So kämpft die deutsche Wirtschaft mit den Verfolgen

Düsseldorf Tief „Bernd“ ist inzwischen zwar weitergezogen, die teils dramatischen Verwüstungen sind aber vielerorts noch deutlich sichtbar. Die Schäden, die laut Bundesfinanzminister Olaf Scholz in die Milliarden gehen dürften, warten noch darauf, komplett erfasst zu werden. Unternehmen werden mit den Folgen noch Monate zu kämpfen haben. Oft erschweren Schlamm, Geröll und fehlender Strom den Wiederaufbau. Die Aufräumarbeiten ziehen sich in die Länge.

Die Deutsche Bahn meldete am Montag an 80 Bahnhöfen und Haltepunkten „massive Beschädigungen“. Allein in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz seien Gleise auf mehr als 600 Kilometer Länge von der Flut zerstört worden.

Auch Weichen, Signaltechnik, Stellwerke und Brücken seien beschädigt. Genau wie Fahrzeuge des Regional-, S-Bahn- und Güterverkehrs. Rund 2000 Beschäftigte der Bahn seien in den betroffenen Regionen im Einsatz, heißt es im Bahn-Tower.

Erste Verbindungen wie die Strecke von Bonn nach Koblenz konnten zum Wochenstart wieder aufgenommen werden, ebenso die Fahrt mit dem ICE nach Brüssel. Züge aus Hamburg halten vereinzelt wieder in NRWs Landeshauptstadt Düsseldorf.

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Die Versorgung im Schienengüterverkehr stockt indes weiterhin. Verbindungen nach Benelux sind eingeschränkt, durch das Hochwasser an Elbe und Inn ist der Verkehr nach Tschechien, Italien und Tirol behindert.

Nordrhein-Westfalen

Diese Brücke über den Vichtbach wurde von den Wassermassen zum Einsturz gebracht.

(Foto: dpa)

Das Bahnlogistikunternehmen DB Cargo habe bereits vor den Regenfällen vorsorglich etliche Züge gezielt abgestellt, heißt es, um nach Freigabe der Hauptstrecken ein schnelles Wiederanfahren zu ermöglichen. „Die DB nimmt eine Priorisierung von versorgungsrelevanten Zügen in den betroffenen Regionen vor“, teilt der Konzern mit.

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Besonders hart getroffen sind auch die Stadtwerke und Netzbetreiber in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Dominik Neswadba, Chef des rheinland-pfälzischen Energieversorgers Ahrtal-Werke, etwa sagt mit belegter Stimme: „Neuenahr-Ahrweiler ist ein Schlachtfeld.“

In der Nacht zum Donnerstag hatte Starkregen in der Eifel eine Vielzahl linksrheinischer Bäche in reißende Ströme verwandelt. Vor allem die durch enge Täler rauschende Ahr verwüstete binnen Minuten ganze Ortschaften, mehr als 100 Anwohner starben.

Auch am Montag funktionierte der Hausstrom in vielen Ortschaften nicht, mit Fernwärme sei in einer Woche zu rechnen, sagt der Geschäftsführer. Die Netze seien „in einem schlimmen Zustand“. Ganze Stationen habe die Ahr buchstäblich weggespült. Umspannwerke stünden unter Wasser.

Weil der Fluss auch Straßen aufriss, liegen laut dem Energieversorger offene Kabel ungeschützt am Boden. Wegen der Kurzschlussgefahr geben Mitarbeiter des Stadtwerks Gebäude für Gebäude einzeln frei. „Unsere 75 Mitarbeiter testen derzeit Provisorien und arbeiten über das Maß der Erschöpfung hinaus“, sagt Neswadba.

Der Strom-, Gas- und Fernwärmeversorger, der zu 51 Prozent der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler und zu 49 Prozent den Stadtwerken Schwäbisch Hall gehört, dürfte in der Region zu den am stärksten finanziell geschädigten Unternehmen zählen. Erst 2019 hatte man die Gasversorgung dem Betreiber Energienetze Mittelrhein (ENM) abgekauft.

In NRW ist insbesondere der regionale Versorger Westenergie von den Unwetterfolgen getroffen. Das zum Eon-Konzern gehörende Unternehmen berichtet, dass zeitweise zehn Umspannanlagen von den Überschwemmungen direkt betroffen waren.

In der Spitze habe die Zahl der nicht mit Strom versorgten Menschen etwa im Rhein-Erft-Kreis, im Rhein-Sieg-Kreis und im Kreis Euskirchen bei 200.000 gelegen. Auch am Montag warteten immer noch 30.000 Kunden auf Strom. „Es gibt immer noch Anlagen, die nicht gefahrlos betreten werden können“, sagt eine Sprecherin. Man arbeite nun verstärkt an Notstromaggregaten und Umleitungen.

20 von 35 Brücken durch die Flutwelle zerstört

Auch der Lkw-Verkehr in den betroffenen Regionen steht vor großen Herausforderungen. Von 35 Brücken etwa an der Ahr wurden 20 durch die Flutwelle zerstört. In Bad Neuenahr-Ahrweiler gibt es über den Fluss lediglich einen Notübergang, der von der Polizei kontrolliert wird.

Industriebetriebe in den Überschwemmungsregionen mussten zum Teil die Produktion einstellen, darunter der Kupferhersteller Aurubis in Stolberg bei Aachen. Am Wochenende startete dort eine Spezialreinigungsfirma mit schwerem Gerät die Aufräumarbeiten.

Wie groß der Schaden ist, sei noch unklar. Die Versicherung müsste das Ausmaß des Schadens noch abschätzen. Bis zu zwei Meter hoch habe das Wasser in den Werkshallen gestanden. Man hoffe, im Oktober das Werk wieder anfahren zu können.

Das Schmiedeunternehmen Schmiedag, eine Tochter der Stahl- und Maschinenbauholding Georgsmarienhütte, steht ebenfalls still. Die Hagener Firma war am Mittwochabend von dem Flüsschen Volme massiv getroffen worden. 17 Mitarbeiter mussten sich auf das Dach eines Bürocontainers retten, um Stunden später von Feuerwehrleuten mithilfe von Schlauchbooten gerettet zu werden.

Aufräumarbeiten im Landkreis Ahrweiler

Die Wassermassen haben auch Strom- und Gasleitungen zerstört.

(Foto: imago images/Hannes P. Albert)

Mittlerweile sei das Wasser zurückgewichen, sagt ein Sprecher, nun seien die Aufräumarbeiten mit schwerem Gerät im vollen Gange. Wann die Stahlproduktion in Hagen wieder anlaufen kann, ist offen.

Manche Unternehmen macht die Katastrophenlage aber auch erfinderisch. Beim Weingut Nelles in Heimersheim, einem Produzenten edler Spätburgundertropfen im Ahrtal, bietet sich ein Bild der Verwüstung. Autos liegen quer auf dem Hof, Wände sind eingedrückt.

„Man kann es überhaupt nicht fassen, Bilder spiegeln das nicht wider, das muss man wirklich erlebt haben“, seufzt Christof Hoß, der seinen Cousin Philip bei den Aufräumarbeiten unterstützt. Doch die Familie will nicht aufgeben. Knapp 6000 Flaschen mit Wein konnte Philip Nelles aus dem Keller retten.

Sein Cousin organisiert jetzt eine Crowdfunding-Aktion über die Plattform Startnext. Wer sich dort mit mindestens 50 Euro beteiligt, bekommt eine der Weinflaschen – und das gute Gefühl, zumindest einen kleinen Beitrag zum Wiederaufbau geleistet zu haben.

Mitarbeit: Sabine Gusbeth, Nele Hoefler

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