Starnbergs Pfarrer wechselt in die Wirtschaft

  • VonPeter Schiebel

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Es ist ein Schritt mit Seltenheitswert: Dr. Stefan Koch, evangelischer Pfarrer in Starnberg, hat um seine Beurlaubung gebeten. Der 55-Jährige wechselt zum 1. Oktober in eine der größten Unternehmensberatungen Deutschlands. Die Gründe sind privater Natur, haben aber auch mit der Kirche zu tun.

Starnberg – Wenn eins zum anderen kommt, dann kann das weitreichende Folgen haben. Im Fall von Dr. Stefan Koch bedeutet das: Ende des Monats gibt er nach knapp 26   Jahren den Beruf eines evangelischen Pfarrers auf. „Ich verlasse Starnberg in Richtung Berlin, und ich wechsle auch den Beruf“, sagte der 55-Jährige gestern Vormittag in einem Pressegespräch, nachdem er zuvor im Sonntagsgottesdienst die Gemeinde informiert hatte. Koch heuert zum 1. Oktober bei der KPMG in Berlin an, einer der größten Unternehmensberatungen Deutschlands. Dort soll er als „Senior Manager“ beratende Tätigkeiten im öffentlichen und im kirchlichen Bereich übernehmen. Von der evangelischen Landeskirche wird er dafür beurlaubt.

Koch war im November 2014 als dritter Pfarrer neben Hans-Martin Schroeder und Birgit Reichenbacher nach Starnberg gekommen, nachdem er zuvor beim Landeskirchenamt in München tätig gewesen war. Nach dem Weggang der Kollegen leitete er die Gemeinde mit ihren rund 3800 Mitgliedern später fast ein Dreivierteljahr lang alleine, was ihn an den Rand seiner Kräfte brachte. Im vergangenen Jahr gab es dann gleich mehrere Entwicklungen, die letzten Endes zu seinem Entschluss für einen Neuanfang führten.

Im April 2020 trennte sich Koch von seiner Ehefrau. „Das war eine Veränderung, die große Bedeutung für mich hat“, sagte er. Mittlerweile sind die beiden geschieden. Damit umzugehen, sei der Gemeinde aber „nicht so leicht gefallen“. Der Kirchenvorstand sprach ihm dennoch das Vertrauen aus. Zum 1. September 2020 traten die Pfarrer Dr. Anne Stempel-de Fallois und Johannes de Fallois die beiden vakanten Stellen in der Gemeinde an. Offenbar knirschte es aber schon bald. „Die Zusammenarbeit ist schwieriger, als ich gedacht hatte“, sagte Koch. Das habe auch mit dem dritten und vielleicht wichtigsten Punkt zu tun, nämlich dem künftigen Weg der evangelischen Kirche.

„Ich habe den Eindruck, dass die regionale Ebene gestärkt werden soll“, sagte Koch vor dem Hintergrund, dass im Dekanat Weilheim, zu dem Starnberg gehört, 5,25 von 40 Pfarrerstellen eingespart würden und über Zusammenlegungen nachgedacht werde. Er sei aber davon überzeugt, dass „die Ebenen vor Ort“ nicht geschwächt werden dürften.

Koch spricht von einem „Starnberger Weg“, hat nach eigenen Angaben allein in den ersten zwei Jahren 500 bis 600 Hausbesuche gemacht – bei Geburtstagen, bei anderen Anlässen oder einfach auch nur so klingelte er an den Haustüren von Gemeindegliedern, kam dadurch mit vielen Menschen ins Gespräch. Sich gegenseitig zu kennen, füreinander da zu sein – „das ist meine DNA als Pfarrer“. Das koste allerdings Zeit und Kraft.

Umso befremdlicher findet es Koch, dass es zunehmend schwierig geworden sei, dafür bei der Kirchenleitung Gehör zu finden. „Was die Leitung macht, irritiert mich“, sagte er und betonte: „Die Zukunft der Starnberger Kirche sollte in Starnberg entschieden werden.“

Auch trotz der kritischen Töne möchte Koch seinen Wechsel aber nicht als „Rücktritt aus Protest“ oder gar als „Flucht“ verstanden wissen. Alles zusammengenommen habe in ihm aber den Entschluss reifen lassen, etwas komplett Neues zu machen. Mit Mitte 50 sei dafür womöglich der letzte Zeitpunkt. Im Februar habe er sich initiativ beworben, erklärte er. Neben der KPMG habe er auch Gespräche mit potenziellen Arbeitgebern aus den Bereichen Gesundheit und Forschung geführt. Mit der Unternehmensberatung sei es aber „sehr schnell sehr konkret geworden“. Der Vertrag liege mittlerweile vor.

Eine Wohnung in Zehlendorf hat Koch bereits, am 31. Juli hat er seinen letzten Arbeitstag in Starnberg – „mit einer Taufe“. Die Kreisstadt wird er in bester Erinnerung behalten. Die Renovierung der Friedenskirche mit der Anlage des Mittelgangs, die Einführung von Videogottesdiensten und die Aufstockung der Kirchenmusikerstelle aus Mitteln der Gemeinde seien drei Errungenschaften, die ihm viel bedeuten. „So leicht ist es nicht, hier wegzugehen. Aber es gibt für mich im Leben noch etwas Anderes.“ Woanders Pfarrer zu sein, gehört nicht dazu. „Wenn Sie Pfarrer in Starnberg sind, gehen Sie nicht mehr in eine andere Gemeinde.“