„Schönste Nullipara Europas“: Ihr Sex war in besseren Umwälzen Tagesgespräch

Das Ancien Régime gilt als eine Epoche, in der Standesschranken kaum zu überwinden waren. Allenfalls wohlhabenden Bürgern eröffnete sich mit dem Mittel des Ämter- und Titelkaufs die Möglichkeit, adlige Privilegien zu erwerben. Allerdings gab es für Menschen Ausnahmen, die bereit waren, Risiken einzugehen. Ein Beispiel bietet Zofia Glavani, die es von einer Prostituierten in Istanbul zur Reichsgräfin und zu einer der reichsten Frauen Polens brachte.

Zeugnisse über ihre steile Karriere, in der sie zahlreichen Prominenten vor allem als Geliebte begegnete, changieren zwischen Gerüchten, Enthüllungen und schwülen Visionen. Als sicher gilt, dass sie am 12. Januar 1760 im Hafen von Bursa in Westanatolien als Tochter eines griechischen Viehhändlers geboren wurde. Im Haus einer Tante in Istanbul wuchs sie auf. Der wirtschaftliche Bankrott zwang diese, Zofias Mutter und sie selbst auf die Straße. Die eine wurde Konkubine vermögender Ausländer, die Mutter eröffnete ein Bordell, Zofia, genannt Dudu, wurde beider Kapital.

„Jedermann umringte sie und befolgte ihre Befehle“: Zofia Potocka-Witte

Quelle: picture alliance / Heritage-Imag

Der polnische Gesandte an osmanischen Hof, Karol Boscamp-Lasopolski, wurde ihr erster bekannter Liebhaber. Neben den körperlichen Vorzügen fielen ihm die praktische Intelligenz, Geselligkeit und Menschenkenntnis der damals wohl 14-Jährigen auf. Sie nutzte die Zeit, um ihre mangelhafte Bildung zu verbessern, später soll sie exzellent Französisch gesprochen, daneben Polnisch, Russisch, Deutsch und Englisch verstanden haben. Vor allem aber gab sie sich Boscamp zufolge „zu allem her, was man von ihr verlangte: Lieder, Gesten, ganz orientalische Attitüden, alles von einer Schlüpfrigkeit und einer Obszönität, von denen man in Europa keine Ahnung hat.“

Affären mit bekannten und unbekannten Männern folgten. Ihre nächste Eroberung brachte sie in die Zeitungen Europas. Józef de Witte, ein wohlhabender polnischer Offizier, hielt 1779 um ihre Hand an, was sie zur Gräfin machte. Die Reise des Paares in die Bäder von Spa in Belgien wurden zu einem gesellschaftlichen Ereignis, in dessen Folge Zofia zur „schönsten Frau Europas“ aufstieg.

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„Ihr Anblick verursachte einen allgemeinen Schwindel“, schrieb ein Beobachter. Ein anderer rühmte „die zärtlichsten und schönsten Augen, die die Natur je hervorgebracht hat“. Und wieder ein anderer bekannte: „Jedermann umringte sie und befolgte ihre Befehle.“

Zofias Fähigkeiten wurden unter Männern zum Tagesgespräch: „Temperamentlos, aber gefällig“, übernehme sie „die Rolle des Liebhabers, ,Feuer zu schlagen’“. Ihre Brüste erinnerten an hängende Birnen, der Körpergeruch sei streng.

Giovanni Battista Lampi: Zofia de Witte als Vestalin, 1788/91, Trient.

Zofia als Vestalin (1788/91)

Quelle: Wikipedia/Public Domain

Kaiser Joseph II. und sogar der Frauenfeind Friedrich der Große sollen ihr Komplimente gemacht haben, während sich ihre Höflinge um die Gunst der schönen Griechin stritten. Ihr bekanntester Liebhaber aber wurde ein Russe, Fürst Grigori Potjomkin, ehemaliger Liebhaber der Zarin Katharina II. und Generalgouverneur des südlichen Russland, der in Jassy Hof hielt. Der bekannte Frauenheld sah Zofia auf einem Ball und war hingerissen: „Ihr seid die einzige Frau, die mich zu überraschen vermag.“ Die Zarin gab der Liaison ihren Segen, indem sie sich dazu herabließ, der „schönen Phanariotin“ (nach dem griechischen Stadtteil Istanbuls) ein paar Diamantohrringe zu schenken.

Zu den Überraschungen gehörte gewiss, dass sie die „herzenskalte Berechnung“, die manche Verehrer an ihr bemerkten, durchaus ablegen konnte. Als Potjomkin 1791 bei Jassy mit dem Tod rang, übernahm sie zusammen mit seiner Nichte und letzten Geliebten Alexandra Branicka die Pflege.

Die drei Teilungen Polens 1772-1795

Um ihre Streitigkeiten nicht in Kriegen gegeneinander auszutragen, verfielen Russland, Österreich und Preußen Ende des 18. Jahrhunderts auf eine Idee: Sie teilten das Königreich Polen unter sich auf.

Zofias nächster Liebhaber wurde Reichsgraf Szcsesny Potocki, einer der reichsten Magnaten Polens. An seiner Seite geriet Zofia, die Potocki erst 1796 aus der Ehe mit Witte herauskaufen konnte, in die große Politik. Denn ihr Mann gehörte zu den Adligen, die sich im Kampf um die polnische Selbstständigkeit auf die russische Seite schlugen. Aus der Sicht polnischer Patrioten machte das Zofia zur Unperson und Spionin, was der Zahl ihrer Liebhaber aber keinen Abbruch tat. Sogar mit ihrem Stiefsohn ist eine Affäre überliefert.

Auch als Alter und die Geburt von mindestens zehn Kindern an ihrer Schönheit zu nagen begannen, wurde es nicht einsam um die Gräfin. 1805 war ihr Mann gestorben. Sie aber konnte sich zumindest die Hälfte des Erbes sichern, das sie viele Jahre mit Gesellschafterinnen, Künstlern und Bediensteten in ihrem Palast in Tultschyn in der Westukraine genießen konnte, wo mehrere hunderttausend Bauern für ihren Reichtum sorgten. Bis sie einer ihrer Söhne 1820 aus dem Haus jagte. Auf der Suche nach einem Mittel gegen eine Krankheit ist Zofia Potocki 1822 in Berlin gestorben. Sie wurde 62 Jahre alt.

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