Status zur wissenschaftlichen Politikberatung: Evidenzbasierter Schutz des Klimas? Mächtigkeit es wie die Medizin! – Wissen

Die Medizin hat es geschafft. In den letzten 40 Jahren wurde sie zu einer synthetischen Wissenschaft. Das beste Wissen wird zusammengeführt und fortlaufend am Erfolg in der Anwendung überprüft – zum Wohle der Patient:innen. Noch in den 1980er Jahren litten deutlich mehr Menschen weltweit unter Folgen falscher Behandlungsmethoden. Manche starben daran. Das ebnete den Weg für eine evidenzbasiertere Medizin.

Handlungsempfehlungen für wirkungsvolle Behandlungspraktiken müssen auf wissenschaftlich abgesicherten Fakten beruhen. Einzelstudien reichen nicht. Ihre Ergebnisse hängen zu stark von den verwendeten Methoden, dem spezifischen Forschungsdesign und den verwendeten Daten ab. Sie können das notwendige, abgesicherte Handlungswissen nicht bereitzustellen.

Dazu müssen Forschungsergebnisse erst formal beforscht werden. Die Ergebnisse vorliegender Einzelstudien müssen zusammengetragen und mit strengen Methoden synthetisiert werden – in systematischen Übersichtsarbeiten. Nur so können Indizien aus Einzelstudien zu abgesichertem Handlungswissen verdichtet werden.

Revolution der Gesundheitsforschung in der Coronakrise

Die Covid-19 Pandemie zeigt nun die Grenzen des gegenwärtigen Systems auf. Seit März 2020 sind mehr als 20.000 wissenschaftliche Studien zu Covid-19 erschienen. Der wissenschaftliche Sachstand ist sehr schnell wieder überholt.

Unser Gastautor, der Klimaforscher Jan Minx.Foto: David Ausserhofer

[Jan Minx leitet die MCC-Arbeitsgruppe Angewandte Nachhaltigkeitsforschung und ist Professor für Klimawandel und öffentliche Politik am Priestley International Centre for Climate an der Universität Leeds. Derzeit ist er ein koordinierender Leitautor des Sechsten IPCC-Sachstandsberichts, wo er in der Arbeitsgruppe III Minderung des Klimawandels das Kapitel zu Emissionstrends und -treibern mitverantwortet.]

Ein Beispiel ist das Mittel Remdesivir, das zur Behandlung von Ebola entwickelt worden war. In Europa wurde es als erster antivirale Wirkstoff für die Behandlung von Covid-19 zugelassen. In den folgenden 18 Monaten wurden weitere 52 Arbeiten aus 14 randomisierten Kontrollstudien veröffentlicht. Ärzte und Politiker mussten in dieser Zeit Entscheidungen auf der Grundlage wechselnder und oft widersprüchlicher Erkenntnisse treffen.

Um den Wissenstand zusammenzuführen, entstanden im Jahr 2020 insgesamt 30 systematische Überblicksarbeiten. Viele waren schon vor der Veröffentlichung veraltet, weil sie parallel veröffentlichte Ergebnisse nicht berücksichtigten, die meisten anderen innerhalb weniger Wochen.

Beispielgebend für die “lebende Evidenz” in den Gesundheitswissenschaften ist die Corona-Forschung.Foto: imago images/Westend61

Daher revolutioniert sich die Gesundheitswissenschaft gerade erneut. Das Zauberwort heißt „lebende Evidenz“. Anstatt immer wieder von Neuem zeitaufwendige systematische Überblicksarbeiten zu erstellen, sollen solche Überblicksstudien nun nach klaren Regeln fortlaufend aktualisiert werden können. Anwendungen der Künstlichen Intelligenz helfen den Prozess zu beschleunigen. Der wissenschaftliche Sachstand kann so quasi in Echtzeit ermittelt und Ärzt:innen und der Politik zugänglich gemacht werden.

“Lebende Evidenz” als Schlüssel für globale Herausforderungen

Leider ist dieses vorbildliche Vorgehen der Gesundheitswissenschaften in anderen Bereichen der wissenschaftlichen Politikberatung keineswegs Usus. Dabei könnte lebende Evidenz auch der Schüssel zu richtigen Antworten auf weitere globale Herausforderungen unserer Zeit sein.

Nehmen wir das Beispiel Klimapolitik. Wir haben es als Weltgesellschaft noch immer nicht geschafft, den mehr als 200 Jahre andauernden Megatrend wachsender Treibhausgasemissionen zu brechen. Es bleiben nur ein paar Dekaden zur Rückführung der Emissionen auf netto-null – zum Erreichen des in der EU erklärten Ziels „Klimaneutralität“. Die Klimapolitik steht vor einer Jahrhunderaufgabe: wir müssen schnell sein, unsere finanziellen Mittel gut einsetzen und dürfen nicht viele Fehler machen.

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Aber es fehlt eine systematische Lernkultur beim Klimaschutz. Unser Verständnis davon, welche Politikoptionen warum, wie gut und unter welchen Bedingungen funktionieren, ist unterentwickelt. Das liegt vor allem daran, dass die verfügbaren Methoden zur Erhebung des wissenschaftlichen Sachstands nicht genutzt werden. Darunter leidet der Fortschritt im wissenschaftlichen Verständnis und im Klimaschutz. Die wissenschaftliche Politikberatung wird zur Kakophonie von Expertenmeinungen.

Wir brauchen evidenzbasierten Klimaschutz, der auf der Aggregation des Wissens aus den Tausenden verfügbaren Studien beruht. Doch so trivial diese Forderung klingt, so weitreichend sind ihre Implikationen. Es geht um einen umfassenden Wandel in der Forschungskultur. Alle müssen mitmachen: Forscherinnen und Forscher, die Redaktionen der wissenschaftlichen Fachzeitschriften, die Wissenschaftsgemeinschaften, die Forschungsförderung.

[Lesen Sie auch diesen Artikel von Jan Kixmüller über den “heimlichen Klimakiller” Methan]

Sie alle müssen die Synthese des wissenschaftlichen Sachstandes als originären Forschungsakt anerkennen – ebenbürtig mit der Primärforschung. Systematische Überblicksstudien müssen zum Goldstandard der wissenschaftlichen Politikberatung werden.

Nur so können wir die wissenschaftliche Politikberatung im Klimaschutz auf neue Füße stellen. Alle würden davon profitieren. Im Gesundheitswesen führte die evidenzbasierte Medizin nicht nur zur besseren Behandlung von Erkrankungen. Es hat auch die Gesundheitswissenschaften zu einer besseren und effizienteren Wissenschaft gemacht.

Lasst es uns wie die Gesundheitswissenschaften machen! Die Klimapolitik kann von deren Vorarbeiten profitieren und die Entwicklung zu einem System der Leben Evidenz abkürzen. Denn wir brauchen gesichertes Wissen zum Klimaschutz – möglichst in Echtzeit.