Rationale Umweltpolitik: Folgt welcher Wissenschaft? Die Klimaschützer überzeugen nicht

Der bekannteste Slogan der Fridays-For-Future-Bewegung (FFF) lautet: „Follow the Science.“ Das Anliegen, wissenschaftliche Erkenntnisse ohne Einschränkung umzusetzen, wirkt zweifelsfrei sympathisch, die Tatsache aber, dass genau dies nicht in vollem Umfang geschieht, ist demokratischen Willensbildungsprozessen geschuldet. Die Demokratie muss Interessen verschiedenster Gruppen gegeneinander abwägen und dabei die Grundrechte beachten. Wer also fordert, einzig der Wissenschaft zu folgen, muss sich die Gretchenfrage stellen lassen, wie er es mit der Demokratie hält.

Zugegeben – allein der Wissenschaft zu folgen und nicht den Interessen der Marktwirtschaft und parlamentarischen Verfahren klingt zunächst nach ideologiefreier, Parteigrenzen überwindender Ratio. Wenn dies dann noch der Rettung des Klimas und damit der Welt dient – also nach Auffassung vieler Klimaschützer dem einzigen Weg, das Überleben der Menschheit zu sichern –, könnte diskutiert werden, ob ein striktes „Follow the Science“ nicht ein höherrangiges Gut ist als die derzeitigen demokratischen Prozesse.

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Wissenschaftlichen Erkenntnissen unter Einschränkung von Grundrechten und zum Schaden der Wirtschaft zu befolgen, das ist keineswegs nur eine Utopie junger, klimabewegter Menschen. Auch der deutsche Verfassungsstaat praktiziert dieses Vorgehen. Die Corona-Politik folgt strikt den Vorgaben der Wissenschaft und nimmt dafür eine ganze Reihe Grundrechtseinschränkungen in Kauf – und auch den Irrtum, dass es in der Wissenschaft naturgemäß nie nur eine einzige Meinung gibt.

Doch wenn das Prinzip der Corona-Maßnahmen auf den Kampf gegen den menschengemachten Teil des Klimawandels angewandt würde, wäre auch hier einem höheren Ziel gedient. Denn zweifelsfrei sind sich unzählige Wissenschaftler darin einig, dass der Klimawandel durch Dürren, Unwetter und ansteigenden Meeresspiegel auf mittlere Sicht Millionen Menschen in Lebensgefahr bringen wird. Die gesellschaftliche Debatte wird zeigen, ob die Mehrheit der Menschen, ob die Mehrheit der Deutschen bereit wäre, ihre Wirtschaft weiter zu schwächen und die eigenen Grundrechte einzuschränken, um das Klima zu retten.

„Fridays for Future“ habe zwar verdienstvoll auf den Klimaschutz aufmerksam gemacht, die Slogans seien jedoch wirtschafts- und demokratiefeindlich

Quelle: picture alliance/dpa

Es gibt allerdings einen feinen Unterschied zwischen Corona-Politik und Klima-Politik. Bei den Grundrechtseinschränkungen zum Schutz vor der Pandemie geht es um das Überleben eines kleinen Teils der Infizierten. Diese aber bilden nur einen kleinen Teil der Weltbevölkerung. Man mag fragen: Wie viel selbstverständlicher lassen sich dann Grundrechtseinschränkungen fordern, wenn es nach Auffassung der Klimaschützer nicht um das Leben von Prozentbruchteilen der Menschheit geht, sondern langfristig um das Leben aller Menschen?

Der Unterschied liegt im Menschenbild beider Politiken. Trotz aller Rechtseingriffe setzt die Corona-Politik vor allem auf Einsicht und Selbstkontrolle jener Mehrheit der Bürger, die sie mit „Follow the Science“ vom Sinn der Maßnahmen überzeugt hat. Dagegen haben es die Klimaschützer in den Regierungen, bei den Gerichten und den bürgerschaftlichen Initiativen bis heute nicht vermocht, die Mehrheit zu überzeugen, sich selbst so konsequent zu beschränken, dass dem Klima wirksam geholfen wird.

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Wenn es sich bei „Follow the Science“ um eine ernsthafte Forderung handelt, kann diese sich nicht darauf beschränken, Einzelmaßnahmen in einzelnen Staaten zu fordern, sondern muss global handeln. Und folgt man ernsthaft der Wissenschaft, dann sind sichere Brückentechnologien wie blauer Wasserstoff und Kernenergie ebenso ein wichtiger Baustein zur Rettung des Klimas. Deren dogmatische Ablehnung durch einen erheblichen Teil der Aktivisten erweist dem Klimaschutz einen Bärendienst.

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Atomkraftwerk

Zur Erinnerung: Ein Tsunami, ein Naturphänomen hat das Kernkraftwerk in Fukushima zerstört und vielen Menschen das Leben genommen. An den unmittelbaren Folgen der Zerstörung des Atomkraftwerks ist hingegen nach übereinstimmenden Berichten bislang niemand verstorben. Anders ausgedrückt: Seitdem 1954 das erste zivile Atomkraftwerk im russischen Obninsk ans Netz ging, sind deutlich mehr Menschen an den Folgen des Klimawandels verstorben als an den Folgen der Kernkraft.

