Online-Psychoterror am Arbeitsplatz und Ekel-Chats – Schüler aus Ebersberg Kontakt haben dasjenige Problem

Die Welt des Online-Mobbings und Cyber-Grooming scheint Erwachsenen oft weit weg. Erfahrungen von Ebersberger Mittelschülern zeigen: Das Thema ist sehr nah.

Ebersberg – Die Geschichte handelt von Sarah. Das 14-jährige Mädchen hat ein Problem. Alle Freunde, und auch ihr älterer Bruder, haben feste Beziehungen, nur Sarah nicht. In ihrer Einsamkeit greift das Mädchen einen Tipp auf und sucht eigenhändig im Internet nach eben einer so sehnlich erhofften, festen Beziehung. Sie gerät dabei an einen „Typen“, der, wie sich später herausstellt, deutlich älter ist, Sven heißt und sich „Sonnenkönig“ nennt.

Sarah und ihre ältere Freundin Rebecca verschicken schließlich, nichts Böses ahnend, Bilder von sich. Immer wieder fragt der Sonnenkönig nach neuen Fotos. Nach und nach sammelt Sven so Daten über seine Chatbekanntschaften. Und schafft es mit Beharrlich- und Skrupellosigkeit, immer mehr immer persönlichere Informationen zusammenzutragen.

Roman-Geschichte: Fast alle Schüler haben reale Erfahrungen mit unangenehmen Nachrichten aus dem Netz

Inzwischen aber ist Sarah verliebt. Und bemerkt dabei gar nicht mehr, längst manipuliert zu werden. Sie und Sven, der Sonnenkönig, chatten bereits auf einer privaten Plattform. Schließlich kommt es sogar zu einem echten Treffen bei Sven. Und erst dort bemerkt das Mädchen, dass sie nicht an einen lieben netten Burschen geraten ist, sondern an einen Pädophilen.

„Im Chat war er noch so süß“ hat Annette Weber ihr Jugendbuch genannt, in dem es genau um solche Dinge geht, wie sie ihrer Romanfigur Sarah widerfahren sind. Es ist, reiner Zufall, eine andere, diesmal echte Sarah, die stellvertretend für die gesamte Schulklasse die Geschichte aus dem Jugendbuch erzählt, das die 8c/m an der Mittelschule in Ebersberg gerade mit ihrer Klassenlehrerin Yaqeline Kühnel behandelt.

Diskussion an der Mittelschule Ebersberg mit der Opferhife „Weißer Ring“

Die Studienrätin belässt es nicht beim Lesen, sondern hat das Thema „Internet und Gefahren aus dem Internet speziell für junge Menschen“ gewissermaßen eingebettet in ein Projekt, an dem auch die Kreisgruppe der Opferhilfe „Weißer Ring“ beteiligt ist.

Unmittelbar nach der ersten Lektüre diskutieren die Achtklässler schon mal, welche Reaktion richtig gewesen wäre, um es nicht so weit kommen zu lassen, wie es Sarah aus dem Roman widerfahren ist. Es fällt auf, dass es die Mädchen sind, die sich scheuten, die Polizei zu informieren; aus Angst vor Reaktionen der eigenen Eltern. Anders die Buben, berichten die Lehrerin und die Mittelschüler. Ihre Bereitschaft, sich der Polizei zu offenbaren, sei damals, unmittelbar nach der Erstlektüre, deutlich größer gewesen.

Und heute, im Abstand von einigen Tagen? Inzwischen, berichten die jungen Leute der 8 c/m, scheinen alle davon überzeugt zu sein, dass es der beste Weg sei, sich frühzeitig Erwachsenen anzuvertrauen, um erfolgreich einen Weg herauszufinden aus den Zwängen des Internet-Chattens.

„Ist die Story im Roman wirklich realistisch?“, will der Reporter der Heimatzeitung bei einem Besuch im Zusammenhang mit dem jetzt abgeschlossenen Projekt wissen. Die Antworten der SchülerInnen sind eindeutig: Ganz klar Ja.

Unappetitliche Nachrichten, Fotos und Anrufe: Das kennen Schülerinnen und Schüler aus eigener Erfahrung

Erfahrungen mit Freundschaftsanfragen, wie sie Sarah aus dem Roman erlebt hat, kennt offenbar jeder und jede aus dem Klassenverbund der 8 c/m. Oder die Jugendlichen sprechen zumindest von Freundinnen, die Ähnliches bereits erlebt haben. Mädchen und Buben, berichten sie, werden immer wieder von Unbekannten angeschrieben. Die Rede ist auch von Anrufen mit wahrlich unappetitlichem Gestöhne im Hintergrund. Die Ebersberger Schüler sprechen offen davon, selber bereits anzügliche Fotos junger Menschen vom jeweils anderen Geschlecht erhalten zu haben.

