Schlammschlacht: Ex-Unternehmensberater von Boris Johnsons erhebt schwere Vorwürfe – Politik: Aktuelle Nachrichtensendung und Berichte

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Dominic Cummings, früherer Top-Berater von Boris Johnson, erhebt schwerwiegende Vorwürfe gegen den Premier. (Yui Mok/DPA)

Boris Johnson und seine Verlobte Carrie Symonds haben ihre Vier-Schlafzimmer-Wohnung in 11 Downing Street renoviert, sie liegt direkt neben dem Regierungssitz in Nummer 10. Kunstvolle Ornamente und Designer-Tapeten sind auf den Bildern vom Zuhause des Paars zu sehen. Das angebliche Ziel von Symonds war es, die Spuren von Ex-Premierministerin Theresa May zu beseitigen und die Wohnung von einem „John-Lewis-Albtraum in einen High-Society-Hafen“ zu verwandeln.

Das Kaufhaus John Lewis ist eine Institution in Großbritannien und vor allem bei Kunden aus der Mittelschicht sehr beliebt, während für Menschen aus der Arbeiterklasse die Möbel, Lampen und Accessoires unerschwinglich sind. Umso versnobter erscheint vielen Briten die edle Renovierung. Die große Frage aber dreht sich um die Kosten. Die Rechnung soll bis zu 200.000 Pfund, etwa 230.000 Euro, ausgewiesen haben, obwohl dem Premier jährlich maximal 30.000 Pfund für Ausbesserungsarbeiten zur Verfügung stehen. Deshalb hätten private Spender die Kosten übernommen. Das jedenfalls behauptet Johnsons ehemaliger Top-Berater Dominic Cummings in der jüngsten Schlammschlacht in Westminster. Cummings war nach eigenen Angaben gegen die Pläne seines Chefs, die Renovierung heimlich von Privatspendern bezahlen zu lassen und nannte sie ihm gegenüber „unethisch, töricht, möglicherweise illegal“.

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Nun ist der konservative Regierungschef massiv unter Druck geraten. Zwar dementiert er alle Vorwürfe. Aber die Anschuldigungen wiegen schwer – und sie werden nicht nur von der Opposition dankbar ausgeschöpft, sondern ausgerechnet von der sonst ihm wohlgesonnenen konservativen Presse. Es könnte der Anfang vom Ende seiner Amtszeit bedeuten, irgendwann dürften auch die loyalsten Anhänger genug haben von seinen Halbwahrheiten, den zwielichtigen Deals, den falschen Versprechen.

Hinzu kommt ein weiterer Skandal, der besonders aufstößt im Königreich, das mit fast 130.000 Corona-Toten zu den am schwersten von der Pandemie betroffenen Ländern der Welt gehört. Der Premier soll im Herbst einen weiteren Lockdown zunächst abgelehnt haben, mit den Worten: „Sollen sich die Leichen doch zu Tausenden stapeln.“

Sowohl die BBC als auch der Sender ITV berichten, sie hätten neben Cummings weitere Quellen für das Zitat, sodass kaum noch jemand den Wahrheitsgehalt bezweifelt. „Blödsinn“, dementiert Johnson, der in diesen Tage durch die Lande zieht und Wahlkampf macht. Nächste Woche stehen wichtige Lokal- und Regionalwahlen an. Der Politiker könnte erstmals eine deutliche Schlappe kassieren.

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Gleichwohl gehen die Attacken weiter. Noch will man in London den Spender für die Renovierungsarbeiten nicht nennen. Das allein ist ein absolut inakzeptabler Umstand. Stattdessen ziehen Johnsons Minister durch die Fernsehstudios und verteidigen ihren Premier, der angeblich das Finanzielle zu gegebener Zeit ordentlich deklarieren werde.

Das Problem ist jedoch: Johnson selbst hat seinen Ex-Vertrauten Cummings herausgefordert, der im Streit vom Hof gejagt wurde. So soll der Premier einige Chefredakteure höchstpersönlich angerufen haben, um ihnen mit Cummings die „Chatty rat“, die „geschwätzige Ratte“ zu liefern, nach der auf der Insel seit Monaten gesucht wird. Es geht um die Frage, wer die Presse über den Herbst-Lockdown informierte, bevor die endgültige Entscheidung gefallen war. Damals hagelt es Kritik an der Regierung, weil die Bevölkerung von den Schritten zuerst aus der Zeitung erfuhr.

Die Grenzen werden ausgetestet

Doch Cummings wies seine angebliche Rolle in der Geschichte zurück. Vielmehr beschuldigte er Johnson: Dieser wolle ihn nachträglich zum Sündenbock abstempeln. Und dann holte der Ex-Berater zum Gegenschlag aus. Weitere Attacken gegen den Premier könnten folgen, genug Munition hat er. Die ganze schmutzige Wäsche dürfte längst noch nicht gewaschen sein. Nur hat Johnson weitaus mehr zu verlieren als Cummings. Die Frage ist, bis zu welchem Punkt die Konservativen die Affären des Premiers tolerieren – und ob die Stimmung in der Bevölkerung tatsächlich kippen könnte.