Sex in dieser Familie – DNA verrät den ältesten Stammbaum dieser Welt

Steinzeit
Sex in der Familie – DNA verrät den ältesten Stammbaum der Welt

Rekonstruktion der Anlage in Hazleton North

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von Gernot Kramper
28.12.2021, 17:37 Uhr

Mit vier Frauen ließ sich ein Mann in England nieder und gründete eine Dynastie. Die DNA der Toten dieser Steinzeit-Sippe wurde nun entschlüsselt.

In einem 5700 Jahre alten Grab in Hazleton North in Gloucestershire wurden fünf Generationen einer Großfamilie beerdigt. Eine DNA-Analyse der 35 Überreste macht es nun möglich, den ältesten Stammbaum der Welt zu rekonstruieren. Die Position der Toten in der Grabanlage deutet auf ihre Position in der Sippe hin.

Das Grab stammt aus der Zeit, als die Menschen eben gerade sesshaft wurden, nachdem der Ackerbau auch in Britannien eingeführt wurde. Die Personen in dem Grab gehören zur Familie eines Mannes und seiner vier Frauen. Zusammen mit dem Ackerbau setzte sich auch das Patriarchat durch, die Abstammung von dem Stammvater berechtigte zur Nutzung der Stätte. Die weiteren Abkömmlinge wurden je nach ihrer Verwandtschaft von den vier Stammmüttern beigesetzt. Vermutlich wurde die erste Generation wegen der Ansiedelung und der dauerhaften Besitznahme des Landes besonders verehrt.

Die Abstammung der Überreste 


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Wo blieben die Frauen?

Prof. David Reich von der Harvard Medical School in Boston sagt: “Zwei der Frauen und alle ihre Kinder befinden sich in der südlichen Kammer – sowie deren Kinder bis zur fünften Generation. Die anderen beiden Frauen und ihre Kinder befinden sich hauptsächlich in der Nordkammer, obwohl einige von ihnen später während der Nutzungsdauer des Grabes in die Südkammer wechselten, was wahrscheinlich auf den Einsturz des nördlichen Ganges zurückzuführen ist, der eine Bestattung dort nicht mehr möglich machte.”

Es gibt zudem Hinweise, dass auch “Stiefsöhne” in die Familie aufgenommen wurden. Männer also, die von einer Frau abstammen, die auch dort begraben wurde, nicht aber der biologische Vater. Ein Zeichen, dass Frauen frühere Kinder mit in die Großfamilie brachten. Außer den Stammmüttern und zwei Mädchen finden sich keine erwachsenen Frauen in dem Grab.

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“Es fehlen Frauen. Es stellt sich also die Frage, wo sie sind, denn Männer und Frauen werden etwa gleich häufig geboren. Es ist ein Rätsel – und es ist nicht so, dass sie im Grab nebenan liegen, denn insgesamt fehlen sie in der ganzen Gemeinschaft”, so Prof. Reich. Die Forscher fanden heraus, dass Männer in der Regel zusammen mit ihrem Vater und ihren Brüdern bestattet wurden, was darauf hindeutet, dass die Abstammung patrilinear war, das heißt spätere Generationen, die in dem Grab bestattet wurden, waren ausschließlich über männliche Verwandte mit der ersten Generation verbunden. Das Fehlen der erwachsenen Töchter deutet darauf hin, dass ihre sterblichen Überreste entweder in den Gräbern der männlichen Partner, mit denen sie Kinder hatten, oder an einer anderen noch nicht entdeckten Stätte beigesetzt wurden.

Die Fundstücke wurden vor 50 Jahren geborgen, aber erst jetzt datiert.

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Zeichen von Polygamie

Weiterhin zeigt die DNA, dass die Menschen des Neolithikums der Monogamie keinen Wert beimaßen. Männer hatten mit mehreren Frauen Kinder, Frauen wiederum Kinder von verschiedenen Männern. Interessantes Detail: Stammten die Kinder von nur einem Mann, waren Mann und Frau genetisch nicht verwandt. Hatte eine Frau Kinder von mehreren Männern, waren dies meist enge Verwandte. Dass die Personen zur gleichen Zeit verschiedene Partner hatten, scheint die plausible Erklärung zu sein. Denkbar ist allerdings auch, dass die verschiedenen Partner hintereinander in ihr Leben traten. Die Datierung der Funde ist so genau, dass man das Leben der Personen auf wenige Jahre genau bestimmen könnte.

Quelle: Nature

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