die Wissenschaft zu hören. Dabei gibt es ja nicht nur die eine, sondern viele Erkenntnisse, die alle in die gleiche Richtung weisen und damit klar machen: Wir müssen jetzt sehr schnell sein. Denn die Kipppunkte sind fast erreicht. Und wenn man an diesen Punkten ist, dann lassen sich manche Dinge nicht mehr verändern und man hat es nicht mehr in der Hand. Deshalb müssen wir jetzt unmittelbar anfangen, die ersten Maßnahmen umzusetzen. Das schaffen wir mit dem Klimaschutzsofortprogramm.

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Susanne Hennig-Wellsow (Die Linke)

Susanne Hennig-Wellsow, Thüringer Spitzenkandidatin der Linken 

Foto: Flora Hallmann

Die Politik hört auf Wissenschaft, aber Politik muss selbst entscheiden. Politik ist nicht Wissenschaft, aber es gibt schon einen engen Kontakt. Aber die Dringlichkeit, die die Wissenschaft beim Klimawandel deutlich angemahnt hat, ist ignoriert worden. Da geht es um Konzerninteressen, um Gewinninteressen, darum, dass der Westen seine Vormachtstellung behalten möchte, was Wohlstand angeht. Ich sage nur: Ausfischen der Meere, unseren Müll sonst wohin zu bringen, gleichzeitig Kinder für unsere Smartphones seltene Erden schürfen zu lassen.

Das ist alles Ausdruck dessen, dass wir unseren Wohlstand auf Kosten des Planeten und anderer Kontinente und der Menschen dort leben. Ich verstehe die Frage absolut, weil wir jetzt in der Situation sind, dass wir entweder eine sehr radikale Klimapolitik machen, damit sie realistisch wird und wir die 1,5-Grad-Grenze nicht reißen. Oder dass wir weitermachen wie bisher, und dann werden wir katastrophale Folgen der Klimaerwärmung erleben. Das kann niemand wollen.

Inwieweit würden Sie Kompromisse eingehen zwischen dem, was die Wissenschaft fordert und dem, was andere Bereiche der Gesellschaft brauchen?

Ich glaube, das ist ein Ineinandergreifen der Wissenschaft und politischer Arbeit. Das gehört einfach zusammen und das kann man nicht pauschal beantworten. Wenn man Klimawandel und Arbeitskräfte anschaut – wie entscheidet man da? Wir Linke sagen ja zum Beispiel nicht: Wir schaffen die Autoindustrie ab. Sondern wir sagen: Wir wollen, dass die Mitbestimmung der Beschäftigten gestärkt wird.

Dass die Beschäftigten in Bereichen mit einem hohen CO2-Ausstoß, in denen es eine Transformation der Wirtschaft braucht, mitreden können über ihre Arbeitsplätze, und dass sie am Fortschritt und der Transformation beteiligt werden. Dass sie in ihrer eigenen sozialen Existenz gesichert sind, muss man beim Klimawandel natürlich immer mitdenken.

Gerald Ullrich (FDP)

Gerald Ullrich, Spitzenkandidat der Thüringer FDP 

Foto: Philipp Brendel

In gewisser Weise stimmt das natürlich. Solange man die Auswirkungen nicht am eigenen Leib spürt, denkt man, dass es irgendwie schon so weitergeht. Zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen muss man aber auch sagen, dass es diese von der anderen Seite genauso gab.

Vor zehn Jahren hatte man noch genauso viele Pro-Erkenntnisse wie Contra-Erkenntnisse zum Klimawandel. Vor vier bis fünf Jahren wurde noch stark propagiert, dass der Mensch nichts mit dem Klimawandel zu tun hat. Es gibt sogar heute noch Leute, die denken, dass der Mensch gar nichts mit dem Klimawandel zu tun hat, dass er rein natürlich ist. Wir sind als Menschheit soweit, dass wir in einem Jahr so viele Ressourcen verbrauchen, wie die Natur in einer Million Jahre angelegt hat.

Wer mir erzählt, dass das spurlos an diesem Planeten vorbeigeht, der hat nicht Recht. Ich habe keine Angst um den Planeten. Der kommt schon mit uns zurecht. Es geht um uns Menschen, dass wir unseren Enkeln eine lebenswerte Zukunft auf diesem Planeten geben können.

