The Weeknd – Unterlegen Sex unter guten Freunden

Auf dem Albumcover präsentiert der Mann eine drastisch gealterte Version seiner selbst. Was aussieht wie das Styling für einen Film über die Zeit nach der zurückgeschlagenen Zombieapokalypse – ja, ich bin gezeichnet, aber ich habe es überlebt! – ist allerdings nicht als zunächst naheliegender Kommentar zur nach wie vor aktuellen pandemischen Großwetterlage zu verstehen. Immerhin hat der im echten Leben erst 31-jährige kanadische Sänger, Songwriter und Produzent Abel Tesfaye alias The Weeknd mit “Dawn FM” ein neues Werk vorgelegt, dessen Konzept – nicht zuletzt für Psychoanalytiker interessant – auf toten Hörern basiert, die in einem Verkehrsstau im Fegefeuer auf das Licht am Ende des Tunnels warten, mit dem man hierzulande bekanntlich Erfahrung hat.

Dreifingerklaviatur

Währenddessen läuft im Autoradio aber nicht Radio Wien, sondern der fiktive Sender, nach dem der mittlerweile fünfte Streich von The Weeknd benannt ist. Samt zugespielter Jingles und etwa auch einer gescripteten Kinowerbung für einen nicht existierenden Film fühlt man sich dabei womöglich an die Queens Of The Stone Age und ihr ähnlich angerichtetes Album “Songs For The Deaf” aus dem Jahr 2002 erinnert, wobei die Musik davor, dazwischen und danach natürlich eine ganz andere Richtung nimmt. Nach Anfängen als Heimproduzent im Zeichen eines wie auch immer gearteten Alternative-R&B mit Texten über Drogenhunger und Sex steht The Weeknd spätestens seit seiner Hitsingle “Blinding Lights” von 2019 für Synthie-Pop mit Texten über Drogenhunger und Sex, der tief in den 1980er Jahren wurzelt und dabei nicht selten erheblich nach Replika klingt.

Simplizistisch auf der Dreifingerklaviatur eines Keyboards oder Touchscreens eingespielt, kann diese Kunst zwar auch selbst wiederum im Handumdrehen reproduziert werden, wenn man nur etwa das iPhone-Taschenstudio GarageBand zu bedienen weiß – wie man in einem entsprechenden Video auf YouTube überprüfen kann. Allerdings hört man gerade auch den 16 neuesten Folgeversuchen von “Dawn FM” an, dass es letztlich eine verdammt schwierige Sache sein dürfte, betont einfache Welthits im Stile The Weeknds mehr als ein paarmal im Leben auch selbst zu schreiben.

Veröffentlicht wurde “Dawn FM” nur wenige Tage nach seiner Erstankündigung am vergangenen Freitag. Geschenkt, The Weeknd ist Musik für die freie Zeit des Wochenausklangs und beschwört außer derzeit nur theoretischen Partys und ihren Eroberungen der Nacht immer auch das Kopfweh und den Herzschmerz danach. Um diesmal besonders viel von allem zu bieten, hat sich Tesfaye in eine regelrechte Materialschlacht gestürzt.

Käsige Keyboardsounds

15 (!) teils auch als Co-Schreiber verpflichtete Produzenten(teams) um den eigentlich aus dem elektronischen Underground kommenden Soundbastler Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never und natürlich auch die schwedische Allzweckwaffe Max Martin als Mann für die Hits sind ebenso zu nennen wie sage und schreibe zehn auf betont käsige Sounds setzende Keyboarder, die netterweise anstelle von künstlicher Intelligenz zum Einsatz kamen.

The Weeknd
Dawn FM
(Universal Music)

“Dawn FM”-Coverartwork.

– © Chris Saraiva

Bereits die Album-Tracklist sorgt mit bei etwa der US-Band Berlin oder Elton John gestohlenen Titeln wie “Take My Breath Away” oder “Sacrifice” dafür, dass man sich unweigerlich an alte Folgen des ORF-“Wurlitzer” erinnert fühlt. Dafür wurden Alfons Haider und Lizzy Engstler aber durch den im Einkauf vermutlich etwas teureren US-Schauspieler Jim Carrey in der Moderatorenrolle ersetzt. Und ähnlich wie Giorgio Moroder auf dem Album “Random Access Memories” der im Vorjahr aufgelösten französischen Disco-Humanoiden Daft Punk taucht auf “Dawn FM” nicht von ungefähr Quincy Jones als Talking Head auf, um über seine bewegte Kindheit und ihre Folgen zu berichten: “Looking back is a bitch, isn’t it?”

Etwas Guilty Pleasure

Schließlich lieferte der heute 88-Jährige mit seinen Produktionen für Michael Jackson die unüberhörbare Steilvorlage für die aktuellen Songs von The Weeknd, mit denen sich Tesfaye heute zum neuen King of Pop adeln will – was nicht zuletzt am abermals zu offenkundigen Malen-nach-Zahlen-Verfahren scheitert. Wobei es diesmal vor allem der Song “How Do I Make You Love Me?” auf die eine oder andere Guilty-Pleasure-Playlist schaffen dürfte. Trick 17: Stellt man sich dann noch vor, es handelt sich dabei um einen Hit der kommerziell wesentlich glückloseren Junior Boys, fällt auch noch das schlechte Gewissen weg.

Mit zunehmendem Hang zu von gehobenem Selbstmitleid angekränkelten Kitschballaden und etwa dem händeringenden “Starry Eyes” als balladistischem Popmoment im Zeichen der hohlen Geste wird es bald darauf aber mühsam. Alles ist nach wie vor sehr sexuell, fühlt sich aber bereits an wie die Leere nach einem schlechten Orgasmus.

Apropos: “Best Friends”, das davon handelt, warum es schwierig ist, mit seinen Freunden zu schlafen, erklärt dann irgendwie auch das Album selbst. Nach einem guten bis starken ersten Drittel muss man The Weeknd schon sehr verbunden sein, um seinem larmoyanten Schmachtgesang auch weiterhin zu erliegen.