Politik contra Wirtschaft – Mehr Transparenz beim Nutri-Score gefordert

Was treibt Sie am meisten um, wenn Sie an die Süßwarenindustrie denken?

Gitta Connemann: Die Schwarz-Weiß-Malerei. In der politischen Diskussion würde ich mir mehr Fachlichkeit und Wissenschaftlichkeit wünschen. Dazu gehört die Erkenntnis: Lebensmittel lassen sich nicht in gut oder schlecht einteilen. Es gibt nur ein Zuviel oder ein Zuwenig. Leider wird aber nicht ausreichend differenziert.

Wie meinen Sie das?

Gitta Connemann: Bei Debatten im Bundestag muss der Eindruck entstehen, dass es nicht mehr um Sachfragen der Ernährung geht. Von manchen Teilen der Politik wird das Thema zu einer Art Ersatzreligion erhoben. Das Ganze wird mit Ideologie garniert. Hier würde ich mir eine Rückkehr zu mehr Sachlichkeit und Normalität wünschen. Und wenn wir schon bei Wünschen sind. Es wäre wichtig, wenn endlich alle zur Kenntnis nehmen würden, dass wir in Deutschland auch Dank der Ernährungswirtschaft über eine schier unerschöpfliche Palette an bezahlbaren und überaus sicheren Lebensmitteln verfügen.

Und von der Süßwarenindustrie…..

Gitta Connemann: Süßwaren Made in Germany sind weltweit begehrt. Die Betriebe haben Grund, stolz zu sein. Und sollten dies auch zeigen. Die Branche sollte sich noch stärker beispringen. Kurzum: Stehen Sie zu dem, was Sie tun. Solidarisieren Sie sich.

Perry Soldan: Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir uns im „Krieg“ mit den zuständigen Behörden und den NGO’s befinden. Das ist für uns eine schwierige Situation. Ich möchte auf einen weiteren Punkt aufmerksam machen. Der Konsument ist der wichtigste Entscheider und wir leben von dem, was er bereit ist, für unsere Produkte zu zahlen. Ich glaube, dass es gute Ideen und Konzepte gibt, die hochwertigsten und besten Lebensmittel anzubieten, letztendlich steuert uns der Konsument, wofür er bereit ist zu zahlen. Hier stellt sich für mich die Frage, welches Selbstverständnis die Politik von dem Konsumenten hat. Ist der Konsument ein aufgeklärter Mensch? Sollte die Politik die Konsumenten mit Geboten und Verboten bevormunden?

Hat sich die Politik vom Leitbild des mündigen Bürgers verabschiedet?

Gitta Connemann: Es kommt darauf an. Manche Parteien scheinen keine mündigen Bürger mehr zu kennen. Die Union bekennt sich demgegenüber zu diesem Leitbild – auch in der Ernährung. Im September wird der neue Bundestag gewählt. Wir trauen jedem Bürger über 18 Jahre zu, dass er für vier Jahre eine Entscheidung trifft, die für unser Land wichtig ist. Derselbe Bürger soll dann aber aus Sicht einiger Parteien als Verbraucher nicht in der Lage sein, ein Müsli eigenverantwortlich auszusuchen. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Mein Fazit lautet: Eigenverantwortung dürfen wir den Bürgern zutrauen. 

Perry Soldan

Perry Soldan ist geschäftsführender Gesellschafter der Dr. C. Soldan GmbH mit Sitz im fränkischen Adelsdorf, die die Marken Em-eukal, Kinder Em-eukal Rheila, aecht Bayrischer Blockmalz und Original Bärengarten führt. 1923 entwickelte der Urgroßvater Dr. Carl Soldan die Em-eukal Bonbonrezeptur mit Menthol (Em) Eukalyptus (eukal). Heute beschäftigt das Familienunternehmen rund 230 Mitarbeiter und steht für einen Umsatz von 65,5 Millionen Euro. Jedes Jahr werden ca. 4.500 Tonnen Süßwaren produziert.

Wie denken Sie über das Preisbewusstsein?

Gitta Connemann: Ich halte mich an die Fakten. Es wird gerne behauptet, dass die Verbraucher bereit seien, viel Geld für höhere Standards auszugeben. Studien sagen aber das Gegenteil. Eine Untersuchung der Hochschule Osnabrück zum Beispiel hat ergeben, dass lediglich 16 Prozent der Einzelhandelskunden bereit sind, einen Tierwohlartikel anstatt konventionell erzeugter Ware zu kaufen. Die grundsätzliche Bereitschaft, im Test mehr Geld für solches Fleisch auszugeben, war also nur bedingt ausgeprägt. Der deutsche Verbraucher agiert sehr preisbewusst. 