Dann müssen die Erkenntnisse der Wissenschaft auch umgesetzt werden. Aber wenn wir als Gesellschaft nicht mitziehen, dann wird dieses Projekt scheitern. Radikale Umbrüche und vor allem Verbote sind kontraproduktiv.

Es ist nicht nur die grüne Politik, sondern auch die Wissenschaft, die sagt, dass ein immer weiteres Wachstum zu den Umweltproblemen geführt hat.

Ich halte es für fatal, dass es heute junge Menschen gibt, die behaupten, dass vergangene Generationen Schuld an dem sind, was heute ist. Der Kriegs- und Nachkriegsgeneration ging es nicht um CO2-Ausstoß, sondern darum, die Familie über den nächsten Winter zu bringen und zu überleben.

Wenn diese Generation anders gedacht oder gehandelt hätte, säßen wir alle heute nicht hier. Wir hätten keine iPhones oder Laptops. Wir hätten nicht die Verlängerung des durchschnittlichen Lebensalters um 20 Prozent.

Aber was ist mit Krisenzeiten? Beim Klimaschutz kann keine Pause gemacht werden.

Deswegen sollten wir die Klimaschutzziele, die wir in den fetten Jahren hatten, nicht einfach abschaffen. Die Innovationen bleiben weiterhin bestehen. Wenn ein Gebäude in guten Zeiten energetisch saniert wird, dann kann man in Krisenzeiten froh sein, dass es schon saniert ist.

Stephan Brandner (AfD)

Stephan Brandner, Spitzenkandidat der Thüringer AfD 

Foto: Flora Hallmann

Wissenschaftliche Erkenntnisse stehen ja selten fest. Das zeichnet die Wissenschaft aus, dass selbst bei einfachen Fragen die Meinungen auseinander gehen. Wie bei der Impfung: Die einen sagen, es ist Teufelszeug, die anderen sagen, ohne Impfung geht’s nicht.

Das ist ein wissenschaftlicher Streit und letztlich gibt es absolute Wahrheiten in der Wissenschaft nicht immer. Die Politik muss abwägen, was mehr überzeugt. Falsch ist eine Politik, die auf einen einzelnen Wissenschaftszweig setzt und sagt:

Die haben recht. Ich mache selbst keine Wissenschaft. Ich muss mich nur entscheiden, glaube ich dem mehr oder glaube ich dem mehr. Und aus meiner Sicht haben diejenigen, die zurzeit am Ruder sind, auf die falschen Pferde gesetzt.

Beim Thema Klimawandel wären die falschen Pferde also tausende Forscherinnen und Forscher, deren Erkenntnisse gerade im IPCC-Bericht zusammengefasst wurden. Die liegen alle falsch?

Ja. Der Weltklimarat hat doch kürzlich erst gesagt, Kernenergie müsste forciert werden. Das betreibt auch trotzdem keiner weiter. Man pickt sich immer die Rosinen raus, so wie es gerade passt, das ist genau wie bei der Berichterstattung in den Medien. Ich sage immer ganz salopp: Irgendwo ist es immer heiß.

In der heutigen Zeit weiß ich zu jeder Zeit, wie das Wetter ist auf der Erde. Und ich werde irgendwo auf der Welt, vermutlich seit tausenden von Jahren, immer zur gleichen Zeit Extremwettermomente finden. Das ganze so zusammenzustricken, auch die Sache mit dem Hochwasser in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, halte ich für nicht gegeben.

Dank Attributionsforschung konnten Forscherinnen und Forscher belegen, dass die Wahrscheinlichkeit solcher Hochwasser durch den Klimawandel bis zu neunfach erhöht ist.

Der Deutsche Wetterdienst hat gesagt, dass die beiden Dinge nichts miteinander zu tun haben. Da gehen die Meinungen auseinander. Der eine missbraucht das dann für seine Klimahysterie und die anderen sagen, Klimawandel gab es schon immer.

Auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat gesagt, dass die beiden Dinge zusammenhängen.

Da sind mir andere Aussagen des DWD bekannt. Extremwetterereignisse passieren immer schon. Aber jetzt sind alle so schlau und sagen: Klimawandel und Extremwetter hängen zusammen. Warum stellt man sich denn auf den Klimawandel nicht ein? Wir haben doch Milliarden, die uns in jedem Jahr als Steuerzahler genommen werden über CO2-Steuern, Benzin, Mehrwertsteuer.

