Rudolf Virchow: Virchow und welcher magische Speer welcher Wissenschaft

Am 13. Oktober 1821 kam der Mediziner, Anthropologe und Politiker Rudolf Virchow im hinterpommerschen Schivelbein zur Welt. Als er 1902 an den Folgen eines Sprungs von der Berliner elektrischen Straßenbahn starb, hatte er ein Jahrhundert der rasanten Modernisierung nicht nur begleitet, sondern auch selbst mitgeprägt. Wo liegt nun aber seine heutige Bedeutung jenseits seiner Rolle als Namenspatron unzähliger Apotheken?

Wissenschaftlicher Markt und Wissenschaftspopularisierung

Virchow steht zunächst für die Entstehung des modernen, marktförmigen Wissenschaftssystems, das im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts aufblühte. Erfolgreich nutzte er die hier entstehenden Möglichkeiten, indem er seine wissenschaftliche Karriere mit der Entwicklung einer neuen Disziplin – der pathologischen Anatomie – verknüpfte. Das heute vertraute Bild sich ständig beschleunigender wissenschaftlicher “turns” nahm damals seinen Anfang, und so konnte der damals gerade erst 24-jährige Virchow 1845 die bisherige Medizin für obsolet erklären und sich selbst als Bannerträger einer neuen, “naturwissenschaftlichen” Medizin inszenieren. Für die preußische Kultusbürokratie wurde er seither zu einem Hoffnungsträger. Allerdings musste sie ihn 1849 aufgrund konservativer Agitation gegen seine revolutionären Aktivitäten vorübergehend nach Würzburg ziehen lassen, bevor er 1856 wieder nach Berlin zurückberufen wurde, wo er sein berühmtes Pathologisches Institut aufbaute.

Virchows wissenschaftlicher Erfolg basierte auf harter Arbeit. Hinzu kam jedoch, dass er die damals neuartige Selbstvermarktung als Wissenschaftler konsequent betrieb, indem er seine Bekanntheit steigerte und professionelle Netzwerke ausweitete. Virtuos beherzigte er auch den in den 1830er Jahren aufgekommenen Grundsatz Publish or perish, indem er neben zahlreichen eigenen wissenschaftlichen Veröffentlichungen eine Reihe von  Zeitschriften herausgab. Blieb die 1848 gegründete Medicinische Reform, in der er ein sozialmedizinisches Reformprogramm vertrat, noch ein kurzlebiges Projekt der Revolutionszeit, so besteht das 1847 von ihm mitbegründete Archiv für Anatomie, Physiologie und wissenschaftliche Medicin unter dem Titel Virchows Archiv bis heute. Er nutzte diese und andere von ihm herausgegebene Zeitschriften, um neue Disziplinen – neben der Pathologie auch die Anthropologie – zu befördern oder umgekehrt auch andere aufkommende Disziplinen zu beeinflussen oder gar – wie im Fall der Bakteriologe – zu bremsen.

Virchow setzte sich erfolgreich von einer Kohorte begabter Nachwuchswissenschaftler aus der “Berliner Schule” um den Physiologen Johannes Müller ab und verstand es dabei, kollektive wissenschaftliche Entwicklungen mit seinem Namen zu verbinden. Dabei half vor allem auch sein jahrzehntelanges Engagement im Bereich der Wissenschaftspopularisierung. So entstand sein bekanntestes Werk, die 1858 veröffentlichte Cellularpathologie, aus einem während der Semesterferien gehaltenen Kurs für Berliner praktische Ärzte und damit aus einem Übersetzungsprozess für ein nichtspezialisiertes Publikum. Die mit populärwissenschaftlichen Vorträgen und Publikationen verbundene Zuspitzung und Vereinfachung wissenschaftlicher Aussagen wirkte somit zugleich auf die Wissenschaft selbst zurück. Zudem half die Wissenschaftspopularisierung auch bei der im 19. Jahrhundert entstehenden Konkurrenz um wissenschaftliche Ressourcen – in Virchows Fall neben Institutsgebäuden vor allem Leichen, Kranke und Versuchstiere: Wissenschaftler mussten intensiv um die Unterstützung der Kultusbürokratie wetteifern, wofür die gesellschaftliche Anerkennung ihrer Forschungen eine wesentliche Rolle spielte.

Fortschritt in Natur und Gesellschaft

Die Wissenschaftspopularisierung war überdies ein Kernelement der liberalen “Kultur des Fortschritts”. Mit dem Aufstieg der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert war der Anspruch verbunden, die Welt gleichermaßen zu erklären, zu verändern und schließlich auch zu deuten. Dies verdrängte nicht nur die Philosophie aus ihrer bisherigen Rolle als Leitwissenschaft, sondern beschränkte gelegentlich auch die Rolle von Religion. Virchow, auf den auch der Begriff des “Kulturkampfes” zurückgeht, war ein Protagonist des im 19. Jahrhundert weit verbreiteten naturwissenschaftlichen Fortschrittsglaubens, der Fortschritt von Natur und Gesellschaft in eins setzte. Darauf stützte sich zugleich sein Politikverständnis, erst in den Reihen der Berliner Demokraten während der Revolution von 1848/49 und ab den späten 1850er Jahren in den Reihen des preußischen Linksliberalismus. Jahrzehntelang wirkte Virchow nicht nur in der Berliner Stadtverordnetenversammlung, sondern auch im Preußischen Abgeordnetenhaus und nach der Reichsgründung 1871 für längere Zeit auch im Reichstag. Für ihn repräsentierte der Liberalismus – der seine bis zum Ersten Weltkrieg vor allem in großen Städten starke Stellung auf das die wohlhabenden Schichten privilegierende Dreiklassenwahlrecht stützte – somit nicht eine bestimmte soziale Gruppe. Vielmehr betrachtete Virchow den Liberalismus als Ausdruck einer aus naturwissenschaftlicher Erkenntnis begründeten universalen Einsicht in die Gesetze von Natur und Gesellschaft, die einem gemeinsamen Fortschrittsgesetz unterworfen seien.

