Verein “Theatrum” in Hannover macht Wissenschaft visuell | NDR.de

Stand: 28.03.2021 14:01 Uhr

Wie wäre es, wenn Wissenschaft in Zeiten von Pandemie und Verschwörungstheorien im Austausch mit Kunst und Kultur vermittelt würde? Dieser Frage geht der Verein “Theatrum” in Hannover nach.

von Agnes Bührig

In einem Seminarraum breitet Marcus Peter einen Stapel mit großformatigen Entwürfen für das “Theatrum” aus. Es sind Zeichnungen von Räumen mit Möbeln, in denen sich Kultur und Wissenschaft begegnen sollen. Das Ergebnis einer Aufgabe im Bereich Produktdesign, die der Dozent von der Hochschule Hannover seinen Studierenden stellte. Schaukeln, die an Schienen durch den Raum laufen, gehören zu einem seiner Favoritenentwürfe, sagt der Kulturwissenschaftler.

Austausch und Perspektivwechsel sollen ermöglicht werden

“Man sitzt dann relativ fest auf dieser Schaukel, aber sie ist doch beweglich. Die Menschen können dadurch mitgehen und sind eben nicht gezwungen, sich statisch zu verhalten. Und das bringt diese Idee des Theatrums auf den Punkt: sich in den Austausch zu begeben, Positionen zu wechseln.” Je nach Situation, was gezeigt und was diskutiert wird, könne man einfach aufstehen, woanders hingehen oder die Position verändern, so Peter.

Katharina und Marcus Peter zeigen die Entwürfe für den Ausstellungsraum des geplanten “Theatrums”.

Die Wissenschaft sichtbarer machen, ihr eine Bühne in Hannover bieten, die man betreten kann wie ein Theater – das ist eines der Anliegen des Vereins “Theatrum”, den Marcus Peter mitgegründet hat. Eine Idee, die Gottfried Wilhelm Leibniz schon 1675 umtrieb. Vor seinem Umzug nach Hannover philosophierte das Universalgenie darüber, wie mit einem Theater aller nur denkbaren Dinge, in Menagerie, Raritätenkabinett oder anatomischem Theater die Welt zu erwecken sei.

Seuchen beleuchten bei einem interaktiven Stadtspaziergang

“Leibniz hat vier Jahrzehnte hier in Hannover gearbeitet und hat sich auch mit dieser Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst, Gesellschaft auseinandergesetzt,” erzählt Peter. “Im 17. Jahrhundert gab es nur die Wunderkammern. Das waren vollgestopfte Orte, wo alles Mögliche gesammelt wurde; Steine, ausgestopfte Tiere, aber auch Kunstwerke. Und Leibniz hat gesagt, das sei zu wenig.”

Wissenschaft in Bewegung – auf einem interaktiven Stadtspaziergang durch Hannover will der Verein im Sommer das Thema Seuchen beleuchten. Theaterautorin Katharina Peter schreibt an einem Text über sieben Seuchen, darunter die Pest.  

Ihre Kranckheit anlangend / ist sie für wenig Tagen an der jetzt grassierenden Seuche schwach worden / mit hefftiger brennender Hitze und starckem Hauptwehe.
Zitat aus einer Leichenpredigt, 1626

Der Text stammt aus der Leichenpredigt für eine Frau, die 1626 an der Pest starb. Quarantäne, Abstand halten – viele Maßnahmen von damals ähneln denen von heute, sagt Katharina Peter. Bei anderen Seuchen sei das ganz anders, zum Beispiel bei Tuberkulose zu Zeiten des Nationalsozialismus. Der heutige Ansatz mit Kranken umzugehen sei im Vergleich zum totalitären Regime zunächst ein humaner: “Wir wollen alle Menschenleben retten. Was das in der Folge vielleicht so mit sich zieht, werden wir erst in den nächsten Dekaden richtig verstehen.”

Wie geht unsere Gesellschaft mit Kranken um?

Das Virus der gegenwärtig grassierenden Seuche ist durch wissenschaftliche Darstellungen bekannt. Was es für Menschen ganz konkret bedeutet, will “Theatrum e.V.” in einem Container mit dem Titel “Das Corona Ding” in Hannover thematisieren. Besucherinnen und Besucher können dorthin Objekte und Geschichten mitbringen und ausstellen. Vielleicht wird es tatsächlich ein “Theater aller nur denkbaren Dinge” – ganz im leibnizschen Sinne.

Weitere Informationen

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