Schutz des Klimas trotz Krisis: Volkswirtschaftler erklärt, worauf die Wirtschaft jetzt setzen muss

Mit CO2-Preisen Klima und Wirtschaft retten: Klimaschutz trotz Krise: Top-Ökonom erklärt, worauf die Wirtschaft jetzt setzen muss

Nach einem Jahr Pandemie leidet die Wirtschaft extrem – Klimaschutz könnte für viele Firmen in den Hintergrund geraten. Im Gespräch erklärt Klima-Ökonom Ottmar Edenhofer, wie der Wiederaufbau der Wirtschaft umweltschonend gelingen kann.

FOCUS Online: Bilder sauberer Flüsse in Venedig gingen zu Beginn der Pandemie um die Welt. Treibhausgas-Emissionen sind zurückgegangen. Weniger Flugzeuge verschmutzten die Lüfte. Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf Umwelt und Klima?

Ottmar Edenhofer: Um das mal in einfachen Worten zu sagen: Das ist eine geringfügige Pause, hat aber nichts an der grundlegenden Dynamik verändert. Die Emissionen gehen in dem Augenblick wieder nach oben, in dem es ein bisschen ökonomische Aktivität gibt. Ein grundlegender Strukturwandel ist bis jetzt noch nicht wahrnehmbar. Es gibt aber interessante Ansatzpunkte für einen Strukturwandel: Wenn man die internationale Kohlenutzung anschaut, kann man sehen, dass sich da eine Reihe bemerkenswerter Effekte abzeichnet.

Welche Effekte wären das?

Edenhofer: Zum einen ist durch den Rückgang der Energienachfrage der Gaspreis sehr viel schneller gesunken als der Kohlepreis. Das hat dazu geführt, dass Kohlekraftwerke zumindest unter Druck geraten sind – und sich zugleich in vielen Ländern der Ausbau der erneuerbaren Energien weiter fortgesetzt hat.

Es könnte sein, dass im Zuge der Covid-Krise in vielen Ländern sogar der Kohleausstieg zumindest begonnen wird. Das muss man jetzt politisch unterstützen, zum Beispiel durch CO2-Preise. Wenn man das versäumt, werden wir nach der Krise mit den Emissionen genau da weiter machen, wo wir vor der Krise aufgehört haben.

Ottmar Edenhofer ist Direktor des Berliner Klimaforschungsinstituts MCC und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) sowie Professor an der TU Berlin.

“CO2-Preise fördern den Kohleausstieg und ermöglichen nachhaltige Wirtschaft”

Welche Möglichkeiten gibt es jetzt in der Krise, klimaschützende Politik durchzuführen?

Edenhofer: Man könnte mit relativ moderaten CO2-Preisen in vielen Ländern mit dem Kohleausstieg beginnen. Das schadet der Wirtschaft nicht. Wir sehen das auch in Europa: Trotz der Covid-Krise ist der CO2-Preis gestiegen. Der Kohleausstieg in Europa und in Deutschland geht sehr viel schneller voran, als wir uns das vor einigen Monaten noch gedacht haben. Und dann wäre der zweite Schritt, die Wiederaufbau-Programme nach ökologischen Kriterien auszurichten. Das geht aus meiner Sicht nur, wenn wir vorher vernünftige CO2-Preise eingeführt haben.

Ist es überhaupt möglich, diese nachhaltige Wirtschaft, wenn man sie denn vernünftig angehen würde, mit Wirtschaftswachstum zu kombinieren? Passen diese zwei Prozesse zusammen?

Edenhofer: Ja, das passt zusammen. Das Wirtschaftswachstum ist ja zunächst mal eine Geldgröße, und wir wollen Mengengrößen oder physikalische Größen wie Energie oder Emissionen reduzieren. Es gibt aus meiner Sicht keinen Grund, warum das nicht entkoppelt werden kann: Sie können Produkte mit weniger Emissionen, mit weniger Materialverbrauch herstellen.

Die Entkopplung ist in manchen Ländern ansatzweise schon gelungen, auf globaler Ebene aber noch nicht – denn in den meisten Ländern der Welt sind die Anreize zu einer CO2-freien Wirtschaft so schwach, dass man da nicht erwarten kann, dass diese Transformationsprozesse schon einsetzen. Grundsätzlich ist Wirtschaftswachstum mit Klimaschutz vereinbar.

Politik muss den Hebel umschalten und mutig umdenken

Aus der Sicht eines Klimaökonomen: Wie finden Sie den aktuellen Kurs der Regierung in Deutschland? Was läuft gut, was überhaupt nicht?