Wie sähe das denn aus?

Hochwasserschutzmaßnahmen beispielsweise, für andere Baumarten zu sorgen, die resistenter sind, wenn ich baue, dann nicht gerade in einem Flusstal. Wenn ich weiß, es ist heiß, dann baue ich halt so, dass sich die Gebäude gegenseitig Schatten spenden, dass ich sie klimatisieren kann. Also einstellen auf den Klimawandel.

Carsten Schneider (SPD)

Carsten Schneider, Spitzenkandidat der Thüringer SPD 

Foto: Felix Apel

Wir hören schon zu, also ich zumindest kann das für mich sagen. Aber ich nutze nicht jede einzelne Empfehlung.

In keinem einzigen Wahlprogramm einer Partei sind die Ziele so gesetzt, dass man das 1,5-Grad-Ziel bis 2045 noch erreichen kann. Warum geht es nicht schneller in der Politik?

Es ist schon extrem ambitioniert, was wir vorhaben. Ich glaube, eine Vielzahl der Menschen in der Bevölkerung weiß noch gar nicht, was das alles bedeutet. Es wird, auch hier in Thüringen, enorme Widerstände mit sich bringen. Zwei Beispiele: Zum einen Stromtrassen, die den Strom von Norden Richtung Süden transportieren.

Die Trassen sind hochumstritten, aber notwendig. Und zum anderen brauchen wir daneben zusätzlich erneuerbare Energien. Solaranlagen, Windräder. Und das in Dimensionen, die ein Vielfaches von dem darstellen, was wir bisher haben. 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung stimmen diesen Maßnahmen zu, aber wenn es konkret wird, wollen auch viele Grüne in ihrem Garten kein Windrad stehen sehen.

Wie wollen Sie Innovationen fördern? Wie soll Klimaschutz bestmöglich in den kommenden zehn Jahren umgesetzt werden?

Das fängt im Kleinen an und geht über das Große hinweg – und da ist der entscheidende Punkt für mich: Unternehmen und Wissenschaftler werden ja versuchen, Ihre Ideen umzusetzen, um natürlich auch Geld zu verdienen. Nur wenn ich diesen Ideen vollkommen freien Raum lasse, kann es funktionieren.

Christian Hirte (CDU)

Christian Hirte, Spitzenkandidat der Thüringer CDU  

Foto: Martin Debes

Wir hören in der Politik auf die Wissenschaft. Wir sind im intensiven Austausch. Deutschland hat auch schon ganz viel für den Klimaschutz getan. In Deutschland haben wir die CO2-Emissionen bereits um 40 Prozent reduziert seit 1990.

Wir haben beim Strom 50 Prozent erneuerbare Energien. Da sind wir absoluter Spitzenreiter in den Industrieländern. Und das in einer Situation, in der wir gleichzeitig aus der Kohle und aus der Kernkraft aussteigen.

Das ist genau der Pfad, den wir weitergehen müssen. Wir brauchen den Ausbau von erneuerbaren Energien und den Einstieg in eine Wasserstoffwirtschaft, die zum Beispiel auch für synthetische Kraftstoffe nutzbar sein muss.

Dafür müssen wir auch Geld für Forschung in die Hand nehmen, und wir müssen mit der CO2-Bepreisung die marktwirtschaftlichen Mechanismen in eine Richtung lenken, dass Klimaschutz auch wirtschaftlich gut funktioniert.

Es sagen aber nicht wenige: Aus streng wissenschaftlicher Sicht müsste man die Ziele noch viel ambitionierter fassen. Warum hört die Politik also nicht noch ein Stück mehr auf die Wissenschaft?

Das stimmt, wir müssten und wir könnten technisch mehr machen. Aber es nützt nichts, wenn wir das in Deutschland alleine machen. Es hat nur Sinn, wenn man das europäisch und international gemeinsam macht. Denn wenn wir es übertreiben, vertreiben wir unsere Industrie aus Deutschland.

Der Klimaschutz muss international aufgestellt werden, sodass auch die Chinesen und die Amerikaner mitmachen. Damit die großen Volkswirtschaften weltweit sich mit einklinken. Wir haben in Deutschland eine Verantwortung und müssen auch ein kleinwenig mehr machen. Aber nicht so, dass wir alles aus Deutschland vertreiben.

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