Schweizer Dating-App : Online-Dating ohne Bilder – funktioniert dies?

Publiziert14. März 2021, 18:16

Bei der neuen Schweizer Dating-App Lovetastic geht es nicht ums Aussehen, sondern um die inneren Werte. Doch funktioniert das? Ich wollte es wissen und habe die App für euch getestet.

1 / 11

Wir haben die Dating-App Lovetastic für euch ausprobiert.

Unsplash.com

Die in der Schweiz entwickelte App funktioniert gänzlich ohne Bilder.

PrivatUser*Innen der App können sich in der Beschreibung in der unteren Hälfte mehr oder weniger detailliert vorstellen. 

User*Innen der App können sich in der Beschreibung in der unteren Hälfte mehr oder weniger detailliert vorstellen.

Screenshot Lovetastic 

  • Lovetastic ist eine Schweizer Dating-App, die ohne Bilder funktioniert.

  • Statt Fotos kann man dort seine Stimme hochladen.

  • Wir haben sie für euch ausprobiert.

Vorneweg: Swipen und Matchen waren mir immer suspekt und ich liess bisher die Finger von jeglichen Dating-Apps. Da ich jedoch diesen Winter alleine in den Bergen verbringe, Corona meine sozialen Kontakte massiv reduziert und ich keineswegs vorhabe, Einsiedlerin zu werden, entscheide ich mich, dem Online-Dating doch mal eine Chance zu geben. Meine App-Wahl fällt auf Lovetastic, eine relativ neue Schweizer Dating-App. Ihr Prinzip ist ähnlich wie Tinder – swipen, matchen, texten – doch funktioniert die App gänzlich ohne Fotos. Hier sollen die inneren Werte zählen. Das klingt für mich irgendwie sympathisch.

Die Anmeldung ist einfach und funktioniert ohne Angabe von E-Mail oder Social-Media-Konto. Als nächstes soll ich eine Kurzbeschreibung anfügen, hier kann ich nur fünf Wörter eintippen. Verwundert klicke ich weiter. Puh, jetzt habe ich mehr Platz, um von mir zu erzählen und beginne zu tippen: Ich bin die Gabi, 30 Jahre alt und interessiere mich für Yoga, Bergsport und Jazzmusik.

Optionale Stimmaufnahme, lustige Spitznamen, übersichtliches Design

Nach dem Ausfüllen bekomme ich die Option, meine Stimme aufzunehmen. Kurz denke ich an meinen besten Gay-Freund, der immer wieder beteuert, wie samtig meine Stimme sei. Doch irgendwie fühlt sich das zu intim an. Ich klicke weiter. Endlich werden mir Profile angezeigt. Ich swipe: Melanie, Natascha, Stefanie – wieso denkt diese App eigentlich, dass ich auf Frauen stehe? Nach drei Swipes kriege ich die Meldung, dass keine weiteren Personen mehr in meiner Nähe seien.

Ich erweitere meinen Radius und wähle an, dass ich auf der Suche nach Männern bin. Schon werden mir neue Profile angezeigt. Die meisten davon sind weit weg, etwa in Zürich oder Bern. Ich hingegen sitze gerade im verschneiten Graubünden. Viele User sind einige Jahre jünger als ich und haben interessante Spitznamen: Maa, Immerhart, Für Dich Da.

Das App-Design gefällt mir mehr als die ungewöhnlichen Pseudonyme. Es ist ohne Firlefanz und übersichtlich. Im oberen Teil des Screens sind die wichtigsten Eckdaten zu der Person aufgeführt, im unteren Teil kann man sich in der Beschreibung nach Lust und Laune austoben.

Es kommt mir vor, als wäre George ein dauer-horny Grüsel

Bei meinen Vorschlägen erscheint einer, der Aktfotos machen will. Interessant. Ich swipe trotzdem nach links und dann ist die Anzahl der maximalen Nutzer, die ich heute mit meinem Basic-Account sehen kann, schon aufgebraucht. Wenn ich weiter swipen will, muss ich 12 Franken pro Monat zahlen. Ich verzichte darauf und warte lieber, bis mein Swipe-Kontingent wieder aufgeladen ist.

Leicht genervt rufe ich einen Freund an. Während des Videoanrufs poppt eine Nachricht auf. Markus*, 55 Jahre alt, der gemäss seines Profils «E Glas Wii mit ere jüngere Kollegin, natürlich mit 2 m. Abstand» sucht. Er mag Niveau» – was er damit wohl meint? Wir schreiben ein paar Sätze hin und her. Ich frage ihn, wieso er auf der App sei. Er meint, er wolle jüngere Frauen kennenlernen und dann mal sehen. Vor meinem inneren Auge sehe ich einen verschwitzten, dauer-horny Grüsel, der sich diese App ausgesucht hat, weil er mit Foto wahrscheinlich keine Chance hätte. Ich sage, ich hätte etwas zu tun und verabschiede mich.

Beste Liebhaber aller Zeiten, Sex mit Umschnalldildo oder Fotos via Snap

Am nächsten Tag wage ich es nochmal. Da ist Tim*,18, «Texschte mer doch uf Snap!», Max*, 26, der eine Frau mit einem Umschnalldildo sucht und Elias*, der laut seinem Profil «der besti Liebhaber aller Ziite», ist. Auch hier swipe ich nach links.

Endlich finde ich heraus, dass es eine Funktion zum Einstellen des gewünschten Alters gibt. Ich limitiere meinen potenziellen Mr. Right auf eine vernünftige Altersspanne, swipe noch ein wenig und vergesse die App, bis ich eine Nachricht von René* erhalte: «Die App sagt mir, dass du mich liebst! Wie schön! Aber ich muss jetzt schlafen.» Ich antworte ihm nicht gleich, vergesse es dann und kriege am Tag darauf zur Strafe ein Kacke-Emoji. Auf mein Unverständnis folgte ein Roman mit Erzählungen von seiner Kindheit bis heute – mir ist das echt zu viel des Guten und ich beende den Chat.

Sein Foto erinnert mich an einen Psychothriller

Endlich habe ich Glück: Ich habe ein Match mit Damian, er kommt aus Bern und scheint nett, witzig und interessant. Wenig später treffen wir uns auf einen Kaffee. Leider ist er in echt so gar nicht, wie er sich online gibt. So ist er beispielsweise (anders als in seiner Beschreibung) einen halben Kopf kleiner als ich und führt während unseres ganzen Dates einen Monolog über sich selbst. Anziehung gibt es keine. Ich sage ihm freundlich, dass ich kein weiteres Date mit ihm möchte. Seine Reaktion ist positiv, doch verstanden hat er es nicht. Noch zweimal bittet er mich um ein Treffen, ich lehne es jeweils dankend ab.

Kurz bevor ich mich entschliesse, mein Experiment «Online-Dating» definitiv zu begraben, erhalte ich erneut eine Nachricht. Es ist kurz nach Mitternacht, ich habe das Licht bereits aus und bin im halbschlafartigen Trancezustand. Jemand hat mir ein Bild geschickt. Ich öffne es – und erschrecke mich fast zu Tode: Ein Typ grinst mir entgegen, sein Gesicht ist verdunkelt, seine vampirähnlichen (!), schmutzigen Zähne scharf im Fokus, seine giftgrünen Augen funkeln bösartig.

Schlagartig erinnere ich mich an Szenen aus Psychothrillern von Steven Spielberg, mein Herz fängt an zu pochen und ich schalte das Licht wieder an. Nach einigen tiefen Atemzügen koche ich mir einen Tee, lösche die App und gehe schlafen.

Berlin Ernachrichten