Studienflut: Extra eine halbe Million wissenschaftlicher Texte zu Covid-19


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Seit Beginn der Pandemie sind über eine halbe Million Studien zu Covid-19 veröffentlicht worden. Die Masse an Publikationen führt zu erheblichen Überlastungen der wissenschaftlichen Prüfsysteme, wie die „Tagesschau“ in einem Online-Artikel berichtete.

Aufgrund der Überlastungen werden immer wieder unseriöse, schlampig erarbeitete oder gar gefälschte Studien veröffentlicht, die wieder zurückgezogen werden müssen.

In der Not, schnelle Überprüfungen durchzuführen, werden immer häufiger Gutachterinnen und Gutachter eingesetzt, denen jedoch die notwendige Expertise fehlt. Ein Wissenschaftsjournalist stellt ‚Open-Reviewing‘ als eine Möglichkeit vor, den Prüfungsprozess zu verbessern.

Kein anderes Thema bewegt die Menschheit derzeit so wie die Corona-Pandemie. Die Dringlichkeit, mehr über das Virus zu erfahren, um schnell handeln zu können, sorgt dafür, dass großflächig in diesem Bereich geforscht wird. Ob von Forschungseinrichtungen, Universitäten, Unternehmen oder anderen Institutionen — jeden Monat werden Tausende von Studien veröffentlicht. Doch die Flut an wissenschaftlichen Publikationen bringt sowohl Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als auch die offiziellen Prüfsysteme an ihre Grenzen, wie die „Tagesschau“ in einem Online-Artikel berichtete. Die Folge: Es werden immer wieder unseriöse, schlampig erarbeitete oder gar gefälschte Studien veröffentlicht, die wieder zurückgezogen werden müssen — teilweise, nachdem sie bereits Aufmerksamkeit erregt haben.

Aktuell listet eine Datenbank über eine halbe Million Studien zu Covid-19 auf. Auf dem Blog „Retraction Watch“ beobachten die Wissenschaftsautoren Ivan Oransky und Adam Marcus seit mehr als zehn Jahren die Entwicklungen veröffentlichter Studien. Derzeit beschäftigen sie sich größtenteils mit zurückgezogenen Studien zu Covid-19. Zwar ist der Teil der zurückgezogenen Veröffentlichungen momentan nicht größer, als vor der Pandemie, doch lassen sich einige obskure Publikationen finden. Eine Studie will ergeben haben, dass bestimmte Amulette bei der Heilung einer Covid-19-Erkrankung helfen sollen; eine andere ergab, dass 5G-Mobilfunksysteme angeblich die Zellen zur Produktion von Coronaviren anregen.

Viele der Publikationen werden wieder zurückgezogen, bevor sie öffentliche Aufmerksamkeit erregen können, aber nicht alle: Eine Studie zum Nutzen des Arzneistoffes Ivermectin im Falle einer Covid-Erkrankung beruhte auf gefälschten Daten und erhielt dennoch internationale Beachtung. Dennoch, so erklärt Oranksy, gilt als Faustregel, „dass von 10.000 Studien etwa vier zurückgezogen werden. Wir haben bisher 146 zurückgezogene Studien aufgelistet, was hochgerechnet auf einem ähnlichen Niveau liegt.“

Die Zahl zurückgezogener Studien wird ansteigen

Der Wissenschaftsautor rechnet jedoch damit, dass die Zahl zurückgezogener Studien noch ansteigen wird. In der Regel dauert das Verfahren der Überprüfung etwa ein Jahr, oftmals auch bis zu 18 Monate. Manchmal sogar noch länger. Das Peer-Review-Verfahren (Überprüfung durch Gleichgestellte) ist eine offizielle Prüfungsmethode, bei der Vorabveröffentlichungen, sogenannte Preprints, wissenschaftlicher Aufsätze von unabhängigen Gutachterinnen und Gutachtern desselben Fachgebiets überprüft werden. Fallen Ungereimtheiten auf, müssen die Autorinnen und Autoren der Aufsätze die Kritik widerlegen oder die Arbeit korrigieren. Dieser Prozess kann einige Zeit dauern bis eine vollständige und zufriedenstellende Überprüfung durchgeführt wurde.

