Sex, Drogen und die Redaktion: Im Kurfürstenkiez hat schon so manche Karriere begonnen – Spreeathen

Zack! Alle Erinnerungen wieder da, als ich neulich nach Jahren einmal wieder im U-Bahnhof Kurfürstenstraße stand, der für mich für immer mit meiner Arbeit beim Tagesspiegel verbunden sein wird: Genauer beim „alten Tagesspiegel“. Denn seit rapid zwölf Jahren sitzt der Verlag am Askanischen Platz, gerade noch Kreuzberg. Doch jahrelang, bis Oktober 2009, war meine Wirkstätte als damals junge Journalistin an der Potsdamer Straße 87, 10785 Berlin-Tiergarten.

Jeden Morgen warf mich die U1 an der „Kurfürsten“ raus, ich stapfte die Treppen hoch und bathroom in die Potsdamer, die ich bis heute niemals „Potse“ – wie so viele nenne – weil mir das phonetisch zu nah dran ist an einem anderen Wort.

Die Gegend rund um den U-Bahnhof Kurfürstenstraße war das Zentrum der Straßenprostitution: Ein Moloch aus Dreck, Drogen und Sexual intercourse.

Mittendrin wir vom Tagesspiegel im Verlagshaus mit dem Namensschriftzug auf dem Dach. Woolworth an der Ecke Kurfürstenstraße ist noch da, der Brillenladen Ecke Pohlstraße, natürlich die alteingesessene Traditionsfleischerei Staroske, in deren Haus einmal Marlene Dietrich lebte. „Puschel’s Pub“, wo wir so manchen Abend zum Bier einkehrten, wenn die Seiten im Druck waren.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Das World wide web war damals nur in Variety eines Personal computers präsent, der in der Lokalredaktion stand und nur von einem Redakteur benutzt wurde – und zwar um die aktuellen Lottozahlen zu ermitteln. Hier an der Kurfürsten stieg ich bereits als Studentin aus für mein Praktikum in der Medienredaktion.

Zwar gab mir der Leiter der Seite damals für das Einkürzen des Fernsehprogramms eine Sechs, doch der Textual content über die Fernsehtalkerin Arabella Kiesbauer gefiel ihm sehr gut – ich durfte wiederkommen. Ich bin immer noch da. Nur meine Einsatzgebiete wechselten. Unter anderem landete ich der damaligen Umgebung angemessen in einem Gebiet, das ich intern als RBB bezeichnete: Rotlicht, Blaulicht, Bekloppte.

Ich begleitete an Heiligabend eine der alteingesessenen Prostituierten, die sich beschwerten, dass ihnen osteuropäische Frauen und deren Zuhälter Probleme bereiteten, ich schrieb über das Erotikkaufhaus LSD, über das sich die Anwohnenden beklagten, ein Laufhaus sollte dort einziehen, dann wieder nicht.

[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Irgendwann schob ich meinen Schwangerschaftsbauch die Treppen des U-Bahnhofs hinauf, das war kurz vor dem Umzug und dem Beginn der neuen Ära.

„Können wir bitte gehen?“ Meine Tochter ist jetzt rapid zwölf. Ich stand kürzlich mit ihr vor der alten Arbeitsstätte, wo stylische Brillen- und Hutläden eingezogen sind. Doch sie fühlte sich unbehaglich: Unten im U-Bahnhof rauchte ein Mann auf einer Bank Crack. So, wie früher.

Berlin Ernachrichten