„Selbst habe noch Lust uff Sex, ungeachtet es funktioniert nicht so richtig. Welches kann ich tun?“ – B.Z. Spreeathen



Jana Förster

7. November 2021
21:33

Aktualisiert
21:33

Zahlreiche E-Mails und Briefe erreichten uns in den vergangenen Tagen zur beliebten Kolumne von Sexualberaterin Jana Förster. Einmal pro Woche widmet sie sich einem dieser Themen und gibt Ratschläge. Heute geht es um Sex im Alter.

Ein Leser, der anonym bleiben möchte, schreibt: „Ich bin Mitte 60, habe noch große Lust auf Sex, aber es funktioniert einfach nicht so richtig. Ich habe nur äußerst selten eine Erektion und wenn, dann hält sie nicht lange genug, um den Sex vollziehen zu können. Welche Potenzmittel können helfen? Gesundheitlich bin ich fit, habe aber trotzdem Sorgen vor eventuellen Nebenwirkungen. Haben Sie einen Rat? Vielleicht gibt es ja auch spezielle Techniken, die Potenzmittel unnötig machen?“

Sexualberaterin Jana Förster antwortet: „Lieber Leser, in Ihrem Alter ist es relativ häufig, dass Erektionsstörungen auftreten. Etwa jeder dritte Mann in den Sechzigern leidet unter einer sogenannten erektilen Dysfunktion.

Diese zeichnet sich dadurch aus, dass länger als sechs Monate in zwei Drittel der Fälle keine Erektion zustande kommt oder nicht lange aufrechterhalten werden kann. Sie sehen also, dass dieses Thema in Ihrem Alter trotz Ihrer körperlichen Fitness keine Seltenheit ist.

Nichtsdestotrotz ist eine ärztliche Abklärung notwendig, da häufig Durchblutungsstörungen, Erkrankungen oder auch andere körperliche Ursachen wie Testosteron-Mangel Auslöser sein können.  Wenn Sie mit einem Arzt über dieses Thema sprechen, kann er Ihnen auch alle Vorteile und Nebenwirkungen von einer medikamentösen Unterstützung berichten.

Ich würde heute gern auf den Fakt eingehen, dass Sie Sex an eine stabile Erektion knüpfen, wenn ich Ihre Frage richtig verstehe.

Ich würde Sie gerne dazu einladen, eine Erektion nicht als Grundlage für ein schönes Sexualleben oder gut funktionierenden Sex zu sehen.

Natürlich ist das in unser aller Köpfe so verankert. Jahrelang war das der einzige Weg, penetrativen Geschlechtsverkehr zu haben. Doch guter Sex hat relativ wenig mit einer Erektion zu tun, wenn man ihn sozusagen von der achtsamen Seite betrachtet.

Ich kann aus Ihrer Zuschrift nicht erkennen, ob Sie in einer aktiven Partnerschaft sind oder wechselnde Geschlechtspartner haben. Für meinen Vorschlag ist eigentlich auch nur wichtig, dass Sie mit Ihrer Sexualpartnerin Lust haben, sich gemeinsam in wahrscheinlich noch unbekannte Experimente zu begeben.

Ist dies der Fall, möchte ich Ihnen gern von Slow Sex berichten. Diese Technik ist momentan stark im Kommen, weil viele Menschen zunehmend (Leistungs-)Druck und Stress beim Sex empfinden.

Beim Slow Sex geht es um Langsamkeit, Berührung, Wahrnehmen und Verwöhnen (siehe auch unten). Die Geschlechtsteile werden weniger von vornherein einbezogen, stattdessen der ganze Körper mit all seinen anderen erogenen Zonen entdeckt.

Später gibt es eine Technik für das unerigierte Einführen des Penisses, was gerade in Ihrem Fall eine ganz hervorragende und bewährte Technik ist.

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Ich möchte Ihnen für den Anfang eine kleine erste Übung mitgeben, bei der Sie sich ausprobieren können. Nehmen Sie sich bitte etwa eine Stunde Zeit. Störquellen wie Handy oder TV dürfen eine Stunde lang auf Ihre Aufmerksamkeit verzichten.

Legen Sie sich nackt ins Bett und spüren Sie z.B. in der Löffelchenstellung gemeinsam mindestens zehn Minuten Ihre nackte Haut und Körperwärme. Sprechen Sie leise miteinander, wo es sich besonders schön anfühlt. Streicheln Sie sich an den Stellen, die Sie in Ihrer Position bequem erreichen. Lassen Sie hierbei die Genitalien aus.

Im nächsten Schritt dürfen Küsse hinzukommen, aber noch nicht zu viel Leidenschaft. Genießen Sie die Langsamkeit. Streicheln Sie nun auch gern die Genitalien, wenn Sie dazu Lust bekommen haben. Entdecken Sie den Körper Ihres Partners ganz bewusst so, als hätten Sie ihn noch nie zuvor erforscht.

Probieren Sie neue Massagetechniken aus, streicheln Sie mal zart, mal fester, mal mit Nägeln, mal mit der ganzen Hand, mal nur mit den Fingerspitzen. Hauptsache achtsam. Nach etwa einer Stunde können Sie nun die erste Übung abschließen. Ob dies mit weiteren sexuellen Handlungen passiert oder nicht, bleibt Ihnen überlassen.

Sollten Sie tieferes Interesse entwickeln, lege ich Ihnen Lektüre (z.B.: „Liebe würde Slow Sex machen“ von Yella Cremer) ans Herz, die Sie in jeder Buchhandlung bekommen.“

Fünf Fakten über Slow Sex

► Slow Sex lebt von der Absichtslosigkeit. Niemand muss abliefern, kein Mann muss den wilden Hengst und keine Frau den verruchten Vamp abgeben. Es geht nur ums Wahrnehmen.

► Weniger Druck – mehr Gefühl. Slow Sex fördert die emotionale und körperliche Nähe, Intimität kann sich verstärken und wirken. Viele Menschen empfinden tiefe Befriedigung, wenn sie diese Spielart der Lust praktizieren.

► Slow Sex wirkt eventuell langweilig, wenn man sich am Anfang damit beschäftigt. Doch eigentlich ist er eine komplette andere Herangehensweise an die Leidenschaft, für die man sich erstmal öffnen muss.

► Er soll den gewohnten Geschlechtsverkehr nicht ersetzen, sondern ergänzen. Viele Paare erreichen nach jahrelanger Partnerschaft neue sexuelle Dimensionen.

► Eine Erektion ist nicht nicht notwendig, um Slow Sex zu praktizieren. Es geht viel mehr um Intimität und Entschleunigung.

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