Technologie – Bitcoin und Blockchain: Sind sie Revolutionen oder vollkommen überbewertet?


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Bitcoin und Blockchain: Sind sie Revolutionen oder vollkommen überbewertet?

Der Höhenflug von Bitcoin gilt den Fans als Zeichen, dass sich die Kryptowährung durchsetzt – und mit ihr die Blockchain. Für Kritiker zeigt der Höhenflug genau das Gegenteil.

Die Zukunft oder vorübergehender Hype?

Z1008/_jens Kalaene / dpa-Zentralbild

Die Blockchain – für ihre Befürworter steht sie «in einer Reihe mit den grössten Erfindungen der Menschheit, wie: Druckpresse oder Strom, Radio und Internet.» Für Kritiker wie den Starökonomen Nouriel Roubini ist sie hingegen nur eine glorifizierte Datenbank. Im Herbst 2018 behauptete Roubini vor dem amerikanischen Senat:

«Keine Technologie in der Geschichte der Menschheit wird stärker überbewertet und ist zugleich weniger nützlich.»

Das bislang wichtigste Aushängeschild der Blockchain-Technologie ist der Bitcoin. Nachdem Roubini vor dem Senat stand, erlebte die Kryptowährung wechselhafte Zeiten. Zuerst einen Crash, und Roubinis Triumph – er hatte wortgewaltig gewarnt vor «Mutter und Vater aller Spekulationsblasen». Es folgte eine Wertexplosion bis zum Rekord von über 58’000 Dollar. Dann einen kleinen Crash. Und aktuell geht es wieder mit Schwung nach oben – manche Analysten wollen schon einen Wert von 70’000 Dollar vorhersehen können.

Ist Roubini mit dem Höhenflug widerlegt und bewährt sich der Bitcoin als echte Währung? Ist damit die Blockchain auf dem Weg, bedeutender als das Internet zu werden? Das Gegenteil trifft zu. Der Höhenflug zeigt: der Bitcoin taugt nicht als Währung.

Wer will zum Beispiel eine Wohnung mieten zu einem monatlichen Bitcoin-Betrag? Wer einen solchen Vertrag im März 2020 unterschrieben hätte, der zahlt heute in Franken rund neun Mal mehr Miete. Wer im Frühjahr 2017 eine Hypothek in Bitcoins aufgenommen hätte, der könnte heute finanziell ruiniert sein: Die Zinszahlungen wären in Franken rund 50 Mal grösser. Die Kryptowährung Bitcoin eignet sich aktuell nicht als Währung – zum Gambeln und Spekulieren dafür umso mehr.

Was heute nicht ist, kann vielleicht noch werden

So testen Zentralbanken, ob sie digitales Geld herausgeben wollen – und dieses via Blockchain organisieren. Dann hätten Herr und Frau Schweizer ihr eigenes Konto direkt bei der Nationalbank, es müsste keine Bank mehr dazwischengeschaltet sein.

Oder vielleicht wird der libertäre Traum wahr von Währungen, die von staatlichen Zentralbanken weitgehend unabhängig sind. Zu diesem Zweck wird mit «Stablecoin» experimentiert, bei denen jeder «Coin» mit einem US-Dollar unterlegt ist. So wären die Kryptowährungen stabil, mit dem Auf und Ab wäre Schluss.

Das ist der Anspruch, dem die Realität derzeit nicht Stand hält. Dem Stablecoin «Tether» wurde kürzlich in New York die «illegale Aktivität» einstweilen verboten. In einigen Fällen hatte Tether nur darum genug Dollar auf dem Konto-Ausweis, weil das Geld kurz davor eingeschossen wurde – und gleich darauf wieder abgezogen. Die New Yorker Staatsanwaltschaft schrieb, Tether sei ein «Stablecoin ohne Stabilität».

Doch Bitcoin ist nicht gleich Blockchain.

Der Bitcoin ist womöglich ein schlechter Botschafter für diese Technologie. Glücksritter werden angelockt von den Kurssprüngen, auch Betrüger. Vom linken politischen Rand zieht es Anarchisten an und von Rechtsaussen zahlreiche Verschwörungstheoretiker. Ihnen allen gefällt die Vision eines Finanzsystems, das befreit ist von privaten Banken und Zentralbanken.