Das sagt der Weiße Ring zum Thema „Cybermobbing“

Die Bundesgeschäftsstelle des Weißen Rings (WR) hat eigens für Cyber-Delikte eine Infobroschüre aufgelegt. Und auf drei wichtige Online-Adressen, wo Hilfe angeboten wird: www.juuuport.de; www.klicksafe.de; www.saferinternet.at

Erstmals hat die WR-Kreisgruppe nun an der Mittelschule Ebersberg Achtklässler im Rahmen einer Präventionsveranstaltung geschult. Die stellvertretende Außenstellenleiterin Carola Baumgartner erklärte, wie Mobbing und speziell Cybermobbing abläuft und was jeder und jede dagegen machen kann.

Mobbing, sagte sie, funktioniere stets nach den gleichen Regeln. Es gebe den Täter (der durchaus auch weiblich sein könne) und das Opfer. Aber auch „Handlanger“ des Täters, denen wiederum Mitläufer folgen. In so einem Mobbing-System seien jedoch der größte Teil, nämlich bis zu 80 Prozent, passive Zuschauer.

Mithilfe eines kleinen Films wurde gezeigt, dass der beste Weg raus aus dem Mobbing-System sei, Freunde, Verbündete, auch Eltern und Lehrer des Vertrauens zurate zu ziehen. Und, wenn nichts anderes gehe, auch die Polizei und den Weißen Ring.

Im Landkreis Ebersberg ist er unter der Nummer (0151) 551 64 666 zu erreichen. Alleine, hieß es, komme man leider gegen Cybermobbing nicht an.

Die Weiße-Ring-Broschüre gibt zudem folgende Hinweise:

Reagiere und antworte nicht auf fiese Kommentare. Lass dich nicht runterziehen. Zeig, dass du nicht allein bist. Sperre bzw. blockiere Kontakte, die dich belästigen. Sichere Beweise. Sei in den sozialen Netzen zurückhaltend mit persönlichen Informationen. jödo

Ein Mädchen aus der Klasse schildert, dass eine in diversen Chaträumen mit den Worten „schönes Bild“ kommentierte Aufnahme schon ausreiche, um elektronisch Post zu bekommen, die man nicht haben wolle. Von Unbekannten, womöglich Älteren, aber eben auch von gleichaltrigen Nutzern sozialer Medien.

„Nicht wir Kinder sind schuld, sondern die, die so krank in den Köpfen sind“

Wie andere Internetnutzer an die Telefonnummern der jungen EbersbergerInnen gekommen sind? In den meisten Fällen scheinen die technisch keineswegs unversierten Mädchen und Buben leider auch keine schlüssigen Erklärungen dafür zu haben.

Besonders schlimm sei es im Winter, hören die Klassenlehrerin und die Schulsozialarbeiterin Melanie Eglseder. Und staunen, dass die Romanstory viel mehr Parallelen aufweist mit dem realen Leben hierzulande, als man anfangs noch befürchtete. „Es hilft auch nicht, wenn man von sich nichts preisgibt, man bekommt trotzdem Nachrichten“, erzählt ein anderes Mädchen. Während eine ihrer Klassenkameradinnen, nicht zu Unrecht, die anklagt, die gerade gar nicht im Raum sitzen: „Nicht wir Kinder sind schuld, sondern die, die so krank in den Köpfen sind“, sagt sie. Und erntet ungeteilte Zustimmung.

Da scheint es nur ein schwacher Trost zu sein an diesem Vormittag in einer Doppelstunde der achten Klasse im M-Zug, als ein Bub davon berichtet, dass auch schon seine Eltern und Großeltern Adressaten unerwünschter, in jedem Fall zweifelhafter Chatnachrichten geworden sind.

Geld für Spiele im Netz und viele Stunden online Zeit

Gut die Hälfte der Klasse, findet Yaqeline Kühnel heraus, gibt Geld für Internetspiele aus. Eine der gängigen Wege, um mit anderen, Freunden wie Unbekannten, in Erstkontakt zu kommen. Geld, das sich die meisten übrigens durch Jobs dazuverdienen wie das Austragen von Zeitungen.

Stimmt es mit den eigenen Erfahrungen überein, wenn Wissenschaften festgestellt haben, dass Jugendliche in Coronazeiten die tägliche Handy-Nutzungsdauer bei irgendwo bei acht Stunden angekommen ist?, will der EZ-Redakteur wissen. Die 13-/14-Jährigen überlegen ihre Antworten nur kurz. Am Ende gibt es auf diese Frage vielstimmig Bestätigungen.

Hintergrund

Das Buch „Im Chat war er noch so süß“ ist im Buchhandel bestellbar. Es gibt Taschenbücher vom ersten und zweiten Teil sowie E-Book-Vorlagen

Engagiert zum Wohle der Jugendlichen: Martin Ache, Carola Baumgartner (beide Weißer Ring), Yaqeline Kühnel und Melanie Eglseder (beide Mittelschule). 

© jödo

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