Online-Dating: Blitzurteil und Kipp-Zähler sind entscheidend

Die Liebe findet man heute vor allem im Internet. 43 Prozent aller frischen Beziehungen entstanden laut einer Umfrage aus dem Jahr 2020 in Flirt-Apps und auf Datingportalen, bei den über 50-Jährigen sucht schon jeder Dritte digital nach einer Partnerschaft. „Online ist das neue Klassisch“, sagt auch Pia Kabitzsch, Psychologin und Wissenschaftsjournalistin. Sie datet selbst online – und verzweifelte in der Vergangenheit regelmäßig daran. Denn wie soll man es überhaupt angehen, welche Erwartungen haben, worauf bei der Selbstdarstellung achten, wie kommunizieren? Kabitzsch wünschte sich eine Anleitung, am besten wissenschaftlich fundiert. Also schrieb sie selbst eine, recherchierte dafür relevante Studien und Umfrageergebnisse. Ihr Buch „It’s a Date! Tindern, Ghosting, große Gefühle. Was die Psychologie über Dating weiß“ (Rowohlt Taschenbuch) ist eine Mischung aus Flirt-Lexikon und amüsanten Einblicken in das Dating-Leben der Autorin. Ihr vielleicht wichtigster Rat: „Druck und Stress rausnehmen! Mir hat es geholfen, das Ganze etwas rationaler anzugehen.“ Mit den folgenden Erkenntnissen von Kabitzsch könnte das jedem gelingen.

Das Blitzurteil entscheidet

„Das perfekte Profil beim Online-Dating gibt es nicht, denn für jeden ist etwas anderes perfekt. Man kann bei der Auswahl seiner Fotos aber die Studie der Psychologen Janine Willis und Alexander Todorov im Hinterkopf behalten: Sie fanden heraus, dass wir innerhalb von 100 Millisekunden ein Blitzurteil über andere Menschen fällen. 0,1 Sekunden, das ist schneller als ein Wimpernschlag! So schnell entscheiden wir, ob die andere Person uns vertrauenswürdig erscheint.

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Wahrscheinlich ist das evolutionär bedingt, es hat etwas mit unserem Urinstinkt zu tun. Kann ich bleiben, oder muss ich rennen? Es geht noch gar nicht darum, ob wir das Gegenüber attraktiv finden, sondern darum, ob es echt und authentisch wirkt – das erhöht unser Vertrauen. Deshalb sollte man Aufnahmen online stellen, die nicht gestellt wirken, am besten keine Bilder aus dem Fotostudio. Man sollte auch klar und deutlich zu sehen sein, nicht von der Seite oder von hinten. Ideal sind spontane Schnappschüsse aus dem Leben.“

Nein, der Profiltext ist nicht egal

„Das Bild ist entscheidend für den ersten Eindruck, für den intuitiven Check, ob mir der andere sympathisch ist. Aber eine Untersuchung aus 2021 legt nahe, dass Menschen erst anhand des Textes entscheiden, ob sie sich romantisch zu der Person hingezogen fühlen und sich vorstellen könnten, ein Date auszumachen. In Zahlen: 80 Prozent der Zeit, die sich Versuchsteilnehmer für die Betrachtung eines Profils nahmen, richteten sie ihre Aufmerksamkeit auf die Beschreibung. Viele denken, beim Online-Dating gehe es nur um das Aussehen. Dabei hat man selbst in der Hand, wie oberflächlich es ist: Indem man in seinem Profil erste Einblicke in das eigene Leben gibt. Was macht man, was sucht man? Bilder und Text sollten dabei zusammenpassen. Wer Fotos von sich auf der Couch hochlädt und sich als ‚unternehmungslustig‘ anpreist, wird nicht besonders authentisch wirken.“

Wie schnell soll man sagen, was man wirklich sucht?

Hier sind ja gar nicht alle Single

„Fakt ist: Viele Menschen auf Dating-Seiten sind gar nicht auf der Suche nach Dates. Bei Tinder zum Beispiel ist nur die Hälfte der jungen Nutzer Single, ergab eine repräsentative Studie der Universität Flensburg aus 2020. Die Hälfte! Alle anderen haben bereits eine feste oder offene Beziehung. Bei älteren Menschen dürfte das nur etwas besser aussehen. Warum das so ist? Die Wissenschaftlerinnen Elisabeth Timmermans und Elien De Caluwé haben herausgefunden: Viele loggen sich ein, weil ihnen langweilig ist, sie sich ein bisschen Austausch oder einen kleinen Flirt wünschen. Wirklich jemanden kennenlernen wollen sie nicht. Deshalb passiert es so häufig, dass Gespräche schnell im Sand verlaufen oder man erst gar keine Antwort bekommt – vielleicht wollte die andere Person nur einen kleinen Schub für ihr Ego.“

Bloß nicht zu viel „Ich“ in der ersten Nachricht

„Die Wissenschaftler Valentin Schöndienst und Linh Dang-Xuan haben 2011 fast 170.000 Nachrichten auf einem Datingportal linguistisch analysiert. Aus ihren Ergebnissen kann man einige Tipps für die erste Nachricht ableiten, zum Beispiel: Männer reagieren eher auf kurze Nachrichten von Frauen, Frauen hingegen antworten häufiger auf lange Nachrichten von Männern. Das dürfte daran liegen, dass Frauen Kommunikation für eine Beziehung durchschnittlich als wichtiger empfinden als Männer. Ähnlich allergisch reagieren beide Geschlechter auf zu viele Ich-Botschaften. ‚Ich reise gern, ich mag Bücher, ich bin seit einem Jahr Single‘ – solche selbstbezogenen Nachrichten werden seltener beantwortet als jene, in denen häufig Du und Dir vorkommen. Denn das signalisiert Interesse. Auf die Goldwaage legen sollte man das alles aber nicht, bei den Studienergebnissen handelt es sich um Durchschnittswerte, und natürlich gibt es auch Männer, die sich über lange Nachrichten freuen, und Frauen, die auf kurze antworten.“

