Warnung vor dem sexueller Missbrauch dieser Wissenschaft

Berlin„Gerade in Krisenzeiten muss es die Aufgabe von Wissenschaft bleiben, fragwürdige Umstände als solche zu benennen und zu hinterfragen“, so beginnt eine Erklärung, die vor wenigen Tagen von Fachleuten aus verschiedenen Disziplinen veröffentlicht wurde. Unter dem Titel „Kritischer Geist in der Krise – Zur Aufgabe von Wissenschaft“ wollen sie „zu einer notwendigen Debatte animieren und beitragen“.

Publiziert wurde die Erklärung von der Arbeitsgruppe „Info-Plattform Corona“ auf der Internetseite corona-netzwerk.info. Wissenschaftler versuchen hier seit langem, wissenschaftsbasierte Entscheidungen in der Covid-19-Pandemie zu fördern. Zu ihnen gehört der Medizinstatistiker Gerd Antes, der 1998 das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin mit gründete. Antes hat unter anderem im Oktober 2020 in der Berliner Zeitung kritisiert, dass viele politische Maßnahmen der Corona-Krise kein ausreichendes wissenschaftliches Fundament hätten.

Das neueste Papier „Kritischer Geist in der Krise“ wird unterschrieben von 17 Akademikerinnen und Akademikern. Sie vertreten Fachbereiche wie Philosophie, Molekularbiologie, Jura, BWL, Kriminologie, Pädagogik, Medizin und Theologie. Es geht also nicht in erster Linie um virologische und epidemiologische Fachfragen, die in der Pandemie stets im Vordergrund standen. Es geht um die Rolle von Wissenschaft allgemein.

Wissenschaft sei der Aufklärung verpflichtet und müsse nach Erkenntnis streben, lautet ein Kerngedanke der Erklärung. „Sie tut dies aus der ihrem Wesen gemäßen Freiheit heraus, welche der Rechtsstaat um seiner selbst willen anerkennt.“ Die Autorinnen und Autoren knüpfen hier an das Ideal Wilhelm von Humboldts an, dem zufolge sich die wissenschaftliche Hochschule „von allen Formen im Staate losmachen“ sollte. Sowohl die Wahl der Forschungsgegenstände sollte frei sein, als auch die wissenschaftliche Debatte.

Von der Wissenschaft zur Expertokratie

Stattdessen gebe es gegenwärtig eine Entwicklung „von der Wissenschaft zur Expertokratie“, so die Autoren. Dies sei in mehrfacher Hinsicht problematisch: Wissenschaftler, die als Experten für die Politik aufträten, seien „in dieser Rolle nicht mehr uneingeschränkt Wissenschaftler“. Die politische Erwartung an Experten sei oft, eindeutige Aussagen zu aktuellen Problemen zu treffen, die dann als Handlungsanweisungen übernommen werden könnten.

Dabei gehe verloren, dass wissenschaftliche Erkenntnisse selten eindeutig seien. Und geradezu falsch und rechtsstaatlich bedenklich sei es, wenn politische Maßnahmen gerade in gravierenden Fragen wie der Einschränkung von Grundrechten als alternativlos dargestellt würden, weil dies der „Stand der Wissenschaft“ gebiete. „Denn zum einen ist nichts alternativlos, und zum anderen hängen Entscheidungen über zu wählende Alternativen von den verfolgten Zwecken ab“, so die Autoren.

Kurz: Die Erklärung konstatiert eine „Instrumentalisierung von Wissenschaft“, wie man sie in den zurückliegenden Monaten durchaus beobachten konnte. „Wissenschaftliche Expertise wurde von politischer Seite meist selektiv zur Entscheidungsfindung und -begründung herangezogen; Expertenmeinungen, die nicht unmittelbar politisch gewollte Maßnahmen unterstützten, wurden oft ausgeblendet“, heißt es in der Ankündigung für das Papier.

Bereits im vergangenen Jahr wurde die Überpräsenz einiger Gesichter als Vertreter „der Wissenschaft“ kritisiert. Ob Christian Drosten, Hendrik Streeck, Viola Priesemann oder Melanie Brinkmann – in Talkshows und auf Podien ragten einzelne Forscher weit heraus. Meist waren es Virologen oder Forscher, die mit der Modellierung der Pandemie-Entwicklung zu tun hatten.

