Sex Zimmer, Kochstube, Heilbad unter Amazon: WG-Leben fernab welcher Wirklichkeit

Am auffälligsten ist das Geld, denn davon scheint es in dieser Studentenbude mehr als genug zu geben. Fischgrätenparkett, leuchtend weiß gestrichene Wände und Türen, schöne Lampenschirme, eine moderne Küche. Als die WG-Bewohner Kim, Norbert, Larissa, Juri und Enno gemeinsam anstoßen, halten sie Sektgläser in der Hand; richtige, einheitliche Sektgläser. Entweder also leben Studenten in Münchner Glockenbachviertel gänzlich anders als im Rest der Republik, oder die Inszenierung der Serie „Sex Zimmer, Küche, Bad“ sollte so stimmig sein, dass die Realität junger Menschen in Großstädten nebensächlich würde.

Die fünf WG-Mitglieder haben ein Problem: Ihre Mitbewohnerin Ina und ihr Freund Nelson wandern nach Portugal aus. Nun brauchen sie schnell Nachmieter. Kim (Céline Beran), die nach Inas Auszug zur WG-Mutti ernannt wurde, fragt ratlos in die Runde, ob jemand noch einen anderen Vorschlag hat als das Zimmer auf das Portal „WG-Gesucht“ zu stellen. Alle verneinen. Wo auch sonst?

Besuch des Fuß-Fetischisten

Das ist der Aufhänger für diese banale Geschichte, die unter lauter Studentinnen und Studenten spielt, also nicht den gängigsten Fernsehfilm-Protagonisten. Larissa und Enno werden zudem von den TikTok-Influencern Luana Knöll und Lukas White gespielt. Alles sollte wohl wirklich sehr cool, sehr authentisch werden.

Doch leider verliert sich die Serie in Klischees. Zum WG-Casting erscheinen erwartungsgemäß seltsame Typen: ein Fuß-Fetischist, eine Verschwörungsanhängerin, eine Seniorin mit Onlyfans-Account und ein verrückter Katzenmann. Die WG-Crew ist nach Schema F besetzt: Larissa ist eine Weltverbesserin, Fleischkäsebrötchen riechen für sie nach „Tod und Verwesung“, die WG filtert ihr zuliebe das Duschwasser und befüllt damit die Kaffeemaschine. Fitness-Fanatiker Juri (Christian Torez) spürt die Muskelmassen im Arm schwinden, sobald er beim Training unterbrochen wird. Kim und Enno halten ihr Leben mit Gelegenheitssex in Spannung und berichten sich gegenseitig, wie es war. Enno ist zu Kims Bedauern schwul, sonst wären sie ihr zufolge beide längst verheiratet, hätten „ein Reihenhaus und keine Probleme“.

Norbert (Sascha Quade) ist ein Träumer, der sich schon wegen kleiner Aufmerksamkeiten verliebt. Er sagt Dinge wie: „Ich will, dass ich sie mit meinen positiven Attributen zermürbe.“ Auf einer Party lernt er Sophie (Jana Riva) kennen, die auf Zimmersuche ist. Sie verspricht, ihre „Barista Espressomaschine“ und eine Putzfrau mitzubringen, die Sache ist nach ein wenig Hin und Her geritzt. Daher auch in der zweiten Folge die Sektgläser. Lebendig sind die von Tim Gondi geschriebenen Dialoge zwischen Larissa und Sophie, die sich hassen und daraus keinen Hehl machen, es aber zum Wohle der WG zunächst nicht zu persönlich nehmen. Anfreunden kann man sich auch mit den Sexszenen, die weder unter- noch übertrieben wirken. Schön ist auch, dass Wörter wie „cringe“ nicht völlig deplatziert fallen. Was den Regisseur Lars Parlaska aber dazu bewogen hat, dass alles und alle stets so makellos aussehen, ist ein Rätsel.

Amazon schreibt, die Serie sei „mit viel Humor“ erzählt. Das trifft in Teilen zu. Sicher ist aber auch, dass das alles für junge Menschen, für die die Serie gedacht ist, recht unspektakulär ist oder, wie das edle Parkett, unerreichbar. Dabei sind WGs eigentlich spannende Orte. Ganz unterschiedliche Charaktere müssen miteinander klarkommen. Es muss nicht so verkrampft lustig sein, will man den Serienmachern zurufen, es reicht doch, wenn zwei vom Leben überforderte Mittzwanziger bei einer Tasse Weißwein zusammensitzen und Unfug reden. Was bewegt diese Leute? Allein die Antwort auf diese Frage würde Witz bringen.