Pia Kabitzsch erklärt Psychologie auf ihrem Youtube-Kanal „psychologeek“ für funk von ARD und ZDF unterhaltsam

Quelle: Benjamin Brüggemann

Schöne Männer antworten häufiger

„Attraktive Frauen bekommen viele Nachrichten, deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, dass man eine Antwort von ihnen bekommt, kleiner als bei weniger attraktiven Frauen. Aber bei Männern zeigt sich an den Ergebnissen der Wissenschaftler Schöndienst und Dang-Xuan die gegenteilige Tendenz: Je attraktiver der Mann ist, desto eher wird er antworten. Vermutlich hat es etwas damit zu tun, dass viele Frauen denken, ein schöner Mann werde mit Kontaktanfragen überschwemmt – deshalb versuchen sie es erst gar nicht bei ihm. Weil sie so wenig Andrang erleben, können gut aussehende Männer gar nicht so wählerisch sein. Doch egal, wie gut der oder die andere aussieht, mein Rat lautet: Bei Interesse sollte man einfach schreiben. Dadurch verliert man nichts, schlimmstenfalls bekommt man keine Antwort.“

Man muss den Kipp-Punkt erwischen

„Wenn sie online hin- und herschreiben, öffnen sich viele Menschen schneller. Sie fühlen sich im Internet etwas anonymer, können sich bei der Antwort Zeit lassen und geben mehr über sich preis als offline. Deshalb kann es schon nach kurzer Zeit intim werden, der Psychologe Joseph Walter spricht von ‚hyperpersönlichen Beziehungen‘. Je länger man schreibt, desto mehr idealisiert man den anderen aber auch gedanklich. Man muss den Punkt abpassen, ab dem es kippen könnte: Nähe aufbauen, aber sich das Gegenüber noch nicht als zu toll ausmalen. Die Wissenschaft sagt, dass dieser Zeitpunkt irgendwo zwischen dem 17. und 23. Tag ab der ersten Nachricht liegt – dann sollte man sich treffen. Manchen mag das zu lange dauern, anderen zu kurz sein. Mitnehmen kann man, dass es wichtig ist, sich zu Beginn eine Weile zu schreiben.“

Zu wählerisch? Zu emanzipiert?

Tolle Frau, aber kein Mann in Sicht. Woran liegt das?

Action hilft beim ersten Treffen. Ein bisschen

„Man liest in Flirt-Ratgebern häufig vom ‚Hängebrücken-Effekt‘. Er geht auf eine fast 50 Jahre alte Studie zurück. Zwei Sozialpsychologen ließen 1974 Männer von einer ‚attraktiven‘ Frau ansprechen. Die eine Gruppe stand dabei auf einer wackeligen Hängebrücke, die andere auf einer sicheren Brücke. Die Frau gab allen ihre Nummer für Rückfragen, erhielt jedoch mehr Anrufe aus der Hängebrückengruppe. Daraus schlussfolgerten die Wissenschaftler, dass diese Männer wohl ihre körperliche Aufgeregtheit auf die Frau projiziert hatten. Sie also vermutlich dachten, ihre Knie schlottern wegen ihr und nicht etwa aufgrund der wackligen Brücke, auf der sie sich befanden. So entstand der Mythos, dass man sich mit Adrenalin im Körper leichter verliebt – weil man das mit Verknalltsein verwechselt. Aber dieser Effekt konnte bis heute so nicht noch einmal nachgewiesen werden. Ich würde trotzdem empfehlen, etwas Aufregendes miteinander zu unternehmen. Das schweißt sicherlich mehr zusammen als ein gemeinsamer Kaffee, außerdem liefert es Gesprächsstoff, weil etwas um einen herum passiert.“

Kontaktabbruch? Ist unschön, aber normal

„Es kommt leider häufig vor, dass ein Flirt plötzlich und ohne jede Erklärung den Kontakt abbricht. Das nennt sich ‚Ghosting‘, fast jeder Fünfte in Deutschland hat das laut einer Umfrage unter 5600 Teilnehmern schon erlebt. Warum Menschen so etwas tun? Die wichtigste Erkenntnis aus einer Studie zu den Gründen, die 2020 durchgeführt wurde, lautet: Oft hat das nichts mit der betroffenen Person zu tun, sondern liegt am ghostenden Part oder der Dating-Plattform. Manchmal schreiben und treffen die Ghostenden zum Beispiel mehrere Personen und vergessen einige ihrer Kontakte ‚aus Versehen‘, manchmal melden sie sich schlicht aus Zeitnot nicht mehr. Als Geghosteter lange darüber zu grübeln, ob man einen Fehler gemacht hat, lohnt sich deshalb nicht.“

„It‘s a Date“ von Pia Kabitzsch ist bei Rowohlt Taschenbuch erschienen (256 Seiten, 12 Euro)

„It’s a Date” von Pia Kabitzsch ist bei Rowohlt Taschenbuch erschienen (256 Seiten, 12 Euro)

Quelle: Rowohlt

Aufgezeichnet von Anna Eube

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