Technologie aus Erlangen gegen die Klimakrise – Erlangen



Als “One-Man-Show” begann die Erfolgsgeschichte des Erlanger Unternehmens Hydrogenious. Heute hat Daniel Teichmann 130 Mitarbeiter – und es werden immer mehr. Kein Wunder, denn es geht um eine wichtige Technologie für die Zukunft: Für den Weg in die Klimaneutralität ist Wasserstoff nötig. Das Transportproblem dieses reaktionsfreudigen Gases hat Teichmann in seiner Doktorarbeit gelöst – und diese Dissertation sogleich in eine Firma verwandelt.

Die Klimakrise ist in den letzten Jahren ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt – in der Politik wie in der Wirtschaft. Das spürt man auch in Erlangen, wo Daniel Teichmann schon 2013 die Firma Hydrogenious gegründet hat, mit tatkräftiger Unterstützung der Friedrich-Alexander-Universität. Mitgründer sind die drei Professoren Peter Wasserscheid, Wolfgang Arlt und Eberhard Schlücker, doch das operative Geschäft lag in der Hand des heute 38-jährigen Teichmann.

„Die ersten fünf Jahre waren für uns sehr wertvoll, aber es war auch sehr zäh, weil Wasserstoff für viele keine Bedeutung hatte“, erzählt er. „Das hat uns aber in die Lage versetzt, dass wir jetzt auch liefern können, wo die große Dynamik da ist.“ Gerade in den letzten beiden Jahren ist viel passiert: „Wir haben inzwischen etwa 130 Mitarbeiter, da haben wir uns seit Anfang 2020 verdoppelt. In den nächsten Jahren werden wir sicherlich auf 200 Mitarbeiter kommen.“ Im September konnten die Erlanger zudem in ihrer jährlichen Finanzierungsrunde neue internationale Investoren gewinnen und 50 Millionen Euro einsammeln.

Der Bedarf an Ökostrom wächst rasant, doch die Energie aus nachhaltigen Quellen wie Wind oder Sonne fließt sehr unregelmäßig. Daher sind viel mehr Speicher und Energietransporte nötig, doch bei diesem Systemwechsel stoßen die alten Mittel wie Batterien und Kabel an ihre Grenzen. Neue Möglichkeiten ergeben sich, wenn man den Strom durch Elektrolyse in grünen Wasserstoff umwandelt. Und hier kommen die Erlanger Gründer von Hydrogenious ins Spiel. Sie haben ein Verfahren entwickelt, mit dem sich der leicht entzündliche Wasserstoff sicher und effizient transportieren lässt: Wenn das Gas an eine spezielle Flüssigkeit gebunden wird, kann man es einfach wie die gängigen Kraftstoffe transportieren und lagern.

Weltpremiere an Erlanger Tankstelle

Diese Lösung mit einem „flüssigen organischen Wasserstoff-Träger“ (Liquid Organic Hydrogen Carrier, LOHC) ist damit deutlich unkomplizierter als das bislang übliche Komprimieren durch Druck. Und man kann die bereits bestehende Infrastruktur der Ölindustrie nutzen. Für den Verbrauch wird der Wasserstoff dann von der Flüssigkeit gelöst, und diese kann für die nächste Ladung genutzt werden. Mit einer Brennstoffzelle kann der Wasserstoff dann rückverstromt werden. Die weltweit erste Wasserstoff-Tankstelle mit LOHC- Technologie soll noch in diesem Jahr ihren Betrieb in Erlangen aufnehmen.

Während man vor zehn Jahren noch dachte, dass der Erfolg von Wasserstoff vor allem am Pkw-Markt hängt, sieht die Lage heute jedoch ganz anders aus. Als Pionier und Enthusiast fährt Daniel Teichmann zwar selbst ein Auto mit Brennstoffzelle, doch diese Technologie bietet vor allem dann Vorteile gegenüber dem batteriebetriebenen Elektromotor, wenn große Fahrzeuge lange Strecken zurücklegen müssen – wie etwa Lkw, Züge oder Schiffe. Noch wichtiger als der Bereich Mobilität sind jedoch zwei andere große Themen: Dekarbonisierung der Industrie und Energieimport.

„70 Prozent unserer Energie wird heute in Form von Öl, Kohle oder Gas importiert“, sagt Teichmann. In vielen Ländern und Regionen sei das ähnlich. Und für die meisten von ihnen wird es kaum möglich sein, sich mit eigenem Ökostrom komplett selbst zu versorgen. Was Teichmann zufolge auch gar nicht erstrebenswert ist, wenn anderswo mehr Sonne für die Photovoltaik scheint oder mehr Wind die Rotorblätter dreht.

Solarenergie aus Afrika und Australien

Deutschland sollte so viel grünen Strom wie möglich selbst erzeugen – aber zugleich auch Partnerländer mit günstigeren Produktionsbedingungen finden, meint Teichmann. „Heute hat Deutschland wichtige Verknüpfungen mit Russland und erdölfördernden Ländern, wir brauchen aber neue Energiepartnerschaften mit Ländern in Südeuropa, Nordafrika oder mit Australien.“ Es dürfte also auch in Zukunft Energie in großen Mengen rund um die Welt transportiert werden. „Das ist nicht alles mit Stromleitungen zu schaffen. Deshalb werden chemische Energieträger wie Wasserstoff einen entscheidenden Beitrag zur Klimaneutralität leisten.”

Mit Teichmanns Technologien, auf die er schon 45 Patente angemeldet hat, lässt sich fünfmal so viel Wasserstoff speichern als bei der Komprimierung mit Druck. Das erleichtert den Transport und die Lagerung dieses Energieträgers, der auch den hohen Bedarf an Ökostrom in Industrien wie der Stahlerzeugung oder Glasherstellung flexibel decken kann.

Grüne Energie im Tanklaster

In Dormagen baut eine Tochtergesellschaft von Hydrogenious gerade die weltweit größte LOHC-Abfüllanlage, die 1.800 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr einspeichern kann. Zunächst wird es Transporte per Tanklastwagen aus Dormagen nach Erlangen und Rotterdam geben. “Die Lkw werden ganz langweilig mit einem Gummischlauch befüllt und entladen, dank LOHC ist hier eben keine komplizierte Technik nötig”, erklärt Teichmann. “Heute wird weltweit noch kein grüner Wasserstoff in großen Mengen über Schiffe transportiert. Wir werden aber mit LOHC bestehende Öltanker nutzen können.”

Der erste Seetransport ist im Rahmen eines EU-geförderten Projekts geplant: Von Spanien wird aus Solarstrom erzeugter Wasserstoff über LOHC nach Rotterdam und nach Lingen an der Ems transportiert. “Das wird im großen Stil etwa 2024 sein.” Wasserstoff soll künftig nicht nur per Schiff transportiert werden, er soll auch Schiffe antreiben können: “Ungefähr 2023 wollen wir erstmalig LOHC auf einem Schiff als Antriebs-Kraftstoff einsetzten.” Hydrogenious kann sich über einen Mangel an großen Projekten nicht beklagen, die Wasserstoff-Pioniere aus Erlangen sind offensichtlich auf dem richtigen Kurs.