Technologie, Wissenschaft, Mut statt Zufall, Humbug, Zögern

Sie leuchtet mal wieder Rot, meine Corona-Warn-App. Begegnungen an einem Tag mit erhöhtem Risiko, lässt sie mich wissen. Ansonsten steht noch der Tag dabei, keine Uhrzeit, kein Ort, nichts. Stattdessen der tolle Tipp, ich soll mich doch, wenn ich nach Hause komme, auch von Familienmitgliedern fernhalten. Gute Idee, bin nur gerade zu Hause. Mitten unter Familienmitgliedern. Und die vermeintliche Begegnung liegt im Moment der Mitteilung tatsächlich schon sechs Tage zurück.

An diesem Tag war ich tatsächlich bei einer Veranstaltung – allerdings eine mit 3G-Variante. Vielleicht kommt die Warnung aber auch eher durch das Testzentrum zustande, dass auf der anderen Seite des Veranstaltungsgebäudes untergebracht ist? Fragen, auf die zumindest die App keine Antworten geben kann. Im Grunde genommen sagt sie nur: Teste dich. Ok, ist passiert. Test negativ, der am Tag darauf ebenso. Entweder hat die Impfung geholfen oder es war eben doch falscher Alarm.

Vertrauensfördernd ist all das nicht. Dabei habe ich es noch gut erwischt. Ein Kollege hat am gleichen Tag einen Brief vom Gesundheitsamt bekommen. Seine Quarantäne sei vor zwei Tagen zu Ende gegangen, liest er da. Wäre schön, wenn die Post etwas eher gekommen wäre. Noch schöner wäre allerdings, wenn dem Kollegen vorher irgendjemand mitgeteilt hätte, dass er überhaupt in Quarantäne soll (Grund auch hier die berühmte Risiko-Begegnung). Diese Info hat ihn aber nie erreicht. Im schlechtesten Fall hätte die Überforderung des Gesundheitsamtes dafür gesorgt, dass ein Infizierter nichtsahnend durch die Gegend rennt und Menschen ansteckt. War nicht so, weil geimpft und negativer Test. Glück gehabt, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Technologie besser nutzen

Dabei wären genau diese Dinge im Grunde sehr einfach mit Hilfe von verfügbarer Technologie zu lösen. Deutschland hat in den ersten Monaten der Pandemie ziemlich viel richtig gemacht. Mit Recht gab es dafür international sehr viel Lob. Leider sind genau in dieser Zeit aber auch viele Chancen verpasst worden, die eine dauerhafte Bekämpfung der Pandemie wesentlich vereinfacht hätten.

Nix verpassen: Abonniere den t3n Newsletter! 💌

Es gab leider ein Problem beim Absenden des Formulars. Bitte versuche es erneut.

Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Hinweis zum Newsletter & Datenschutz

Fast fertig!

Bitte klicke auf den Link in der Bestätigungsmail, um deine Anmeldung abzuschließen.

Du willst noch weitere Infos zum Newsletter?
Jetzt mehr erfahren

Eine tragende und gleichzeitig tragische Rolle spielt dabei die Corona-Warn-App. Einerseits durchaus hilfreich und sinnvoll, andererseits aber schon mit einem unüberwindbaren Handicap auf die Reise geschickt. Die Politik hat sich wohl in der Hoffnung auf eine höhere Akzeptanz für maximalen Datenschutz statt für bestmöglichen Gesundheitsschutz entschieden. In Kombination mit der Freiwilligkeit von Eingaben und der fehlenden Verbindung zu den Daten der Gesundheitsämter wird daraus eine drastische Fehleinschätzung, die der App nach Experteneinschätzung mindestens die Hälfte der möglichen Wirksamkeit nimmt.

Daten verknüpfen und verwerten

Hinzu kommt, dass die App mit einem Funktionsumfang an den Start gegangen ist, der nicht einmal als MVP durchgehen kann. In der Konsequenz haben sich problembelastete Varianten wie die Luca-App breitgemacht oder die Zettelwirtschaft feierte mit allen negativen Begleiterscheinungen fröhliche Urständ.

Überhaupt, die Sache mit den Daten ist im Zusammenhang mit Covid 19 quasi durchgängig ein Trauerspiel. Was bei der Corona-App beginnt, setzt sich bei Tests und Impfungen fort. Es gibt an keiner Stelle eine auch nur ansatzweise umfassende Datengrundlage. Die Auswertungen sind an vielen Stellen ein Stochern im Nebel. Immerhin scheint es bei der Zahl der Infizierten und bei der Hospitalisierung einigermaßen zu klappen. Da ist es aber zu spät.

Noch nicht zu spät ist es allerdings, um diese Stockfehler zu korrigieren. Dazu braucht es jetzt allerdings Entschlossenheit und Geschwindigkeit. Die technischen Möglichkeiten, die eine inzwischen mehr als flächendeckende Smartphone-Verbreitung bietet, müssen endlich genutzt werden. Der Gesundheitsschutz muss im Zweifel über den ultimativen Datenschutz gestellt werden. Aber auch ohne tatsächlich personenbezogene Daten würde eine sinnvolle Nutzung viele zusätzliche Möglichkeiten eröffnen. Mit Hilfe von auf diese Weise trainierten KI-Modellen könnten beispielsweise Cluster identifiziert, potentielle Gefahrenbereiche frühzeitig erkannt werden. So oder so: Es braucht die Vernetzung, es braucht vor allem die automatische Übermittlung der Informationen an die Gesundheitsämter und zurück. Alles andere ist grob fahrlässig.