So profund auch ihr Spezialwissen war, so überzeugt sie auch ihre Ansichten vertraten und wissenschaftlich begründeten – sie gerieten in eine Grauzone zwischen Wissenschaft und Politik. „Es gab ungleiche Kämpfe mit Politikern, die versuchten, die Pandemie und die Wissenschaftler auszunutzen, und in vielen wurde die Wissenschaft ausgespielt“, fasste der Chefredakteur des Wissenschaftsjournals Science, H. Holden Thorp, die Erfahrungen zusammen, die wohl Forscher überall in der Welt in der Pandemie machten.

Von der Politik ausgespielt

Eine Reihe von ihnen sah sich missverstanden, falsch zitiert, ihre Aussagen in Schlagzeilen verfälscht. Es ging dabei nicht nur in eine Richtung, also die Verschärfung von Corona-Regeln. Nein, die Landesregierung Nordrhein-Westfalens unter Armin Laschet nutzte zum Beispiel im April 2020 Zwischenergebnisse einer Studie des Bonner Virologen Hendrik Streeck dazu, den Corona-Lockdown vom Frühjahr wieder zu lockern.

„Wissenschaftler werden – oft zur nicht geringen eigenen Verblüffung – behandelt wie Politiker. Dazu gehören die selektive Wahrnehmung ihrer Aussagen, polemische Kritik, Instrumentalisierung, persönliche Diskreditierung und im schlimmsten Fall Beleidigungen und Drohungen“, schreibt der Autor Guido Speiser vom Berliner Büro der Max-Planck-Gesellschaft im Journal Forschung & Lehre.

Doch wie kann man genau das verhindern? Wie lässt sich vermeiden, dass die Wissenschaft von der Politik „ausgespielt“ und als Aushängeschild vereinnahmt wird? Die Autoren des Papiers „Kritischer Geist in der Krise“ erklären, dass die Wissenschaftler selbst dafür sorgen müssten. „Gerade jene Wissenschaftler, die das Gehör der Politik finden, haben die Verantwortung, ihre eigene Expertise durch andere zu ergänzen und zu kontrastieren“, schreiben sie. Wissenschaftliche Kritik bedeute „gerade in Krisenzeiten, scheinbare Selbstverständlichkeiten, vermeintlich eindeutige Phänomene und Ergebnisse und daraus resultierende ‚Alternativlosigkeiten‘ zu hinterfragen“.

Forscher müssten sich am „Ideal der Wahrheitsfindung“ orientieren, nicht an Vorgaben der Politik. Zugleich müssten sie sich fragen, wo ihre Erkenntnisgrenze erreicht sei – vor allem, wenn es um kausale Zusammenhänge in komplexen Systemen gehe und wenn Vorhersagen gemacht werden sollen, die schwerwiegende Folgen haben. Zum Beispiel einen langen Shutdown, auch Lockdown genannt.

Ein Beitrag der Wissenschaft könne sein, „Rationalität gerade in einem Klima von Verunsicherung, Angst und kakophonen Debatten sicherzustellen“. Das aber müsse die Politik auch zulassen, indem sie den Entscheidungen breite wissenschaftliche Evidenz zugrunde lege, den dazugehörigen Diskurs ertrage und nicht entscheidungsbasiert Fakten kommuniziere.

Offenbar aber ging es Anfang 2020 aber genau darum: um schnelle Entscheidungen. Von der ersten Phase der Pandemie an, als Angela Merkel von einer Bewährungsprobe sprach, „wie es sie seit dem Zweiten Weltkrieg, seit den Gründungsjahren der Bundesrepublik Deutschland nicht gab“, wurde alles auf die virologische, epidemiologische Forschung konzentriert, auf Labore, das Testen, auf die Entwicklung möglicher Medikamente und Impfstoffe. „Wenn es um Krankheit und Gesundheit geht, muss gehandelt werden – und zwar auch dann, wenn sowohl Forschungsergebnisse als auch politische Folgen nicht vollständig klar sind“, erklärt Guido Speiser von der Max-Planck-Gesellschaft zu dieser eindimensionalen Sicht auf die Pandemie.

Mancher Wissenschaftler – wie zum Beispiel Christian Drosten in seinem Radio-Podcast – bemühte sich dabei immer wieder, die Grenzen oder Vorläufigkeit seiner Aussagen zu betonen. Aber: „In einer Notlage gelten Erkenntnisse schnell als eindeutiger und weitreichender als sie sind, was wiederum ihren Durchgriff auf Entscheidungen erhöht“, schreibt Guido Speiser. Noch nicht von Fachkreisen begutachtete Arbeiten – sogenannte Preprints – wurden von der Öffentlichkeit nicht selten wie belastbare Studien diskutiert. Die Forschung geriet in den Handlungsstrudel.

