Online – Tabus im Elfenbeinturm welcher Wissenschaft


Samstag, 24. Juli 2021

„Ich stelle fest, dass Sie sich  eher für Eliade als den Philosophen und Wissenschaftler interessieren“, sagt der Professor frostig. „Aber damit leisten Sie der Wissenschaft keinen Dienst. Außerdem stand Eliade dem Faschismus nahe. Wenn man über Eliade in den Dreißigerjahren spricht, spricht man über Eliade,  den Faschisten. Daher sähe ich Ihre Arbeit gerne im Bereich Faschismusforschung.“ Und: „Bringen Sie doch die Genderperspektive ein. Und Antisemitismus, darüber sollten Sie ein Kapitel schreiben.“ – „Ich weiß nicht, ob man Eliade für etwas einspannen soll, wofür er nicht unbedingt stand“, gibt der Student zu Bedenken. Ihm ginge es eher um die mystische Ideologie, die dieser damals vertrat, und „welche sich vom rumänischen Faschismus, wie ihn Corneliu Codreanu vertrat, unterscheidet.“ Lieber jetzt Widersprüche mit dem Professor, denkt sich Stefan Deleanu, Masterand der Geschichte, als später schlecht bewertet werden … 

Der Dialog aus Oleg Friesens Debüt-Roman „Im Elfenbeinturm aus Beton“ berührt ein sensibles Thema: Wie ist es bestellt um die Freiheit in Lehre und Forschung? Wie weit kann man gehen, wenn man eine eigene Meinung hat? Wo gibt es Zwänge oder Tabus, an denen nicht gerüttelt werden darf? Entweder in Ungnade fallen oder sich verleugnen müssen – in diesen Konflikt gerät sein Romanheld, der aus Rumänien stammende Stefan Deleanu, Geschichtsstudent an der Münchner Ludwig Maximilians Universität (LMU). „Mit seinem Freigeist stößt er an die Grenzen dessen, was man in der vermeintlich freien Wissenschaft unserer Tage noch denken und sagen kann“, provoziert der Autor. 

Der Zeitgeist diktiert

„Der Zeitgeist ist erbarmungslos.Wer sich nicht beugt, setzt seine Zukunft aufs Spiel,“ schreibt Friesen im Abriss des Romans. Der Autor muss es wissen. Er ist selbst Historiker und sein Studium hat er an der Münchner LMU absolviert. Auch die sonstigen Parallelen zum Roman sind unübersehbar: Wurzeln im ehemaligen Ostblock, doch aufgewachsen in Deutschland. 1991 in Lettland geboren, übersiedelte Friesen als Kind mit seinen Eltern nach Deutschland und studierte später Geschichte in Berlin und München. Geprägt haben ihn auch Auslandsaufenthalte in Osteuropa und im Kaukasus. Derzeit promoviert er an der Universität Wien über osteuropäische Geschichte. Was er noch mit seinem Romanhelden gemeinsam hat, ist seine Leidenschaft für Eliade. Und er mag Rumänien. 

Man fragt sich: Wie viel Autobiografisches steckt in dem Roman? Ob er selbst in Historikerkreisen derart angeeckt ist? „Hand aufs Herz, Herr Friesen: Sind Sie ein schwarzes Schaf in der Branche?“ – „Wahrscheinlich bin ich es“, antwortet dieser auf alle drei Fragen zugleich. Und bekennt: „Der Roman beruht auf meinen Erfahrungen als Masterstudent der osteuropäischen Geschichte in München.“ Darauf habe er „viel positives Feedback bekommen, auch von Historikern“, doch „natürlich aufgrund der Brisanz des Buches vertraulich.“ An der LMU München soll man sich darüber geärgert haben. „Vorhersehbar“, meint Friesen. Aus der ursprünglich geplanten Buchvorstellung für die ADZ entspinnt sich unverhofft ein  Dialog…  

Verengter Raum für freies Denken

Wie realistisch ist die eingangs beschriebene Szene, die das Hauptthema des Romans reflektiert: Anpassung bis zum Gehtnichtmehr oder Ende der Karriere, noch bevor sie begonnen hat? Und: Ist diese rigide Haltung der Professoren, wie man Forschung zu betreiben hat, typisch deutsch? 