Wissenschaft statt Fahrlässigkeit

Derlei Fahrlässigkeit hat leider auch an anderen Stellen bereits viel zu viel Raum eingenommen. Die Impfkampagne war inhaltlich und mit Blick auf die genutzten Kanäle im besten Falle bieder-wirkungslos, in jedem Fall aber eine vergebene Chance. Fehlende Informationen lassen zudem zusätzlichen Platz für pseudo-wissenschaftlichen Blödsinn. Das Schlafwagen-Tempo der Stiko, die Irrlichterei von Figuren im Umfeld der Kassenärzte oder unter Aufmerksamkeitsdefizit leidende Fast-Experten besorgen den Rest.

Dabei gibt es eine Reihe von Erkenntnissen, die zumindest unter den ernstzunehmenden Fachleuten unumstritten sind. Dazu gehört eben auch, dass die Impfung natürlich kein kompletter Schutz, aber eben doch unsere stärkste Waffe gegen die Pandemie ist. Umso verheerender, wenn dann Figuren wie Wagenknecht, Precht oder auch Kimmich ihre wissensfreien Statements öffentlichkeitswirksam in die Welt blasen dürfen. Das Märchen von den Langzeitfolgen, die Panikmache vor angeblich fehlenden Studien oder auch die gefährliche Behauptung zu den angeblich wenig gefährdeten Kindern – all diese Dinge dürfen nicht unwidersprochen bleiben, sondern müssen korrigiert werden.

Gleichzeitig braucht es Gründe für die Zaudernden, um eben doch zur Impfung zu gehen. Wie das funktioniert und vor allem dass dies funktioniert, zeigt der Blick nach Österreich (ausgerechnet…). Dort hat sich die Politik ein Herz gefasst und im Kampf gegen die explodierenden Zahlen eine weitgehende 2G-Regelung (geimpft oder genesen) installiert. Die Konsequenz: lange Schlangen an den Impfstationen. In ehemaligen Corona-Hochburgen wie Österreich oder Italien blickt die Mehrheit inzwischen ohnehin mit einiger Verwunderung nach Deutschland, weil es zuletzt schlichtweg nicht mehr gelungen ist, wirklich funktionierende Maßnahmen umzusetzen.

Schlimmer noch, zum Teil werden sie sogar verboten – mit komplett absurden Argumenten. Ein drastisches Beispiel liefert NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU), der eine in Krefeld gewünschte Maskenpflicht für Schüler:innen verboten hat. Als Begründung führte Laumann keine wissenschaftlichen Erkenntnisse an, er tat genau das Gegenteil. Der Herr Minister gab mehr oder weniger unumwunden zu, dass er und seine Landesregierung wider besseren Wissens dem Druck aus der militanten Maskengegner-Ecke nachgegeben haben. Unter dem Strich steht der Verzicht auf eine unbestritten wirksame Maßnahme wegen Mails aus, vorsichtig ausgedrückt, offenbar schlecht informierten Kreisen.

Es ist fast schon überflüssig zu erwähnen, dass es auch in diesem Fall zu Lasten der Kinder geht. Die Jüngsten sind in der gesamten Pandemie-Zeit ohnehin die größten Verlierer. Die Politik lässt sie nicht nur bei der (fehlenden) Digitalisierung der Schulen im Regen stehen, sie trägt im Zweifel auch die anderen Auseinandersetzungen auf dem Rücken der Kinder aus. Siehe NRW, siehe Laumann – ein ähnlich klingender ministerieller Offenbarungseid war übrigens auch aus dem Land Berlin zu hören.

Wollen wir im Kampf gegen die vierte Welle (und bei der bestmöglichen Verhinderung von weiteren Wellen) wirklich Erfolg haben, dann braucht es jetzt eine Wende zum Besseren. Weg vom ständigen Hin und Her, von der öffentlichen Akzeptanz  für eindeutigen Humbug, dem Verzicht auf den Einsatz verfügbarer Technologie. Wir müssen die Möglichkeiten nutzen, die wissenschaftlichen Erkenntnisse umsetzen, die Geschwindigkeit erhöhen.

Es braucht diese Tugenden auch, um für die nächste Aufgabe gerüstet zu sein. Eine Aufgabe, die noch deutlich größer ist. Ein Feld, bei dem einmal mehr die Kinder und Jugendlichen am meisten unter dem Nichtstun leiden werden. Im Kampf gegen den Klimawandel braucht es die Akzeptanz der wissenschaftlichen Erkenntnisse, braucht es Mut, braucht es den schnellen Einsatz von verfügbarer Technologie. Es braucht Verantwortung.

 

Das könnte dich auch interessieren

Berlin Ernachrichten