Stuttgarter stellen Safer-Sex-Kampagnen aus: Ein Poster zeigte Oralverkehr – und wurde prompt beschlagnahmt – Stuttgart

Kampagnen gegen Aids (von links): Claudius Desanti  (queeres Social-Media-Portal „Sissy That Talk“),  Torsten Poggenpohl (Tom’s Bar) und Ata Demirel (Aidshilfe Baden-Württemberg) mit ihren Lieblingsplakaten aus der Ausstellung in Lauras Kunsttreff. Foto: ubo Kampagnen gegen Aids (von links): Claudius Desanti (queeres Social-Media-Portal „Sissy That Talk“), Torsten Poggenpohl (Tom’s Bar) und Ata Demirel (Aidshilfe Baden-Württemberg) mit ihren Lieblingsplakaten aus der Ausstellung in Lauras Kunsttreff. Foto: ubo

„Tina, wat kosten die Kondome?“ Peinlich ist diese berühmte Frage von 1989 schon lange nicht mehr. Eine spannende Ausstellung im Bohnenviertel blickt auf Kampagnen gegen Aids zurück, die in vier Jahrzehnten ironisch, erotisch und oft heftig umstritten waren.

Stuttgart – Der blonde Mann, den man von oben sieht, trägt nix, nur Taucherflossen. Auf dem Plakat mit dem Nackten fordern vier Worte zum Handeln auf: „Überall hin mit Gummi!“

Das Gummi hat in vier Jahrzehnten in Deutschland Karriere gemacht. Raus aus der Tabuzone sollten Kondome, die im Kampf gegen Aids eine zentrale Rolle spielen. Ein Werbespot von 1989 trug zur Entkrampfung ganz wesentlich bei. Ingolf Lück will darin heimlich was kaufen. Gelingt ihm aber nicht! Denn die Kassiererin Hella von Sinnen ruft laut durch den Markt: „Tiiiinaaaa, wat kosten die Kondome?“

Die Plakate sorgten immer wieder für Aufregung

Gegen Scham und Angst haben sich Werbeprofis viel ausgedacht, seit im Juni 1981 eine mysteriöse Krankheit wissenschaftlich entdeckt worden ist, die damals als sicheres Todesurteil galt. Was in vier Jahrzehnten im Auftrag der Deutschen Aidshilfe plakatiert wurde und immer wieder für Aufregung sorgte, manchmal sogar für einen Besuch des Staatsanwalts, ist nun im Kunsttreff von Tom’s Bar unweit des Züblin-Parkhauses zu sehen. Die Ausstellung ist eine Zeitreise in die Bundesrepublik bis zurück in die 1980er. Sie zeigt mit bunten Farben und mit viel nackter Haut, worüber Menschen nicht immer reden konnten. Eine Ausstellung über den Wandel des Grafikdesigns ist’s obendrein, was Torsten Poggenpohl von Tom’s Bar von Berlin nach Stuttgart geholt hat. Seine Idee war’s, die Deutsche Aidshilfe um Leihgaben aus deren Archiv zu bitten.

Neue Porträtserie von Wilhelm Betz über das „bunte Stuttgart“

Anlass ist der Welt-Aids-Tag, der dazu genutzt werden soll, „gegen Ausgrenzung und Stigma zu kämpfen“ (die Aktionswoche geht mit etlichen Veranstaltungen bis zum 1. Dezember). Lange hat’s gedauert, um offen über sich selbst reden zu können. Poggenpohl schreibt sogar ein Buch über sich und macht zum Thema, was er ist: „Schwul, bipolar, HIV-positiv.“ Der 41-Jährige gehört zum „bunten Stuttgart“, das Wilhelm Betz, bekannt von seinen Schwarz-Weiß-Charakterköpfen, gerade in farbigen Porträts in Szene setzt. Zum Christopher Street Day soll die Serie erscheinen, die Menschen der Stadt zeigt, die ganz normal sind, nur anders.