Doch was neben Kryptowährungen auf der Blockchain entstehen wird, das weiss man nicht. Ihre Befürworter verweisen gerne auf das Internet. Es brauchte eine Dotcom-Finanzblase, dann einen Crash – erst dann entstanden Google, Facebook und Amazon.

Hält es für Unsinn, die Blockchain mit dem Internet zu vergleich: Roubini

Hält es für Unsinn, die Blockchain mit dem Internet zu vergleich: Roubini

imago stock&people

Starökonom Roubini hält diesen Vergleich für blanken Unsinn. Auf dem Internet habe es schon kurz nach seiner Entstehung ein explosives Wachstum gegeben von Nutzern und von Anwendungen. Die Blockchain gebe es seit über 10 Jahren, sie habe nichts Vergleichbares hervorgebracht: keine einzige Killer-App, die im Alltag der Menschen angekommen wäre.

«Es ist zu früh, um ein Urteil zu fällen», sagt hingegen Christian Ewerhart, Professor an der Universität Zürich. Ewerhart ist dort Spezialist für Informationsökonomie und sitzt im Steuerungskomitee des Blockchain-Zentrums. Ewerhart sagt:

«Wir können heute nicht wissen, welche Bedeutung die Blockchain einmal haben wird. Es steckt zu vieles in den Kinderschuhen.»

Auch für Ewerhart hinkt der Vergleich mit dem Internet – jedoch aus anderem Grund. Die Blockchain sei technologisch viel komplexer als das Internet. Daher dauere es länger, bis sie sich durchsetzen könne. Doch allein im Schweizer Crypto Valley würden Hunderte von Startups an Anwendungen arbeiten, die auf der Blockchain basieren. Weltweit ist der aktuelle Stand der Innovationen kaum zu überblicken.

Die Blockchain-Anwendungen fern von Kryptowährung

Zum Beispiel untersucht das Fraunhofer Blockchain-Labor, wie sich digitale Identitäten von Personen auf einer Blockchain vergleichen lassen. Eine solche Datenbank wäre im Asylwesen von Nutzen. Verschiedene Länder könnten darauf zugreifen, ohne dass sie einem einzigen Land gehört. Ewerhart erklärt zu diesem Pilotprojekt: «Man teilt entscheidungsrelevante Informationen miteinander, ohne die Daten selbst zu teilen.» Es wäre eine neue Lösung für Probleme, die als unlösbar galten.

Bedeutung der Blockchain noch unbekannt: Ökonom Ewerhart

Bedeutung der Blockchain noch unbekannt: Ökonom Ewerhart

Universität Zürich

Damit liesse sich der Missbrauch von Asylgesuchen verhindern, der in Deutschland zu einem Problem wurde. Lehnt ein Bundesland einen Asylantrag ab, gibt es einen verschlüsselten Eintrag in der Blockchain. Diesen können andere Länder einsehen, ohne dass der Datenschutz kompromittiert wird. Wenn die gleiche Person versucht, in einem anderen Bundesland unredlich Leistungen zu erhalten, kann dies unmittelbar aufgedeckt werden.

Ein anderes Beispiel von Ewerhart sind Lieferketten über viele Betriebe hinweg, etwa in der Pharmaindustrie. Hier kann die Blockchain helfen, Vertrauen zu schaffen. Denn wenn medizinische Produkte transportiert werden, muss man Temperatur und Feuchtigkeit strikt kontrollieren können. Dafür könnte man Sensoren verwenden und die gesammelten Daten auf der Blockchain ablegen. Dort werden sie automatisch kontrolliert, können nicht manipuliert werden – und alle beteiligten Betriebe können sie einsehen.

Erst im Nachhinein ist man klüger

Vielleicht also wird Blockchain-Skeptiker Roubini dereinst genauso dastehen wie der legendäre Talkshow-Moderator David Letterman. Der hatte sich 1995 die Vorzüge des damals neuen Internets vom Microsoft-Gründer Bill Gates erklären lassen. Als Gates auf die mässig relevante Möglichkeit verwies, sich Radiosendungen zeitversetzt anhören zu können, spottete Letterman: «Haben Sie schon von Aufnahmegeräten gehört?»

Oder vielleicht geht die Blockchain tatsächlich ein in die Geschichte als das, was Roubini in ihr sieht: eine vollkommen überbewertete Technologie. Noch steht das alles in der Schwebe.

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