Edenhofer: Die Politik der Bundesregierung ist international betrachtet kein „Gamechanger“. Den großen Aufschlag hat jetzt die EU-Kommission gemacht. Sie hat das Emissions-Änderungsziel verschärft: von minus 40 Prozent auf minus 55 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 1990. Und Treibhausgasneutralität bis 2050, das ist enorm ehrgeizig. Dieser European Green Deal hat es in sich.

Wie die Kommission das genau umsetzen will, ist noch nicht geklärt, aber ich hoffe sehr, dass sie sich auf europäischer Ebene dazu durchringt, die Weichen in Richtung einer umfassenden CO2-Bepreisung zu stellen. Also nicht nur im Stromsektor und bei der energieintensiven Industrie, sondern auch im Transport-, Wärme- und Gebäudesektor und in der Landwirtschaft.

Ihr großer Corona-Ratgeber

Gut informiert durch die Krise: Experten erklären, was Sie jetzt über Covid-19 wissen müssen.

Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?

Edenhofer: Die Frage ist, ob die Kommission den Mut hat, auch die Instrumente so auszugestalten, dass die Ziele des Green Deal auch wirklich erreicht werden können. Das kann ich jetzt noch nicht beurteilen, weil erst im Juni die Vorschläge auf dem Tisch liegen werden. Im Augenblick haben wir nur Optionen und Szenarien.

Die Kommission wird sich dazu durchringen müssen, dass es auf europäischer Ebene CO2-Preise zum Leitinstrument werden. Einkommensschwache Haushalte müssen dann kompensiert werden, weil CO2-Preise sonst sozial ungerecht sind. Das muss die Politik jetzt machen. Sie kann nicht immer nur ehrgeizige Ziele verkünden, sondern muss am Ende des Tages auch entsprechende Instrumente einsetzen.

CO2-Bepreisung fördert laut Experten erneuerbare Energien und Wertschöpfungsketten zur Nachhaltigkeit

Die Politik muss also endlich handeln statt nur reden. Aktuell gibt es eine Deklaration führender Wissenschaftler, die sich damit befasst, dass die Welt bis 2035 komplett mit erneuerbaren Energien versorgt werden könnte. Auch hier ist der politische Hebel das Wichtigste, denn an sich ist das Vorhaben theoretisch möglich.

Edenhofer: Man kann nur umsetzen, was machbar ist. Es geht nicht nur um den Ausbau der erneuerbaren Energien im Strombereich, sondern eben auch um die Verminderung der Emissionen im Verkehrs- und Gebäudebereich sowie in der Landwirtschaft. Und um Themen wie Wasserstoffstrategie und synthetische Kraftstoffe.

Zugleich müssen wir jetzt daran arbeiten, dass sich USA, China und Europa schrittweise die institutionelle Struktur für eine globale Klimakooperation geben und Politikinstrumente einführen, die eine zügige Transformation ermöglichen. Da sollte aus meiner Sicht der CO2-Preis zwar nicht das einzige, aber doch das klimapolitische Leitinstrument sein.

Wie schaffen wir es, dahin zu kommen?

Edenhofer: Die CO2-Bepreisung befördert die erneuerbaren Energien und bahnt auch bei komplexen Wertschöpfungsketten den Weg zur Nachhaltigkeit. Also eröffnet zum Beispiel in der Stahlproduktion die Perspektive, in der Zukunft CO2-freien, grünen Wasserstoff einzusetzen, und hilft, synthetische Kraftstoffe und Speichertechnologien zu entwickeln. Wir werden auch Technologien brauchen, um CO2 aus der Atmosphäre zu ziehen – die sogenannten negativen Emissionen.

Ich habe den Eindruck, dass die Wirtschaft zu einer wirklich grundlegenden Transformation bereit ist, aber sie braucht dazu jetzt unbedingt die richtigen Rahmenbedingungen. Und wer CO2-freie Technologien entwickelt, muss auch Gewinne machen können. Das ist der Clou an der CO2-Bepreisung: Man macht CO2-freie Technologien rentabel, ermöglicht Geschäftsmodelle. Mit den damit erzielten Einnahmen kann man soziale Härten ausgleichen und CO2-freie Technologien fördern.

Coronavirus-Varianten setzen Tschechien zu

„Wo ist die Verhältnismäßigkeit?“: Frustrierte Familien werden durch Grenzkontrollen getrennt

expim/sn

Berlin Ernachrichten