Uni Zürich untersucht Trauerpraktiken im Internet

“Es vergeht kein Tag ohne Tränen, ohne Gedanken und ohne Sehnsucht nach Leon*. Er ist unser Schutzengel, der uns täglich begleitet, bis wir ihn wiedersehen.” So trauert eine Mutter um ihren mit 18 Jahren gestorbenen Sohn. Und 280.000 Menschen trauern mit. “Danke für Eure Freundschaft und dass Ihr Leon hier weiterleben lasst.” Denn Grabstätte, Kerzen und Kondolenzbuch für Leon sind virtuell: auf einer Gedenkseite im Internet.

“Die Tendenz zur Online-Trauer hat in den vergangenen Jahren immens zugenommen, auch durch die Corona-Pandemie”, sagt Christa Dürscheid, Professorin für Deutsche Sprache an der Universität Zürich. Als Leiterin des Forschungsprojekts “Trauerpraktiken im Internet” untersucht sie, wie sich Menschen in solch hoch emotionalen Situationen im Netz ausdrücken und welche religiösen Aspekte das hat.

Eingebettet ist die Forschung in zwölf Teilprojekte mit anderen Fachbereichen der Uni Zürich, die das Thema juristisch, soziologisch, theologisch, linguistisch und medienwissenschaftlich betrachten.

Bezüge zur Religion

Der Bundesverband Trauerbegleitung e.V. ist der Fachverband für Trauerbegleitung in Deutschland und versteht sich als Interessenvertretung und Sprachrohr für Trauernde, Trauerbegleitende und Menschen in Lehre und Forschung zum Thema Trauer.

Nähere Informationen sowie auch eine Imagebroschüre gibt es auf der Homepage: www.bv-trauerbegleitung.de 

Erstes Zwischenfazit aus etwa 22.000 bislang gesammelten Nachrufen, 1,3 Millionen Texten aus Gedenkportalen und 24 Millionen Tweets: “Die Einträge zeigen sehr oft Bezüge zu Religion, auch wenn die Trauernden möglicherweise gar nicht religiös sind.” Zum Beispiel bei Emojis: Beileibe nicht jeder, der betende Hände, einen Engel oder ein Kreuz postet, dürfte dies als gläubiger Mensch tun.

In Sozialen Medien boomen seit einigen Jahren Hashtags wie #RIP (Ruhe in Frieden), von der lateinischen Grabinschrift “Requiescat in Pace”.

“Oder der Hashtag #Prayfor, der etwa nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt trendete – dabei hätte sich auch #Breitscheidplatz angeboten”, erläutert die Professorin. Stattdessen trendet heute der kollektive Gebetsaufruf zu fast jedem nur denkbaren tragischen Ereignis; und das in einer zunehmend säkularisierten Welt.

Auch Gedenkportale wie etwa die “Straße der Besten” sind religiös gefärbt. Hier können Trauernde für die virtuelle Grabstätte ihrer Angehörigen sogar zwischen einem christlichen, jüdischen oder muslimischen Friedhof sowie dem weltanschaulich neutralen “Berg der Ruhe” oder “Feld der Ewigkeit” wählen. Der Vorteil von Gedenkseiten: “Angehörige können über Jahre hinweg das Gedächtnis an Verstorbene lebendig halten”, sagt Dürscheid; mit maximaler Aufmerksamkeit sowie längeren Texten, Fotos, Videos, Musik. Im “echten Leben” dagegen versickert das große Mitfühlen oft rasch.

Bedeutung von Online-Trauer

Auch können sich online “Abschieds-, Trauer- und Kondolenzgemeinschaften” mit immensem Radius bilden. “Analog sind die persönlichen Kontakte dagegen begrenzt, auch weil Familien und Freunde etwa aus beruflichen Gründen oft weit zerstreut sind.” Viel leichter finden auch Leidensgenossen zusammen, etwa unter “verwaisten Eltern” oder Angehörigen von Krebsopfern. Damit hat Online-Trauer auch einen psychologischen oder gar seelsorglichen Effekt.

Aber: Durch das Posten von Fotos, Anekdoten oder anderen privaten Daten des Verstorbenen drohen juristische Fußangeln um Persönlichkeitsrechte bis hin zum Schutz der Menschenwürde. “Das muss man kritisch hinterfragen: Man legt die eigene Privatsphäre offen, aber auch die des Toten, der sich aber nicht mehr wehren kann.”

Etwas anders sieht es rechtlich bei der Trauer um “öffentliche Personen” aus, die ebenfalls einen Boom erlebt – mit teils skurrilen Formen: “Als Götz George 2016 starb, trendete auch der Hashtag #Scheiße”, berichtet die Wissenschaftlerin. “Das war aber positiv gemeint – denn diese derbe Sprache war sein Markenzeichen als Kommissar Schimanski.”

Zunächst ist Dürscheids Projekt bis Ende 2024 begrenzt: Doch reiche der Stoff auch für die Aufstockung auf zwölf Jahre, ist die Professorin überzeugt. Etwa durch das Megathema “Künstliche Intelligenz” (KI), die schon heute quasi Tote zum Sprechen bringt: “Ein Algorithmus wählt aus früheren WhatsApp-Nachrichten des Verstorbenen die jeweils passende Antwort; so, als würde man mit der Person chatten”, sagt Dürscheid. “Das sind alles Szenarien, bei denen wir heute noch am Anfang stehen.”