Der Geschäftsführer des Science Media Centers (SMC), Volker Stollorz, geht ebenfalls von weiteren Zurückziehungen aus. Die Masse an Vorabveröffentlichungen sei enorm gewesen. Er hebt hervor, dass viele Studien nicht aussagekräftig genug seien. Sie könnten die in den Studien gestellten Fragen nicht beantworten, weil sie zu kleine Fallzahlen, methodische Fehler oder weitere Schwachpunkte beinhalten. Zudem komme hinzu, dass einige Forschende spezifische Interessen hätten, bestimmte Aussagen zu veröffentlichen. „Autoren mit Interessen an der Verschmutzung der wissenschaftlichen Kommunikationsorgane versuchen aktiv, die elementaren methodischen Standards zu unterlaufen. [Sie] entfalten erhebliche Energien, krude Thesen irgendwo als ‚Forschung‘ zu publizieren“, so Stollorz zur „Tagesschau“. Bei Unwissenden oder Nicht-Expertinnen und -Experten sorgen solche Veröffentlichungen für Verwirrung.

Zusätzlich gebe es ein ökonomisches Interesse, das Peer-Review-System zu schwächen, erklärt Stollorz: „Da die Zahl der wissenschaftlichen Publikationsorte weiterhin aus ökonomischen Gründen stark ansteigt und selbst renommierte Verleger immer neue Journale um ihre ‚Flagship Journals‘ gründen. [Demnach] könnte der Anteil von mangelhaften Publikationen vor allem in minderwertigen Zeitschriften stark ansteigen“, gibt er zu Bedenken. Auch er würde täglich danach gefragt werden, Artikel in einem „wissenschaftlichen Journal“ zu veröffentlichen.

Erhebliche Überlastungen der Prüfsysteme

Das Problem der vielen Veröffentlichungen bestehe vor allem in der Dringlichkeit, mehr über das Virus und möglichen Folgen zu erfahren. Die durchschnittliche Zeit von der Einreichung einer Studie bis zu deren Überprüfung und Annahme dauere derzeit gerade einmal sechs Tage, sagte der Wissenschaftsjournalist Oransky gegenüber der „Tagesschau“. Drei, meist anonyme, Gutachterinnen und Gutachter haben in der Regel vier bis acht Stunden Zeit, um eine Studie zu überprüfen. Sollten sich Zweifel bemerkbar machen, werden weitere Expertinnen und Experten hinzugezogen.

Die Masse an Veröffentlichungen und der Bedarf ihrer Überprüfungen führt zu erheblichen Überlastungen, erklärte Oranksy. In der Not, schnelle Überprüfungen durchzuführen, werden immer häufiger Gutachterinnen und Gutachter eingesetzt, denen jedoch die notwendige Expertise fehlt. Auch er wurde gebeten, Covid-19 Studien zu überprüfen, obwohl er in dem Fachgebiet gar nicht forsche.

Die Notwendigkeit zur Eile habe jedoch nicht nur Nachteile, sagte Oransky. „Wir leben in einer besonderen Zeit.“ Die Gründe, während der Pandemie schnell Studien zu veröffentlichen, seien wichtig und naheliegend. „Sonst hätten wir bis heute noch keinen Impfstoff. Wir sind einfach nicht ehrlich über die Limitierungen des Prozesses: Der Peer-Review-Prozess wird niemals die hohen Erwartungen erfüllen können, die man an ihn setzt“, so der Wissenschaftsjournalist.

Er sieht allerdings in der Methode des ‚Open-Reviewing‘ eine Möglichkeit, den Prozess zu verbessern. In dieser Prüfmethode werden Ergebnisse und Kommentare der Herausgeberinnen und Herausgeber, Autorinnen und Autoren sowie Gutachterinnen und Gutachter zu jeder Zeit des Veröffentlichungsprozesses offengelegt. Das schaffe Transparenz und „wir würden dann auch erfahren, warum Papiere abgelehnt wurden und was an ihnen problematisch war.“

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