Unruhiger Ruhestand: Joachim Lerch wirbelt weiter zu Händen die Wissenschaft – Emmendingen

Eigentlich ist Joachim Lerch seit Juli im Ruhestand. Doch der Gründer und Motor des Vereins Science und Technologie sprüht förmlich vor Ideen für neue Projekte.

“Ich bin ein Arbeiterkind”, sagt der 64-jährige Joachim Lerch. Sein Vater war aus der DDR geflohen, die Familie lebte fünf Jahre in einer Baracke in Freiburg-Bischofslinde. Lerch ging auf die Gerhard-Hauptmann-Hauptschule. Ein Lehrer brachte ihn zum Gymnasium; und regte ihn zu einer Jahresarbeit an. Das Thema: Raumfahrt und das Apollo-Projekt. “Ich hatte sogar Briefkontakt mit Astronauten”, erzählt er. Von Neil Armstrong bekam er ein signiertes Foto und über dessen Kollegen Vance Brand, der Ehrenmitglied im von Lerch in Freiburg gegründeten Raumfahrtclub war, durfte er 1975 beim letzten Apollo-Start dabei sein.

Raketen gebaut hatte Lerch schon zuvor. 1972, grade mal 15, wollte er eine kleine Rakete starten und fragte bei der Feuerwehr nach, ob er das auf ihrem Gelände tun dürfe. Die sagte zu und lud die Presse ein; ein BZ-Artikel würdigte den Start. Später wurde Lerch mit einem selbst entwickelten Raketentreibstoff Landessieger bei Jugend forscht.

Phänomena 1984 in der Schweiz öffnete ihm die Augen

Folgerichtig arbeitete er bei der Bundeswehr an Flugzeugen, machte den Facharbeiterbrief als Flugzeugmechaniker. 1976/77 studierte er Luft- und Raumfahrttechnik an der Technischen Universität Berlin. Doch die damaligen Berufsperspektiven gefielen ihm nicht: “Ich bin zwar für die Bundeswehr, Waffen entwickeln wollte ich aber nicht.” Er kehrte nach Freiburg zurück und studierte Physik, Mathematik und Politik. Dann kam das erste seiner fünf Kinder zur Welt, Lerch wollte schneller ins Berufsleben. Nachhilfe lag ihm, erzählt er, das Lehramtsstudium war eine Alternative. Technik studierte er nach, die Praxis – Drehen, Fräsen, Schweißen – beherrschte er.

Neu aufgestellt

Der Verein Science und Technologie hat sich aktuell neu aufgestellt. Im April wurde eine gemeinnützige GmbH gegründet, deren Geschäftsführerin Mareike Köck ist. Die Science & Technology gGmbH, am gleichen Ort in Teningen, managt das operative Geschäft: Organisation, Personal, Steuern, Verwaltung. Der Förderverein Science und Technologie ist einziger Gesellschafter und für Kontrolle und Entwicklung der GmbH zuständig. Joachim Lerch will ihn noch zwei Jahre leiten – sein “Baby” soll gut laufen lernen. “Am Charakter der Arbeit hat sich nichts geändert”, sagt er. Die Science Days im Europa-Park sollen nach der Corona-Pause nun im Oktober stattfinden, allerdings mit 70 statt 100 Teilnehmern, der Abstände wegen. Auch Projekte wie die “Wunderfitze” für Kinder im Krankenhaus, das Science Mobil oder Joblooping bleiben. Aktuell läuft die Kulturakademie der Baden-Württemberg-Stiftung; Science und Technologie ist für den naturwissenschaftlichen Bereich zuständig – und Joachim Lerch ist dabei: Ein Kollege, der die Betreuung übernehmen sollte, hat sich den Fuß gebrochen.

Nach zwei Jahren im Schuldienst war er Fachberater für Physik und arbeitete in der Lehrerfortbildung. Dann kam die Anfrage vom Kultusministerium, ob er den naturwissenschaftlichen Schülerwettbewerb “Nanu?!” leiten wolle. Das machte er sieben Jahre; und sich zudem Gedanken über naturwissenschaftlichen Unterricht. “Da müssen wir mehr tun”, sagt er auch heute noch überzeugt. Die Ausstellung Phänomena 1984 in der Schweiz öffnete ihm die Augen: “Wenn man Menschen einfach selbst tun lässt, das bringt viel bessere Ergebnisse.” Kinder, so sein Credo, sollten mehr Verantwortung beim Lernprozess bekommen.

Zu wenig Zeit dafür? Lerch schüttelt den Kopf: “Nur wenige Inhalte müssen sein, und die muss man dann auch frontal vermitteln. Aber was dafür geeignet ist, sollen die Schüler selbst erkunden.” Schon an der Realschule in Immendingen, an der er 16 Jahre unterrichtete, stellte er sukzessive seinen Unterricht um auf Projekte und Freiarbeit. Daneben programmierte er die erste Schülerwebsite des Landes und wurde in die Arbeitsgruppe “Multimediales Lehren und Lernen” berufen, die erste Konzepte für den digitalen Unterricht erstellte.

Wissenschaftsfestival in Freiburg als Gesellenstück

1998 gründete er den Förderverein Science und Technologie, der nun sein Berufsleben bestimmte. Zwei Jahre später organisierte der Verein das erste deutsche Wissenschaftsfestival in Freiburg mit 550 Einzelveranstaltungen in der Stadt, das Gesellenstück, wie Lerch es nennt. Seit 2001 werden jährlich die Science Days im Europa-Park veranstaltet. “Das ist nicht unsere Erfindung, ich habe mir das in Edinburgh angeschaut”, sagt er. Und hatte die Idee, den Dachverband Europe Science Events Association zu gründen, dessen Präsident er drei Jahre lang war . China, Südkorea, Amerika schlossen sich an. Lerch nahm als gefragter und mehrfach ausgezeichneter Berater häufig an Konferenzen im Ausland teil. Er war auch dabei, als Science und Technologie den deutschen Pavillon bei den Olympischen Spielen in Rio bestückte. Er ist Konzeptions- und Ideengeber für Projekte rund um den Unterricht in naturwissenschaftlichen Fächern sowie für preisgekrönte Vereinsprojekte, etwa das Klimamobil für Grundschüler und das Science Mobil. Lerch konzipierte und organisierte die ersten deutschen Science Days digital.

Die Wissensvermittlung in Nepal fördern

Aber ebenso ist es ihm wichtig, selbst aktiv dabei zu sein. So hat Lerch im Auftrag der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit Entwicklungshilfeprojekte umgesetzt, zunächst in Montenegro, dann in Uganda, wo ein “Energy Express”, bestehend aus zwei Lastwagen, junge Menschen für Energiethemen begeisterte. Lerch ist mittlerweile als Senior Expert registriert und will, sobald es Corona erlaubt, einem Ruf nach Nepal folgen. Dort geht es um “low cost science education”, also mit wenig Geld und (Recycling-)Material vor Ort handlungsorientiert zu unterrichten. Im Kontrast dazu: Lerch ist auch punktuell beim Cern-Forschungszentrum in Genf Berater für das neue 90-Millionen-Euro-Experimentiercenter für Besucher. Leidenschaftlich gern gestaltet er Wissenschaftsshows. Kostproben können Besucher am 11. September beim Emmendinger Kids Day auf dem Marktplatz sehen, einem Experimentiertag mit Science und Technologie und Alumintzium. Das Ziel dahinter ist stets: Menschen erreichen, die sich nicht mit Wissenschaft beschäftigen, und ihnen zu vermitteln, wie diese tickt; und auch, welche Probleme sie hat – gerade jetzt in Zeiten von Corona.