Flexible, gestaffelte Strategie gefordert

Doch bereits damals forderten Kritiker eine breite Einbindung der Wissenschaft – um Corona-Maßnahmen auf die Grundlage wirklicher Evidenz zu stellen und die Sicht zu erweitern. Die Autoren des Papiers „Kritischer Geist in der Krise“ betonen, dass es beim Handeln in komplexen Systemen die Gefahr gebe, „vermeintlich effiziente, aber vielleicht sogar schädliche Maßnahmen zu priorisieren und tatsächlich wirksame zurückzustellen oder zu übersehen“.

Sie sprechen heute aus, was damals bereits viele Wissenschaftler forderten. So hatten bereits im April 2020 Wissenschaftler von etwa zehn deutschen Universitäten und Forschungsinstituten eine „flexible, nach Risiken gestaffelte Strategie“ mit „regional unterschiedlichem Vorgehen“ gefordert und sich gegen einen dauerhaften Shutdown ausgesprochen. In einem Planentwurf unter dem Titel „Die Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie tragfähig gestalten“ schlugen sie die Einrichtung einer nationalen Corona-Taskforce sowie regionaler Taskforces vor, in denen ganz verschiedene Experten zusammenwirken sollten. Dem folgten viele Erklärungen und Papiere verschiedener Wissenschaftlergruppen.

Dabei ging es immer wieder auch darum, dass der kritische Geist der Wissenschaft nicht in der Luft hängen kann. Er braucht ein Sprachrohr, muss die Politik erreichen. Expertenräte wurden gefordert, um den verschiedensten Stimmen Gehör zu verschaffen. Teilweise gab es Ansätze dafür. So wurde im November 2020 auf Initiative der Bundesärztekammer ein ärztlicher Pandemierat konstituiert, dem Vertreter von mehr als 20 Fachverbänden angehören. Er entwickelte medizinische Handlungsempfehlungen: unter anderem für vulnerable Gruppen, Seniorenheime, Teststrategien, Diagnostik und Ausstiegsszenarien. Eine größere gesellschaftliche Breite vertrat unter anderem ein zwölfköpfiger interdisziplinärer Expertenrat in Nordrhein-Westfalen, eingesetzt unter Armin Laschet.

Dieser Expertenrat gab insgesamt sechs Stellungnahmen ab. In der letzten im Juni zog er allgemeine Lehren aus der Pandemie „für das Management großer Krisen“. Dazu gehört, dass politische Ziele klar formuliert und überzeugend kommuniziert werden müssten. Eingriffe in Grundrechte seien besonders zu begründen und zu überprüfen. Hier müssten die Parlamente mitbestimmen.

Die Experten fordern, künftig „mehr Vertrauen in die Selbstverantwortung und die Lernfähigkeit der Bürger“ zu entwickeln, „die Bevölkerung von vornherein stärker einzubinden“, was auch eine differenzierte Strategie ermöglichen könnte. Auf diesem Wege ließen sich „zu weitgehende oder zu kurz greifende Staatseingriffe“ sowie „unnötige Kollateralschäden“ vermeiden und besonders vulnerable Personengruppen besser schützen.

„Über die Corona-Pandemie hinweg hat sich hingegen am verbotsgetriebenen, das Ordnungsrecht betonenden Ansatz nichts geändert, die Mobilisierung der Selbstverantwortung war nie ernsthafter Teil der Strategie“, lautet das harte Urteil des Expertenrats. „Nicht zuletzt waren die Menschen in den Pflege- und Altenheimen selbst in der offensichtlichen Notlage im Herbst 2020 nicht hinreichend geschützt.“

Eine Pandemie betrifft alle Lebensbereiche

Der Expertenrat fordert ebenfalls, „eine multi- und transdisziplinär ausgerichteten Beratungsstruktur“ aufzubauen, idealerweise auf Bundesebene. Hier sollten neben Medizinern und Wissenschaftlern verschiedenster Fachgebiete auch die breite Erfahrung von Akteuren des gesellschaftlichen Lebens einbezogen werden. Denn eine Pandemie ist ein komplexes Geschehen. Sie betrifft alle Lebensbereiche. Werde diese Chance versäumt, drohe „eine unfruchtbare Dominanz von allein auf das Infektionsgeschehen konzentrierten Modellanalysen“, so die Autoren des Expertenrats.

Dieser ist übrigens Anfang Juli aufgelöst worden. Er habe seine Schuldigkeit getan, hieß es. Zur Einrichtung eines wiederholt geforderten nationalen Pandemierats, der die Bundesregierung berät, ist es nicht gekommen. Bleibt also weiter die Aufgabe, Lösungen zu finden, um den kritischen Geist dauerhaft zu etablieren.