Für Virchow waren die Naturwissenschaften somit ein Garant dafür, dass sich die wirtschaftliche, gesellschaftliche und die politische Entwicklung trotz aller Rückschläge letztlich im Gleichklang bewegen würden. Dass dieser rasante Modernisierungsprozess auch Opfer forderte, war für ihn wie viele seiner Zeitgenossen zwar bedauerlich, aber unvermeidlich. Und so unterstützte er gleichermaßen die Modernisierung der Infrastruktur, etwa durch den Bau der Berliner Ringkanalisation, aber auch die Musealisierung jener Teile menschlicher Kultur beziehungsweise der Menschheit, die gewissermaßen unter die Räder des Fortschritts gerieten, wozu auch der Untergang zahlreicher Menschengruppen in Folge der kolonialen Expansion gehörte. In diesem Prozess liegt eine der zentralen Triebfedern der Sammelwut des 19. Jahrhunderts – Virchow war unter anderem einer der führenden Schädelsammler seiner Zeit, womit er anders als viele seiner Zeitgenossen nicht die Überlegenheit der “weißen Rasse”, sondern die Einheit der Menschheit beweisen wollte. Gleichwohl ist Virchow damit heute zugleich zum Gegenstand einer heftigen Auseinandersetzung um die Rückgabe ethnologischer Objekte und Sammlungen an ihre Herkunftsorte geworden.

Naturwissenschaft und Politik

Virchow markiert schließlich auch den Beginn einer weiteren Entwicklung, die gerade in Corona-Zeiten augenfällig wurde: der Aufstieg medizinischer und anderer wissenschaftlicher Experten in Politik und Gesellschaft. Aus seiner Überzeugung, dass naturwissenschaftliche Erkenntnis auch die gesellschaftlichen Verhältnisse einschließe, leitete Virchow zugleich ein politisches Mandat ab. Während der Revolution 1848/49 entwarf er die paternalistisch eingefärbte Utopie einer medizinischen Gelehrtenrepublik: Politik sei “Medizin im Großen”. Unter den Bedingungen des nach der gescheiterten Revolution entstehenden monarchischen Konstitutionalismus reduzierte er diesen Anspruch dann auf eine Form der Expertenherrschaft, die vor allem darauf setzte, politische Fragen in wissenschaftlich zu entscheidende Fragen zu überführen. Die damit verbundenen Wertentscheidungen erschienen zumindest ihm selbst als unproblematisch, da ihm seine eigenen Werte, die mit denen des linksliberalen Bürgertums zusammenfielen, durch die Naturwissenschaften verbürgt zu sein schienen. Das schloss etwa die Verbesserung der öffentlichen Gesundheitspflege ebenso ein wie die Ablehnung des Frauenstudiums.

Dies verweist zugleich auch auf die Grenzen der von Virchow repräsentierten “Kultur des Fortschritts”. Seine Auseinandersetzung mit dem in den 1880er Jahren in Berlin aufkommenden modernen Antisemitismus bietet dafür ein gutes Beispiel: Virchow beharrte darauf, dass Rassismus und Antisemitismus naturwissenschaftlich widerlegt werden sollten – die Naturwissenschaften boten ihm zufolge eine Schule des Wahrnehmens von Tatsachen, die vor solchen Ideologien schützen könne. Sein Unverständnis für alle Formen des Irrationalismus und des Aberglauben, das bei ihm Antisemitismus ebenso wie etwa den Katholizismus einschloss, verband er gelegentlich auch mit zeitgenössischen Geschlechterstereotypen, die Wissenschaft als männlich und Irrationalismus als weiblich begriffen. Sein eigener unerschütterlicher Glaube, wonach Naturwissenschaften letztlich sogar die das menschliche Zusammenleben ermöglichende Moral begründen könnten, machte ihn immer wieder blind für gesellschaftliche Konflikte und Dynamiken, aber auch für Wertbegründungsprobleme liberaler Gesellschaften.

Virchow blieb nicht nur unempfänglich für das am Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete Krisenempfinden, wonach der Fortschritt von Technik und Naturwissenschaften die Grundlagen des bürgerlichen Individualismus und damit auch des Liberalismus untergrabe. Auch angesichts schon früher auftauchender Wahrnehmungen der Ambivalenzen des Fortschritts blieb er stets zuversichtlich: Bereits 1866 bezeichnete er die Wissenschaft als einen magischen Speer, der die Wunden, die er schlage, auch wieder heile. Virchow erlebte weder die Giftgaswolken des Ersten noch die Atompilze am Ende des Zweiten Weltkriegs. Deutlich wird aber, dass bereits er und seine Zeitgenossen auf eine für die heutige Wissenschaft zentrale Frage stießen: Inwieweit kann diese die Probleme selbst lösen, von denen ihre enormen Fortschritte begleitet wurden? Ob der Optimismus, mit dem Virchow diese Frage noch beantwortete, heute gleichfalls historisch geworden ist, bleibt jedenfalls umstritten.

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