Auch Claudius Desanti vom queeren Social-Media-Kanal „Sissy That Talk“ und Ata Demirel von der Aidshilfe Baden-Württemberg gehören zur „bunten Stadt“ und wurden von Betz bereits fotografiert. Die beiden helfen Poggenpohl, in dem 50 Quadratmeter großen Ausstellungsraum von Tom’s Bar die Anti-Aids-Plakate aufzuhängen. Immer wieder amüsieren sie sich, weil früher so manches doch ganz anders war. Die drei werden von mir aufgefordert, ihre Lieblingsplakate der Ausstellung auszusuchen. Bei Claudius Desanti ist’s ein Saunabild aus den frühen 1990er Jahren. Ein nacktes Männerpaar mit Handtuch ist zu sehen. Die Aufschrift: „Gleich hier? Aber sicher!“

„Jeder kann positiv sein, ohne es zu wissen“

Die Krankheit Aids, an der heute niemand mehr sterben muss, weil es wirksame Medikamente gibt, unter Therapie ist HIV nicht mehr ansteckend, berührte seit den 1980ern grundlegende Fragen des Menschseins – Fragen von Sexualität, Schuld und Scham. Oft ist darüber lieber geschwiegen worden. Auf einem Plakat der 1990er steht: „Jeder kann positiv sein, ohne es zu wissen.“ Heute kann jeder positiv bei Corona sein. Krankheiten und Ängste kommen immer wieder neu.

Die Kampagnen sollen Menschen mit verschiedener sexueller Veranlagung aufzeigen, was die Gefahr der Ansteckung minimiert. 1985 hat die Deutsche Aidshilfe ihr erstes Plakat veröffentlich. Später kam das Gesundheitsministerium mit „Gib Aids keine Chance“ und mit Tinas Kondomen hinzu.

Ein Plakat mit oralem Sex ist 1992 von Richtern beschlagnahmt worden

Ausgestellt ist unter anderem ein Safer-Sex-Plakat, das an der Bielefelder Universität in 1992 vom dortigen Landgericht beschlagnahmt worden ist. Darauf sind zwei Männer in eindeutiger Position zu sehen. Das Plakat verstoße gegen das Verbot der Verbreitung pornografischer Schriften, lautete das Urteil. Die Aidshilfe hielt dagegen: Um wirksam über die Krankheit aufklären zu können, müssten Erotik und Sex offen dargestellt werden, wurde argumentiert. Was dann passierte, amüsiert heute nur noch: Gestritten wurde, ob es sich bei dem Poster wirklich um Pornografie handelt. Dafür müsse ein Geschlechtsteil im 45-Grad-Winkel abstehen. Dies jedoch konnten die Richter nicht nachweisen, weil das Corpus Delicti durch den oralen Verkehr kaum zu sehen war.

Welche Kampagnen am erfolgreichsten waren? Die amüsanten oder die akademischen? Man kann es heute nicht mehr sagen. Eines hingegen ist klar: Auch Solidarität steckt an – und der Spaß an der Aufklärung quer durch die Epochen sowieso.

Infos

Aktionswoche
Die Ausstellung „Von der Aids-Krise bis PrEP: Plakate der Deutschen Aidshilfe“ wird am Donnerstag, 25. November, in Laura Kunstreff bei Tom’s Bar , Pfarrstraße 13, eröffnet mit einer Lesung von Autor Jan Ranft („Geschichten aus der Schwulenwelt“).

Das weitere Programm:

Freitag, 26. November, 20 Uhr: Politische Talkrunde: „Wie kämpft die Politik gegen das HIV-Stigma?“

Samstag, 27. November, 21 Uhr: „Fight the Stigma – TOGETHER!“ Dragqueens & Drinks, Party & (Com)Petition.

Sonntag, 28. November, 19 Uhr: Filmabend: „Queer Life in the City: Stuttgarts schwule Szene“ von Sissy That Talk

Montag, 29. November, 19 Uhr: Live-Podcast: „Selbstverständliches Leben mit HIV“ mit der Deutschen Aidshilfe.

Dienstag, 30. November, 20 Uhr: Community-Talk: „Mit PrEP gegen das Stigma: Bringt die Pille die Gay-Community zusammen?“

Mittwoch, 1. Dezember, 20 Uhr: Buchlesung zum Welt-Aids-Tag: „einfach!ch“ von Torsten Poggenpohl

Die Aktionswoche wird veranstaltet von Tom’s Bar, Aidshilfe Baden-Württemberg und Sissy That Talk.

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