Welche Rolle spielt die Bildung beim Einkauf?

Gitta Connemann: Eine zentrale. Der Verbraucher braucht beim Einkauf eine belastbare Entscheidungsgrundlage. Deshalb bin ich eine Verfechterin des Themas „Kennzeichnung“. Aber die beste Kennzeichnung hilft ohne entsprechendes Wissen nicht.

Gitta Connemann

Gitta Connemann (Rechtsanwältin) ist seit dem Jahre 2002 Mitglied des Bundestages. Seit 13. Januar 2015 ist sie stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag.

Können Sie darauf näher eingehen?

Gitta Connemann: Bildung ist zentral. Bildung und Aufklärung über das, was eine gute Ernährung ausmacht. Dies gilt insbesondere für schwächere Zielgruppen wie Kinder und Ältere denken. Im Alter nimmt Mangelernährung zu. Immer mehr Kinder sind übergewichtig. Ernährung ist hier ein Schlüssel. Und darum ist es nicht mehr in jeder Familie gut bestellt. Deshalb ist es für manche Kinder schwierig, gut zu essen. Mein Fazit lautet: Wir brauchen mehr Ernährungswissen und eine bessere Ernährungsbildung. Übrigens nicht erst in der Schule, sondern schon in der Kita.

Perry Soldan: Im Grunde sind wir deckungsgleich, wenn es um die Themen „Bildung“, „Aufklärung“ und „Physiologie“ geht. Der Mensch muss verstehen, dass er sich von morgens bis abends mit Produkten ernährt, die viele Kalorien haben, und er sich damit nichts Gutes tut. Von daher glaube ich auch, dass eine Überarbeitung des Schulsystems notwendig ist. Das Schulsystem sollte grundsätzlich junge Menschen mit einem Grundwissen in das Leben lassen, mit dem sie im Leben zurechtkommen, zusätzlich zur Vorbereitung für eine Professur oder eine Doktorandenstelle. Ich würde mir wünschen, dass herausgefunden wird, mit welchen Ernährungsthemen wir den Lehrplan in den Schulen ändern können.

Was sind Ihre weiteren Sorgen?

Perry Soldan: Früher hat mein Vater zwei Jahre im Vorfeld Rohstoffe und Material eingekauft. Das trauen wir uns heute nicht mehr zu. Wir kaufen heute Material für eine kürzere Zeit, weil wir davon ausgehen können, dass bis dahin keine neue Rechtsverordnung mehr umgesetzt werden muss. Damit nimmt man uns die Luft zum Atmen und zum Durchhalten. Ich möchte mein Familienunternehmen an die nächste Generation weitergeben, aber die Luft und der Weg dorthin werden immer dünner und steiniger.

Wie stehen Sie denn zum Thema „Nutri-Score?

Perry Soldan: Der Nutri-Score setzt für mich an der falschen Stelle an. Wir brauchen mehr Ernährungsbildung, nicht mehr Verbote. Die Informationen, die im Nutri-Score verarbeitet werden, sind bereits auf den Etiketten vorhanden. Doch der organisatorische und damit auch finanzielle Aufwand für uns wird größer: Inzwischen beschäftigen wir zwei Volljuristen, da es für einen mittelständischen Betrieb immer schwieriger wird, alle Auflagen umzusetzen.

Was stört Sie konkret am Nutri-Score?

Perry Soldan: Der Nutri-Score forciert eine Einteilung in gute und schlechte Lebensmittel, die es aus unserer Sicht so nicht gibt. Der Nutri-Score wurde von einer französischen Agentur konzipiert. Wir müssen die Lizenz dafür bezahlen, dass wir ihn auf der Verpackung anbringen. Das ist prinzipiell alles freiwillig. Allerdings erwartet der Handel den Nutri-Score von uns. Einige große Konzerne sind bereits im vergangenen Jahr vorgeprescht und haben das Label bereits auf ihre Packungen gedruckt, noch bevor die Verordnung überhaupt in Kraft getreten war. Der Druck auf uns zur Teilnahme steigt mit der Verbreitung des Labels. Ich muss jetzt alle Produkte umstellen, ob im LEH oder in der Apotheke.