„Es basiert auf meinen persönlichen Erfahrungen, aber ich stelle keinen Anspruch auf Wahrheit, zumal es ja ein Roman ist“, meint der Autor diplomatisch. „Daher spielt natürlich mein Empfinden eine große Rolle. Zum ‚typisch Deutschen‘: Auch wenn man andere Bereiche – Journalismus! – betrachtet, sieht man, wie sich der Raum für freies Denken verengt. In Deutschland passiert das – im Kontrast zu Österreich, wo ich gerade wohne – sehr dramatisch.“ Betroffen sei jedoch die „ganze progressive Universitätswelt“, erklärt er. „Also auch Harvard. Die deutschen Unis sind übereifrig, um da mitzuhalten.“

Was  schreibt der Zeitgeist jungen Forschern gerade vor? Im Roman bemerkt Stefan frustriert über die Lehrenden: „Ich dachte mal, man könnte mit diesen Menschen diskutieren und sie würden unterschiedliche Sichtweisen respektieren.“ Und zieht einen verblüffenden Vergleich: „Irgendwie erinnert alles daran, was mein Vater über die Universität in Rumänien erzählte.“ Damals mussten alle wissenschaftlichen Arbeiten mit Zitaten von Marx und Engels und – natürlich – von Nicolae Ceaușescu, dem „großen Führer des rumänischen Volkes“ versehen sein. „Jetzt müssen wir die Postkolonialisten und Gender-Ideologen zitieren…“ 

Das Drama der modernen Geschichtswissenschaft sei, erklärt hierzu Friesen, „dass ideologische, auf dem Marxismus basierende Theorien zur Mode wurden. Stichwort – Foucault.“ Gemeint ist der französische Poststrukturalist, Historiker, Soziologe und Psychologe Paul-Michel Foucault (1926-1984). Wer diese Methoden nicht benutze, dem werde Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen, musste auch Friesen am eigenen Leib erfahren. „ Meine Eltern haben in der Sowjetunion studiert. Ohne Zitate von Marx, Engels, Lenin und sogar Breschnew war eine Doktorarbeit zu egal welchem Thema ‚unwissenschaftlich‘, ja ‚schädlich‘. Wer nicht zitiert, ist suspekt. Bei uns ist suspekt, wer Michel Foucault ablehnt – ich zum Beispiel“, fügt er an.

Wie weit darf Meinungsfreiheit gehen?

In seinem Roman geht Friesen auch mit Deutschland immer wieder hart ins Gericht. „Was die Uni angeht, ja, die Linken sind in allen Positionen hier“, bemerkt im Roman ein Student, der sich dann als ehemaliger AfD-Hochschulsprecher entpuppt. Allen, die anders denken, werde Faschismus vorgeworfen. Stefan stimmt zunächst zu. Und ergänzt: „… wie aggressiv die gegenüber Andersdenkenden sind. Dabei schreiben sie sich doch Meinungsfreiheit auf die Fahne!“ 

Das anfänglich freundschaftliche Gespräch entgleist jedoch, als Stefan die rechtsextreme Partei Alternative für Deutschland (AfD) im Zusammenhang mit einer Aktion gegen ein Holocaust-Denkmal kritisiert. „Provokation erreicht Menschen“, kontert der Kommilitone. „Welche Menschen willst du erreichen?“ erwidert Stefan. „An welche niedrigen Instinkte richten sich solche Botschaften?“ Das Gespräch beendet der andere, als er erkennt, dass er Stefan nicht anwerben kann: „Gibt nichts mehr zu reden. Hab mich in dir getäuscht“.

Immer wieder werfen solche Dialoge die Frage auf, wie weit kann – oder darf – Meinungsfreiheit gehen? Aber auch, ob eine fruchtbare Diskussion mit ideologisch geprägten Menschen denn überhaupt möglich ist. Im Roman geht sie schief, sobald Stefan der AfD den Spiegel vorhält… „Ich glaube daran, dass nur aus Diskurs etwas entstehen kann“, meint hingegen Oleg Friesen, der sich selbst als liberal outet. „Was man sagen darf und was nicht, entscheidet in unserer Demokratie bitte das Verfassungsgericht – und nicht die öffentlichen Moralhüter.“ 

Tabus und akademischer „Newspeak“

Die deutsche Geschichtswissenschaft sei nach links abgedriftet, meint Friesen. Die bürgerlich gewordenen Alt-Achtundsechziger hätten „ihr linkes Gedankengut mitgenommen“, um damit die kommenden Generationen zu erziehen, so seine Theorie. „Links ist für mich ein Extrem“, stellt er klar. „Es duldet keine Gegenmeinungen. Sozialismus würde in der Theorie ja nur funktionieren, wenn alle mitmachen. Ich will aber nicht.“  

Auf die Frage nach anderen Zwängen und Tabus meint Friesen: „Tabus gibt es viele. Ich würde gar von verbotenen Begriffen sprechen, wie ‚Volk‘. Diese Begriffe werden durch den neuen akademischen ‚New-speak‘ ersetzt, der den Anspruch hat, auch in die Gesellschaft einzudringen, was nach und nach passiert.“ 

Im Roman wird dies deutlich, als Stefan von einer Dozentin angegriffen wird, die das Konzept der Nation infrage stellt. Er bringt Argumente dafür, warum Polen vielleicht doch eine Nation sein könnte, doch sie bügelt seine Einwände diskussionslos und ziemlich emotionell ab. Wieder einmal hat sich Stefan einen schwarzen Punkt bei den Lehrenden eingehandelt. 

