Versandhaus-Vermächtnis Alexander Otto: „Wir waren leider Lockdown-Weltmeister“ – Wirtschaft

Er ist einer der Erben der Hamburger Versandhandel-Dynastie Otto, Chef der ECE-Gruppe Deutschlands größter Betreiber von Einkaufszentren (200) ist. Mit einer Stiftung setzt er sich für die deutschen Innenstädte ein.

Mit BILD sprach Alexander Otto (54) über seine Corona-Bilanz, Wünsche an die Politik und den Ruf nach mehr Staat.

BILD: Herr Otto, was haben die Corona-Lockdowns Sie gekostet?

Alexander Otto: „Die Corona-Zeit war ein deutlicher Rückschlag, der Schaden ist beachtlich: 90 Prozent der Händler in unseren Centern haben 2020 Verlust gemacht, zehn Prozent sind in der Insolvenz. Wir haben während der Lockdowns auf 50 Prozent der Ladenmieten verzichtet. Früher hatten wir durchschnittlich ein Prozent Leerstand, jetzt liegen wir bei fünf. Insgesamt belaufen sich die temporären Mietreduzierungen für die von den Lockdowns betroffenen Händler in den deutschen ECE-Centern auf deutlich über 150 Millionen Euro.“

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Wären Sie in der Corona-Zeit lieber Online-Händler gewesen?

Otto (lacht): „Online-Händlern ging es natürlich deutlich besser in der Zeit. Deshalb ein ganz klares Ja. Aber eines will auch sagen: Die Debatte der Zukunft ist nicht Online- oder herkömmlicher Handel. Die Kunden wollen zunehmend eine Kombination aus beidem. Unsere ECE arbeitet da eng mit unserer Schwester, der Otto Group, zusammen; gibt vielen unserer Händler die Möglichkeit, auf der Otto-Plattform präsent zu sein. Das geht bis hin zum Angebot ‚ship from store‘, wo man im Laden bestellt und dann liefern lässt.“


Foto: Niels Starnick / BILD

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„Die Debatte der Zukunft ist nicht Online- oder herkömmlicher Handel. Die Kunden wollen zunehmend eine Kombination aus beidem“, sagt Alexander Otto (54)Foto: Niels Starnick / BILD

Deutschland diskutiert die Impfpflicht. Sind Sie dafür?

Otto: „Wir haben selbst allein in unserer Zentrale 500 Mitarbeiter vollständig geimpft. Aber eine Impfpflicht setzen wir bei uns nicht um. Den Grundsatz, dass jeder die freie Wahl hat, sich zu entscheiden, finde ich gut. Aber es ist extrem wichtig, bei der Bekämpfung der Pandemie sehr schnell voranzukommen. Ich hoffe nicht, dass dafür eine Impfpflicht nötig wird.“

Sie haben auch in Ihren Centern Impfangebote gemacht…

Otto: „In 58 unserer Einkaufs-Center wurden schon mehr als 97 000 Impfungen durchgeführt – teils in kleinen, kurzfristigen Aktionen. Wir sind auch Teil einer Impfkampagne des deutschen Handels. Natürlich auch aus wirtschaftlichen Gründen, denn wir sind wirtschaftlich ganz besonders betroffen von Corona-Beschränkungen. Aber es geht uns auch um die gesellschaftliche Frage. Ich halte es für sehr, sehr wichtig, dass so viele Menschen wie möglich geimpft werden, damit wir möglichst schnell diese Pandemie überstehen.“

Glauben Sie der Politik, die verspricht, es werde keinen Lockdown oder Teillockdown mehr geben?

Otto: „Ich hoffe das sehr. Denn einen neuen Lockdown könnten wir als Gesellschaft überhaupt nicht mehr bewältigen – sowohl psychologisch als auch finanziell. Die Kosten wären unermesslich hoch und stehen in keinerlei Verhältnis zu den Effekten. Trotz der nicht so niedrigen Infektionszahlen ist im Moment die Zahl der in den Kliniken behandelten Corona-Patienten ja vergleichsweise überschaubar.“

Was lief falsch in der Corona-Politik von Bund und Ländern?

Otto: „Wir waren ja leider mit fünfeinhalb Monaten Lockdown-Weltmeister. Wir sehen, dass im Moment in Österreich, wo der Lockdown nur zwei Monate dauerte, dass dort die Kundenzahlen in Läden und Centern deutlich besser sind. Das Gleiche gilt für Osteuropa. Bei uns dagegen braucht es deutlich länger nach dem langen Lockdown, bis sich alles wieder einpendelt. Wir liegen im Moment noch immer 20 Prozent unter den Besucherfrequenzen von 2019 in unseren Centern.“

Traut der Staat den Bürgern zu wenig zu?

Otto: „Ja! Wir rufen zu oft und zu schnell nach ‚dem Staat‘. Die politische Debatte ist im Vergleich zwischen Amerika und Deutschland sehr unterschiedlich. In den USA ist das Thema Steuersenkungen für alle Wähler wichtig. Bei uns dagegen nur für eine Minderheit. Man ruft eher nach mehr Steuern für mehr Staat. Ich glaube aber: Es hilft nicht unbedingt weiter, wenn sich der Staat um alles kümmern soll. In den USA zum Beispiel war der Lockdown sehr kurz und der Einzelhandel boomt in diesem Jahr wie noch nie. Man kann immer diskutieren, zu welchem Preis. Aber dort hat man mehr auf die Selbstverantwortung der Menschen gesetzt. Da müssen wir stärker hinkommen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben.“

Klingt nach starker Kritik an der Corona-Politik in Deutschland…

Otto: „Absolut! Ich bin sehr enttäuscht.“

Fürchten Sie, dass sich die Deutschen in der Pandemie einfach so stark ans Bestellen im Netz gewöhnt haben, dass sie nicht mehr in Massen in Einkaufszentren und Innenstädte zurückkehren?