Es mag viele Gründe geben, auf Kernkraft zu verzichten, aber ein Kernkraftwerk ist vergleichsweise rasch stillgelegt, bevor der langwierige Abbau beginnt. Das Klima braucht jedoch ungleich länger, um sich zu erholen. Daher sollte Klimaschutz Priorität vor dem Atomausstieg haben. Auch darf die Sinnhaftigkeit der Abschaltung moderner und gut überwachter Kernkraftwerke in einem Land bei gleichzeitigem Bezug von Atomstrom aus veralteten und störanfälligen Kernkraftwerken gleich hinter der Grenze diskutiert werden.

Bis nächstes Jahr liefert das Kernkraftwerk Neckarwestheim noch Strom, dann wird es abgeschaltet. Ist das, was nach Fukuschima 2011 richtig war, im Klimaschutzsommer 2021 auch noch richtig?

Bis nächstes Jahr liefert das Kernkraftwerk Neckarwestheim noch Strom, dann wird es abgeschaltet

Quelle: Getty Images/imageBROKER RF

Wer nun gleichzeitig Klimaschutz und das Abschalten von Kernkraftwerken fordert, wer Grundrechtseinschränkungen befürwortet, weil der Wissenschaft gefolgt werden soll, muss sich gefallen lassen, auf Widersprüche hingewiesen zu werden. Es ist wichtig, das Klima zu schützen. Auf eine der größten Herausforderungen für die Menschheit des 21. Jahrhunderts in der öffentlichen Debatte aufmerksam gemacht zu haben, das ist zweifelsfrei das Verdienst von Fridays for Future. Wohl kaum eine andere Bewegung bringt so viele Menschen auf die Straße und ist in Talkshows, Politik und Medien so präsent.

Statt mit schön klingenden Slogans, die, zu Ende gedacht, wirtschafts- und demokratiefeindlich sind, könnte der dringend notwendige Klimaschutz mit der FFF-Macht auch einfacher erreicht werden. Neben einer moderaten Laufzeitverlängerung der sichersten Atomkraftwerke sind wirtschaftsfeindliche Maßnahmen in der westlichen Welt nicht zu beanstanden, wenn diese ebenfalls moderat sind. Wohl nur auf diesem Wege könnte die Mehrheit der Staaten zu ähnlichen Maßnahmen bewegt werden – schließlich ist FFF eine weltweite Bewegung.

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Im Übrigen wäre es die wohl effektivste Einzelmaßnahme, wenn Millionen junger Menschen lauthals verkündeten, keine in China hergestellten Waren zu kaufen, bis dort der Klimaschutz ernst genommen und umgesetzt wird. Dies könnte auch auf den Gewässerschutz ausgedehnt werden. Denn China ist nicht nur einer der größten Emittenten von CO2, sondern auch von Plastik in den Meeren.

Solange keine Turnschuhe, T-Shirts, Smartphones und Tablets – mit langen, CO2-intensiven Transportwegen – aus China gekauft werden, bis dort dieselben Umweltstandards in der Produktion gelten wie in Europa, dann müssten die unzähligen Klimaschützer dieser Erde sich aus Selbsteinsicht allerdings stark einschränken. Wenn es aber sexy wird, weniger zu besitzen, dafür aber nachhaltig Produziertes, wird die Welt sich dadurch zum Besseren ändern – und das Klima auch. Die Greta-Frage lautet, wie viele der engagierten Klimaschützer bereit wären, sich selbst für ihr Ziel nachhaltig einzuschränken, statt dies nur von anderen zu fordern.

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In jedem Falle wäre die Bereitschaft, den eigenen Konsum einzuschränken, nicht nur der effektivste und auch demokratischste Klimaschutz aller Zeiten. Solche Einschränkungen würden mehr für den Klimaschutz erreichen als die Ablehnung von Brückentechnologien und die Missachtung demokratischer Regeln. Klimaschützer sind auf eine hohe Glaubwürdigkeit angewiesen. Denn nur so vermögen sie, Einsicht, Selbstbeschränkung und Eigenengagement in einer demokratischen Mehrheit zu verankern. Das würde dazu führen, dass die Märkte der Konsumentenmehrheit folgen.

Hingegen führen Regulierungen und Forderungen an andere, die mancher Klimaschützer durch sein ganz eigenes Konsumverhalten selbst nicht erfüllt, kaum zu einsichtigen Mehrheiten. Der Slogan „Follow the Science“ wird nur dann zum effektiven Klimaschutz führen, wenn die Regeln der Demokratie geachtet und die Mehrheit durch glaubwürdiges Handeln und vor allem effektive Aktionen gegen Klimaschutz überzeugt wird.