Assoziiert man denn Nation automatisch mit Nationalismus? Friesen bestätigt: „Das ist wieder Ideologie. Laut dem Poststrukturalismus ist alles, was wir als Gesellschaft betrachten, lediglich konstruiert. Die Nation ist somit ein Hirngespinst von ihrerseits Ideologen, die sich dieses Konzept mal im 18. und 19. Jh. überlegt haben. Wer widerspricht, ist selber ‚Nationalist‘. Oft gegen mich gehört, diesen Vorwurf“, bekennt er freimütig. 

Wo liegt dann die Wahrheit?

Im Roman reist Stefan nach Bukarest. Dort macht er eine seltsame Bekanntschaft. Konspirativ übergibt ihm ein rumänischer Professor – Physiker, nicht Historiker – ein Buch, das er selbst über Eliade verfasst hat. Und beschwört ihn eindringlich: „Schreiben Sie die Wahrheit!“ Was meint Oleg Friesen in diesem Sinne mit Wahrheit? 

„Dass Eliade nicht wirklich Faschist war.“ Auch will er damit verdeutlichen, dass Eliade eben nicht aus den Perspektiven der modernen Methode betrachtet werden soll. „Diese bietet keinen Platz für Magisches“, um das es in seinen Werken eigentlich geht. Jede Zeit hat ihre Vorbilder, lässt Friesen in dem Roman Stefan philosophieren, und diese müssten vor dem Kontext ihres Zeitgeistes bewertet werden. 

Kann man dem bedingungslos zustimmen? Denken wir an das Dritte Reich: Wie begegnet man diesem Konflikt, wenn man eine als kontrovers geltende historische Person – etwa Hitler, Antonescu, Ceaușescu – ernsthaft studieren wollte?

„Die Taten der von Ihnen genannten Personen sprechen für sich“, entgegnet Friesen auf diese Überlegung. Doch „um Geschichte zu rekonstruieren – und daraus zu lernen – müssen wir, finde ich, uns erst mal vorurteilsfrei mit dem Menschen beschäftigen und – jetzt kommt etwas christliche Moral, jeder ist Mensch.“

Geschichte als politischer Hammer

Wird Geschichte auch politisch instrumentalisiert? Worin unterscheiden sich darin Deutschland und Osteuropa? Fragen, die sich an einer weiteren  Schlüsselstelle aufdrängen: In einem Workshop namens „Saving History“ mit Mainstream-Vorträgen zum Thema „Unterdrückung der freien Wissenschaft in Osteuropa“ fragt Stefan Deleanu, wa-rum man denn nicht auch die Gegenseite anhöre. Die Dozentin kontert spitz: „Weil die Herren, die Sie einzuladen wünschen, gegen all das stehen, wofür wir stehen. Wir stehen für die freie Wissenschaft in diesem Hause.“ „Ist freie Wissenschaft nicht auch Diskurs?“sagt Stefan – und eckt schon wieder an.

„Wie komisch es klingen mag“, meint Friesen auf diese Frage, so „wird auch in Deutschland Geschichte als Hammer in der Politik genutzt. Ein Professor hat mal im Interview Ranke zitiert, ‚Ein Historiker muss zeigen, wie es wirklich war‘, und danach eindringlich gesagt, Nationen seien konstruiert. Merken Sie? Er sprach, als sei es eine hundertprozentige Wahrheit, nicht Theorie. Daher müsse Viktor Orban ja ein schlechter Mensch sein, denn um ihn ging es.“

Was sollte sich seiner Ansicht nach in Forschung und Lehre ändern? Die im Roman beschriebenen Methoden dürften nicht die einzigen sein, meint hierzu Oleg Friesen. Studenten sollten selbst entscheiden können, ob sie Foucault zitieren oder nicht, ob sie gendern wollen oder nicht. Und es dürfe keine Tabus geben. „Länder müssen bereit sein, sich den dunklen Kapiteln ihrer Geschichte zu stellen.“ 

Für Osteuropa hält er in diesem Sinne eine besondere Herausforderung parat. Fast spürt man ihn zwischen den geschriebenen Zeilen lächeln: „Eine gemeinsame rumänisch-ungarische ‚Istoria Transilvaniei‘. Wäre doch mal was?“