Gitta Connemann: Ich verstehe Ihre Kritik. Der Nutri-Score wird der Komplexität von Lebensmitteln nicht gerecht. Deswegen waren die Ernährungspolitiker unserer Fraktion auch keine bedingungslosen Anhänger des Nutri-Scores. Das Max-Rubner-institut hatte im Auftrag unserer Ernährungsministerin Julia Klöckner ein eigenes Modell entwickelt. Das BMEL entschied sich dann aber für den Nutri-Score, nachdem sich die große Mehrheit der Verbraucher bei einer Umfrage dafür ausgesprochen hatte. Bei aller inhaltlichen Kritik am Nutri-Score: er hat die Verbraucher überzeugt. Allerdings haben wir jetzt einen Flickenteppich in Europa. Deshalb ist es ein großer Erfolg der deutschen Ratspräsidentschaft, dass sich die Mitgliedsstaaten auf ein EU-weites Vorgehen verständigt haben. Die EU-Kommission muss jetzt bis Ende 2022 Vorschläge für ein EU-weites Nährwertkennzeichnungssystem vorlegen. Es muss unser gemeinsames Ziel sein, auf der europäischen Ebene zu einer einheitlichen Kennzeichnung zu gelangen.

Perry Soldan: Für die Industrie wäre es viel leichter, wenn der Konsument die Verpackung umdreht und auf dem Etikett liest, welche Bestandteile das Produkt enthält. Dann kann er mit Wissen und Kompetenz für sich entscheiden, ob bei seiner jetzigen Lebenslage das Produkt richtig für ihn ist…

Gitta Connemann: Ich stimme Ihnen zu. Dafür müssten Verbraucher aber das Kleingedruckte verstehen und auf sich umsetzen können. Damit wären wir wieder bei den Themen Ernährungsbildung und -wissen.

Wird der Nutri-Sore uns weiter begleiten?

Gitta Connemann: Ja, das System gilt ja inzwischen in einigen Mitgliedsstaaten. Sollte sich die EU am Ende für eine andere Nähwertkennzeichnung entscheiden, wäre dies eine Übergangslösung gewesen. Allerdings könnte die EU sich auf für den Nutri-Score entscheiden. Alles ist offen. Dies gilt im Übrigen auch für die Ernährungsbranche. Ein Teil der Branche spricht sich gegen den Nutri-Score aus, ein anderer Teil führt diesen vorzeitig ein. Ich denke da zum Beispiel an unterschiedliche Getränkehersteller. Das war nicht besonders überzeugend.

Perry Soldan: Ich muss Ihnen recht geben. Beim Thema Nutri-Score hat es die Lebensmittelbranche nicht geschafft eine einheitliche Stellung zu beziehen und diese gut zu vertreten. Ich habe eine weitere Sorge: Ich habe oft den Eindruck, dass die Politik immer nur für die Großkonzerne arbeitet und den Mittelstand zu wenig im Blick hat.

Gitta Connemann: Ich möchte hier betonen, dass ich seit Jahren Mittelstandspolitik betreibe – im Übrigen auch für die klein- und mittelständischen Betriebe der Süßwarenindustrie. Deshalb bitte ich um Differenzierung. Es gibt nicht ‚die‘ Politik. Es gibt Bundes-, Europa-, Kommunal- und Landespolitik. Und es gibt auf jeder Ebene unterschiedliche Parteien. Diese Vertreter sollten Sie übrigens an ihren Taten messen. Allerdings ist es aber auch erforderlich, dass Sie, Ihre Kollegen sich zu Wort melden. Ein Beispiel: Zum Thema Lieferkettengesetz hat mich so gut wie kein Schreiben aus der Wirtschaft erreicht. Am Ende sind Sie auch als Branche gefordert, sich nicht nur durch exzellente Verbände vertreten zu lassen, sondern manchmal in schwieriger Lage Flagge zu zeigen.

Frau Connemann: Die Bundestagswahlen stehen im September an.

Hätten Sie denn Lust, in einer möglichen künftigen Regierung mitzuarbeiten?

Frau Connemann: Das schönste Amt habe ich bereits. Ich bin Bundestagsabgeordnete. Und damit frei, nur meinem Gewissen folgen zu können.

Durch das Interview führt LP-Redakteurin Andrea Kurtz.