Soziale Netzwerke – Mark im Metaversum: Facebook benennt sich um

Es gibt gute Zeiten und schlechte. Und dann gibt es auch ganz schlechte. Für Facebook gilt gerade Letzteres. Die Abwanderung der Anwender von WhatsApp, sinkende Zahlen auch bei Facebook, Klagen wegen Datenschutzverletzungen und gerade jetzt auch noch die massiven Vorwürfe gegen Instagram und Facebook bezüglich ihrer Gefährlichkeit, nicht nur, aber vor allem für Kinder. Und dahinter ein Konzern, der nicht gerade für eine offene und vorbildliche Krisenkommunikation bekannt ist.

Man könnte nun zwei Dinge tun: Einerseits könnte man seine Fehler, Missstände und Geschäftsmodelle überdenken, transparent und kundenfreundlich reagieren und sich neu erfinden. Oder man könnte es so machen, wie es Facebook eben macht: Man benennt sich um und erklärt das Internet für gescheitert und kündigt seine eigene Version eines neuen Internets an. Manchen sagen, das sei, wie den Bock zum Gärtner zu machen, andere wiederum sehen ohnehin nur mehr das letzte Aufflackern einer untergehenden Ära an Onlinekonzernen.

Was ist das Metaversum?

Facebook folgt nun dem Beispiel Googles und benennt sich um, zumindest seinen Mutterkonzern. Was bei Google Alphabet, ist bei Facebook nun Metaverse. Unter diesem Namen firmieren nun alle Produkte und Angebote des Onlineriesen. Und wenn man schon dabei ist, kann man auch gleich das Internet umbennnen, dies dachte sich zumindest Facebook-Chef Mark Zuckerberg, der – im Gegensatz zu allen anderen IT-Milliardären – noch nicht im Weltall war und auch keine Raketen baut, und kündigte erneut sein “Metaverse” an. Was ist nun dieses “Metaverse” beziehungsweise “Metaversum”? Der Begriff Metaversum wurde 1992 von Neal Stephenson in seinem Science-Fiction-Roman “Snow Crash” populär gemacht und ist kein scharf definierter Begriff. Aktuell versteht man darunter einen Nachfolger des Internets in Form einer digitalen 3D-Parallelwelt, die alle möglichen virtuellen Räume verbindet, von verschiedensten Geräten aus mit Avataren betreten werden kann und eine eigene Ökonomie besitzt. Im Ansatz gibt es solche Metaversen schon in Online-Spielen wie Minecraft, Roblox und Fortnite.

Spätestens mit Facebooks Ankündigung ist das Metaverse zum derzeit meistdiskutierten Modewort des Silicon Valley avanciert. Ihm zugrunde liegt die vage Vorstellung einer schrittweisen Verschiebung des Lebensalltags in digitale Welten, deren genaue Ausformung noch niemand kennt. Für Zuckerberg selbst ist das Metaverse nicht auf Virtual Reality beschränkt und kann ebenso über Smartphones, PCs oder AR-Brillen betreten werden. John Hanke, CEO von Niantic, das mit Pokémon Go das umsatzstärkste AR-Spiel der Welt entwickelt hat, meinte kürzlich zum Metaverse-Konzept: Es sei rein aus technologischer Sicht ein “cooles Konzept”, das aber in den Romanen als Warnung vor einer Zukunft gedacht ist, in der die Gesellschaft sich aus der Realität verabschiedet hat und in virtuelle Welten geflüchtet ist, weil natürliche und wirtschaftliche Ressourcen zerstört sind.

Noch näher zusammen

Für Facebook ist es eine virtuelle Welt, die sich anfühlt wie die natürliche, man trifft Freunde, besucht Konzerte oder macht Sport. Zuckerberg verbindet schon seit einiger Zeit den Begriff Metaversum mit einer Vision davon, wie sich das mobile Internet weiterentwickeln und deutlich verändern wird. Darauf anspielend hat er sein Unternehmen nun umbenannt in Meta – und ihm zugleich eine neue strategische Ausrichtung verpasst. Beliebte Apps wie Facebook, Instagram und WhatsApp sollen Produkte unter dem Dach werden, daneben aber eben eine neue Metaversums-Plattform entstehen mit eigener Hardware und zahlreichen neuen Angeboten, die künftig im Konzern eine immer größere Rolle spielen sollen. So sind bereits eigene VR-Brillen angekündigt – Facebook hat den VR-Brillen-Hersteller Oculus Quest im Portfolio, der ab sofort unter dem Namen Meta Quest vermarktet wird.

