Umstrukturierung jener Energieversorgung – Spektrum jener Wissenschaft

Auch der einfache Stromkunde kann künftig von mehr Intelligenz im Strommarkt profitieren. Das norwegische Strom-Start-up Tibber bietet seinen Kunden etwa eine Funktion zum smarten Laden von Elektroautos an. »Dabei gibt der Kunde einfach die gewünschte Abfahrtszeit ein. Unsere Software sorgt dann dafür, dass die Batterie vollautomatisch exakt in den Stunden geladen wird, in denen der Strom am günstigsten ist«, sagt Tibber-Deutschland-Chefin Marion Nöldgen. Bis zur 30 Prozent der jährlichen Stromkosten könne man sparen, sagt sie. Ohne einen intelligenten Stromzähler des Herstellers Discovergy, der den Stromverbrauch in Echtzeit misst und 100 Euro pro Jahr kostet, funktioniert der Service aber nicht.

Mehr europäische Zusammenarbeit

Industrielle Prozesse, die ihre Leistungsaufnahme flexibel anpassen können, helfen, regionale und nationale Netze selbst dann stabil zu halten, wenn die Stromproduktion der Erneuerbaren stark schwankt. So soll es auch auf europäischer Ebene funktionieren: Um den Strom in großen Mengen über Ländergrenzen hinweg zu verschieben, werden daher künftig noch mehr grenzüberschreitende Leitungen nötig. Die Staaten um Nord- und Ostsee sind schon dabei, sich noch weiter zu vernetzen, damit sie ihren Windstrom besser exportieren können. Seit Dezember 2020 verbindet beispielsweise das 516 Kilometer lange Seekabel NordLink-Kabel Norwegen mit Deutschland. »Solche länderübergreifenden Ausgleichsmöglichkeiten bringen Sicherheit ins Gesamtsystem«, sagt Fraunhofer-IEE-Experte Martin Braun.

Allerdings: »Wo und wie viele solcher Interkonnektoren künftig noch gebaut werden, sollte gut überlegt werden«, sagt Braun weiter. Es könnte nämlich sein, dass man die eine oder andere der teuren Leitungen, die oft auch mit Akzeptanzproblemen in der Bevölkerung verbunden sind, doch nicht mehr brauche. So ist zum Beispiel noch unklar, wie sich die Wasserstoffnutzung in Deutschland langfristig entwickelt. Davon hinge aber ab, wie viel Überschussstrom später in Wasserstoff gewandelt wird und überhaupt noch zur Verfügung steht, sagt der Fraunhofer-Forscher. Eine endgültige Antwort steht aus. »Das beste Energieversorgungsszenario für Deutschland ist noch Teil des wissenschaftlichen Suchprozesses«, sagt Braun.

Wie wichtig länderübergreifende Absprachen werden, zeigt eine weitere aktuellen Studie im Auftrag von Agora Energiewende und Agora Verkehrswende: Windparks auf See können sich gegenseitig großflächig den Wind wegnehmen, wenn sie in zu geringem Abstand zueinander stehen. Im Extremfall könne der Stromertrag der Anlagen um ein Viertel und mehr sinken, sagt Lenck: »Da die Offshore-Windkraft zur tragenden Säule der Energieversorgung Europas ausgebaut wird, sollten die Nordsee-Anrainerstaaten ihre Offshore-Windkraftanlagen unbedingt gemeinsam planen.«

Mehr Kreativität

Technisch klappt es problemlos, erneuerbaren Strom per Elektrolyse in grünen Wasserstoff umzuwandeln und ihn bei Bedarf in Gaskraftwerken dann wieder zurückzuverstromen. Wegen der hohen Verluste bei den Wandlungsschritten ist der Prozess allerdings sehr teuer. Und das wird auf absehbare Zeit auch so bleiben.

Aber: »Sorgen machen müssen wir uns wegen der hohen Kosten nicht«, sagt Strommarkt-Experte Thorsten Lenck. Denn ein erneuerbares Stromsystem sei günstiger als ein konventionelles, wenn man die Folgekosten der CO2-Emissionen berücksichtige. »Wir können mit den heutigen Technologien in die Zukunft gehen und schaffen so die Energiewende – das Ganze sollten wir aber clever angehen. Denn es gibt bereits heute Technologien für die Versorgungssicherheit, wie bisher ungenutzte Flexibilität bei Unternehmen, die besser und günstiger als wasserstoffbetriebene Gaskraftwerke sind.« Lenck hofft hier auf die Kreativität des Marktes: Eine Kreativität, die am besten durch Dezentralität, die Kleinteiligkeit und ein großes Spektrum von Marktteilnehmer entsteht. Dagegen wäre es kontraproduktiv, so Lenck, »wenn der Staat sagt, wir bauen wasserstoffbetriebene Gaskraftwerke. Damit ist der Markt für andere Technologien dann tot.«

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