Otto: „Das kann gut sein. Denn gerade für Ältere war es das erste Mal, dass sie online bestellt haben. Der Trend hin zum Online-Handel ist verstärkt und beschleunigt worden. Aber es muss beides geben. Für viele Menschen ist der Einkauf in der Nachbarschaft oft einfach bequemer und Teil des Soziallebens. Aber das Tempo beim Wandel im normalen Einzelhandel wird sich erhöhen – der Druck auf den Handel in Innenstädten wird noch stärker zunehmen.“

Was bedeutet das für die deutschen Innenstädte, für die Sie sich mit einer eigenen Stiftung engagieren?

Otto: „Das ist eine Herausforderung für die Innenstädte und auch unsere Center. Wir müssen auch mit neuen Nutzungen experimentieren: In Essen haben wir E-Sport-Center eingerichtet, wo die Gamer hinkommen können und wir so neues Publikum anziehen. Wir haben es aber in einem einheitlich gemanagten Einkaufs-Center einfacher. Für Innenstädte ist das problematischer. Viele Eigentümer haben sich an eine gewisse Miethöhe gewöhnt, tun sich schwer mit geringeren Mieten oder Umbauten. Und es ist oft zu umständlich, die Genehmigungen für Umbauten und neue Nutzungen zu bekommen.“

Was wird aus den Einkaufszonen verschwinden?

Otto: „Vor allem die Textilgeschäfte, die unsere Innenstädte traditionell prägten. Die Statistik zeigt auch, dass Inhaber geführter Geschäfte – oft auch aus familiären Gründen – verschwinden, was ich bedauere.“

Was kann stattdessen in Innenstädten oder Shopping-Centern angeboten werden?

Otto: „Man muss neue Dinge mit herkömmlichen Handelsflächen kombinieren können. Es gibt viel Nachfrage nach Depots von Online-Händlern, die gerne in die Center wollen, um von dort aus auszuliefern. Aber selbst das ist nicht einfach, weil dann wieder höhere Brandschutzrichtlinien gelten. Wir brauchen in Deutschland bei solchen Dingen eine flexiblere Gesetzgebung.“

Was muss eine neue Bundesregierung anpacken?

Otto: „Dieser große Drang zu mehr Regulierung muss gestoppt werden, bürokratische Hürden und Regeln müssen eher wieder abbaut werden. Den Menschen muss vieles wieder selbst überlassen werden. Es müssen gleiche Spielregeln gelten für Online- und Offline-Händler.“

Zum Beispiel?

Otto: „Etwa bei der Sonntagsöffnung. Allein wenn man sieht, wie schwierig es ist, einen verkaufsoffenen Sonntag auch nur zu beantragen, während im Online-Handel keine Begrenzung gilt.“

Was ist der größte Hemmschuh für die Wirtschaft?

Otto: „Das ist die Regelungswut. In wirklich allen Bereiche müssen wir einen sehr hohen bürokratischen und personellen Aufwand betreiben – angefangen vom Datenschutz über Compliance-Regeln bis hin zur Finanzkontrolle. Das ist alles wichtig – aber der Aufwand, den das täglich neben dem Geschäft bedeutet, ist zu hoch. Die Handhabung muss einfacher werden.“


Foto: picture alliance / Eventpress Herrmann

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Ein Familienfoto aus dem Jahr 2009: Werner Otto (✝︎ 102, vorne) mit seinen Kindern Alexander Otto, Katharina Otto-Bernstein, Frank Otto, Ingvild Goetz und Michael Otto (v.l.n.r)Foto: picture alliance / Eventpress Herrmann

Wenn Sie auf unser digitales Land gucken: Welche Note geben Sie Deutschland?

Otto: „Tatsächlich eine 2! Wir sollten nicht so selbstkritisch sein. Wir sind auch im Vergleich zu den USA in Europa relativ weit, auch was die Verwaltungen angeht. Unser Problem ist: Gründer haben es nicht leicht, digitale Firmen aus der Taufe zu heben. Alles, was die Finanzierung angeht, ist in den USA sehr viel einfacher. Deshalb ist das Land der Digitalisierung am Ende nicht immer das, das die beste Abdeckung beim Mobilfunk hat. Da gebe ich Deutschland nicht so gute Schulnoten.“

Lassen Sie uns Aschenputtel spielen: Sie haben drei Wünsche offen – egal in welchem Lebensbereich.

Otto: „Wir haben international wahnsinnig große Aufgaben wie den Umgang miteinander: EU, China, USA – wie schaffen wir ein friedliches Miteinander, einen freien Handel?“

Wunsch Nummer zwei?

Otto: „Thema Umwelt: Wir müssen deutlich stärkere Fortschritte erzielen, um CO2-Neutralität zu erreichen. Aber auch da ist eine globale Kooperation wichtiger. Wir setzen zu viel nur bei uns im Land an, reden über Kleinstlösungen, die wahnsinnig teuer sind. Dabei kann mit und in Entwicklungsländern – zum Beispiel in den Regenwald-Regionen – mit recht überschaubaren Mitteln so viel mehr getan werden. Aber dann muss man auch bereit sein, dort massive wirtschaftliche Hilfen zu geben – selbst wenn einem die Regierungen dort nicht ganz genehm sind.“

Drittens?

Otto: „Am Ende dieser Pandemie: dass endlich wieder Gesundheit und Normalität einkehren. Die Beschränkungen machen in dem Umfang keinen Sinn mehr.“

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