Verlassen oder verzweifelt? Telefonseelsorge an Silvester besetzt

Ein typischer Anruf bei der Telefonseelsorge: “Hallo, ich bin 20 und studiere. Ich wollte eigentlich in eine andere Stadt ziehen, aber wegen Corona hocke ich immer noch bei meinen Eltern, und das gibt die ganze Zeit nur Stress.” Ob per Mail, Chat oder klassisch per Anruf – rund 39.000 Anfragen verzeichnete allein die Telefonseelsorge in der Erzdiözese München und Freising im Jahr 2021.

Allein in München hören 125 Haupt- und Ehrenamtliche zu

Und kurz vor den Corona-Wellen nimmt der Gesprächsbedarf spürbar zu. Auch Menschen, die noch nie mit der Telefonseelsorge zu tun hatten, greifen dann zu Handy oder Telefonhörer. Insgesamt 125 Haupt- und Ehrenamtliche kümmern sich rund um die Uhr um diejenigen, die sich gerade ganz unten fühlen und nicht mehr weiter wissen. Oder mit den alltäglichen Zumutungen nicht mehr zurechtkommen. Gerade zu Corona-Zeiten.

“Die Einschränkungen beschäftigen die Menschen, weil plötzlich wieder vieles nicht mehr möglich ist”, sagt Alexander Fischhold, Leiter der katholischen Telefonseelsorge. Gerade vor Silvester fragten sich viele: “Dürfen wir uns überhaupt treffen? Wie machen wir es, wenn jemand ungeimpft ist? Kann man den wirklich ausladen? Da gehen schon Risse durch die Familien.”

Corona als “Katalysator” für Tieferliegendes

Doch hinter den zum Teil ganz praktischen Fragen liegen Probleme, die bislang oft unter den Teppich gekehrt oder schöngeredet wurden. Durch Corona kämen sie schonungslos ans Tageslicht, sagt Beraterin Heide Volk: “Corona ist ein Katalysator für viele Themen. Corona verstärkt, verschlimmert Gewalt im häuslichen Bereich, verschlimmert Eheprobleme, verschlimmert Probleme zwischen Eltern und Kindern, verschlimmert Einsamkeit.” Entsprechend schwinge Corona zwar immer mit, sei aber “nicht das Hauptthema” der Anrufer.

Verstärkt meldeten sich in der Pandemie auch junge Menschen bei der Telefonseelsorge. Sie rufen allerdings weniger an, sondern chatten lieber. Die Ratsuchenden bleiben grundsätzlich anonym, ebenso ihre Gesprächspartner. Deshalb heißt die Beraterin Heide Volk auch in Wirklichkeit anders. Eine Barriere, ein Schutz – für beide Seiten.

Auch für Seelsorger ist der Dienst am Telefon ein Gewinn

Obwohl oftmals dieselben Klienten anrufen. Das geht dann etwa so vonstatten: “Ich bin’s wieder. Erkennen Sie mich? Ich telefoniere vom Handy aus. Mich regen die Menschen um mich rum schon wieder so auf.”

Zuhören – das ist, was die Telefonseelsorgerinnen und -seelsorger schenken können. Interessiert sein, nachfragen, Mut machen. Aber auch den Beratenden wird etwas gegeben. “Für mich ist die Telefonseelsorge als Ausgleich zu meinem normalen Job eine totale Waage”, sagt Heide Volk. “Wenn ich mich über Themen ärgere, über Kleinigkeiten, dann erdet mich die Telefonseelsorge. Ich weiß wieder, was wirklich wichtig ist im Leben.”

Und wenn sie ihren Klienten ein etwas Erleichterung verschaffen, vielleicht auch mal ein wenig raushelfen konnten aus ihrem mentalen Loch, dann war es für die Telefonseelsorger eine gute Schicht.

  • Die Telefonseelsorge erreichen Sie bundesweit unter den Nummern 0800 – 1110111 oder 0800 – 1110222.