Alte Ideen in 3D

Zuckerbergs Metaverse klingt auf den ersten Blick wie ein weiteres Second Life. Wer sich nicht mehr erinnern kann, dabei handelte es sich um eine virtuelle Welt, in der Anwender mit ihren Avataren herumwandern konnten und dem eine unglaubliche Zukunft vorausgesagt wurde, das aber sehr schnell wieder verschwand, nachdem ein regelrechter Hype ausbrach und Milliarden Dollar vergeudet wurden.

Wenn sich bei den Geschäftspraktiken von Facebook jedoch nichts Grundlegendes ändert, könnte es sich einfach nur um eine virtuelle 3D-Mariahilfer-Straße bei einem LSD-Trip handeln, bei der jeder zweite Avatar etwas verkaufen oder zumindest Werbung machen will. Warum Facebook diesen Schritt wagt, außer um einmal aus den Negativschlagzeilen zu kommen? Man kann sich in einem eigenen Universum endlich der lästigen Konkurrenz von Apple und Google entledigen und die Spielregeln ganz offiziell diktieren. Dies sagte allerdings Mark Zuckerberg bei der Präsentation nicht. Er sprach über eine virtuelle Welt, in die man noch tiefer als bisher eintauchen könne, bis hin zum Gesichtsausdruck der Menschen. “Statt auf einen Bildschirm zu schauen, werden sie mittendrin in diesen Erlebnissen sein.” Das Gefühl, vor Ort zu sein, sei das entscheidende Merkmal des “Metaverse”, betonte er. “Wenn ich meinen Eltern ein Video meiner Kinder schicke, werden sie das Gefühl haben, dass sie mit uns zusammen sind.” Was für ein wunderbarer Ausblick auf zukünftige Unternehmensvideokonferenzen.

Gegenstände einscannen

Der Konzern baut seine “Metaverse”-Welten unter dem Namen “Horizon” aus. Zuckerberg kündigte mit “Horizon Home” ein neues, “sozialeres” Zuhause für Nutzer von VR-Brillen an. Um die Kreativität von Facebook herauszuarbeiten, sei auf “Playstation Home” verwiesen. Diese dreidimensionale Spielwelt, in der Konsolenbesitzer chatten, Musik hören und eigene Spiele basteln können, stellte der Konzern Sony für seine Playstation 3 vor. Die virtuelle Welt floppte. Das war im Jahr 2007. Aber Facebook wird vermutlich noch kreativer sein – physische Gegenstände werde man einscannen können, damit sie auch im “Metaverse” präsent sind, sagte der Facebook-Gründer. Im Gegenzug werde man sie als Hologramme auch in die reale Welt projizieren können. Nutzer würden für Arbeit und Freizeit verschiedene digitale Avatare einsetzen. In fünf bis zehn Jahren werde vieles davon zum Alltag gehören, meinte Zuckerberg. Der Konzern hofft, zum Jahr 2030 eine Milliarde Nutzer im “Metaverse” zu haben und dort hunderte Millionen Dollar umzusetzen. Allein in diesem Jahr kostet die Entwicklung zehn Milliarden Dollar.

Ja, das Konzept des Internets, als Plattform gleichwertiger Inhalte zum Wissenstransfer und Austausch, ist zu einem kommerziellen Netzwerk der Erwachsenenunterhaltung und Dauerberieselung geworden. So gesehen ist es in gewissen Bereichen gescheitert. Andere Bereiche sind aber durchaus vital. Weniger sinnvoll scheint hingegen, wenn man die Zukunft des Internets von Facebook bestimmen lässt, so Kritiker. Man wird sehen, was auf die Anwender in nächster Zeit zukommt.

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