VW AG: Muss Winterkorn zu Gunsten von Dieselskandal zahlen? | NDR.de – News – Niedersachsen

Stand: 25.03.2021 21:02 Uhr

Der Dieselbetrug hat Volkswagen bisher mehr als 30 Milliarden Euro gekostet. Der ehemalige Vorstandschef Martin Winterkorn blieb in der Abgasaffäre bisher unbehelligt. Das könnte sich jetzt ändern.

von Hilke Janssen

Mehr als fünf Jahre nach Auffliegen des Abgasskandals will Volkswagen offenbar einen Schlussstrich unter das Kapitel Winterkorn ziehen. Nach NDR-Informationen beschäftigt sich der VW-Aufsichtsrat am morgigen Freitag abschließend mit der Frage, ob der Ex-Konzernchef für den millionenfachen Dieselbetrug bei VW haftbar gemacht werden kann. Grundlage für die Entscheidung ist ein Gutachten der Kanzlei Gleiss Lutz, das Volkswagen bereits vor gut fünf Jahren in Auftrag gegeben hatte.

Kernfrage: Kann VW Schadenersatz fordern

Eine Kernfrage, die nun endlich beantwortet werden soll: Kann Volkswagen von ehemaligen hochbezahlten Top-Managern wie Martin Winterkorn oder Ex-Audi-Chef Rupert Stadler wegen des Abgasbetrugs Schadenersatz verlangen? Dabei geht es nicht nur darum, ob das Top-Management persönlich am Betrug beteiligt war oder konkret darüber Bescheid wusste. Genau das bestreitet Volkswagen seit gut fünf Jahren. In Sachen Schadenersatz geht es auch um die Frage, ob die Chefs Pflichten verletzt haben, weil im Unternehmen gegen Gesetze verstoßen wurde. Oder kurz gesagt: Weil die Manager ihren Laden nicht im Griff hatten.

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Ahnungslosigkeit und Fahrlässigkeit schützen nicht vor Haftung

Vorstände haben grundsätzlich die Aufgabe, ein Unternehmen so zu organisieren, dass Recht und Gesetz eingehalten werden. Selbst wenn die interne VW-Aufarbeitung ergibt, dass Martin Winterkorn von nichts wusste: Ahnungslosigkeit oder Fahrlässigkeit schützen nicht unbedingt vor Haftung. Ein Beispiel ist der Fall Siemens: 2006 flog dort ein System von Schmiergeldern in Millionenhöhe auf. Ex-Chef Heinrich von Pierer hatte stets bestritten, von der Korruption gewusst zu haben. Nach einem Vergleich mit dem Unternehmen musste er trotzdem fünf Millionen Euro zahlen.

Eine Art Schicksalgemeinschaft

Volkswagen hat das Thema Manager-Haftung bisher mit spitzen Fingern angefasst. Jahrelang hieß es in Wolfsburg, die Prüfung dieser Frage sei umfangreich und darum noch nicht abschließend geprüft. Martin Winterkorn dürfte aber auch weiter nichts zu befürchten haben. Denn Volkswagen und Winterkorn sind eine Art Schicksalsgemeinschaft: Sollte der Konzern dem Ex-Vorstandschef konkretes Fehlverhalten oder Mitwissen nachweisen, könnte das im Nachgang weitere Milliarden kosten. Denn im laufenden Kapitalanlegermusterverfahren am OLG Braunschweig fordern Aktionäre von VW Schadenersatz. Für sie wäre ein Eingeständnis aus Wolfsburg willkommenes Futter in ihrer Argumentation.

Volkswagen weiter zurückhaltend?

Wahrscheinlich ist, dass Volkswagen weiter zurückhaltend bleibt und Winterkorn höchstens fahrlässiges Verhalten attestieren wird. In dem Fall würde wohl eine Manager-Haftpflichtversicherung greifen. Und der Konzern würde sich juristisch nicht angreifbar machen. Auch wenn das Unternehmen einen Schlussstrich zieht: Strafrechtlich ist der Dieselbetrug von Volkswagen noch längst nicht aufgearbeitet. Ex-Audi-Chef Stadler muss sich seit September 2020 vor Gericht verantworten. Der Betrugsprozess gegen Ex-VW-Chef Winterkorn soll im kommenden September beginnen.

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