Olympionomics: Tokyo qua Warnung z. Hd. die Wirtschaft

  • VonCarsten Brzeski

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Was Unternehmen und Politik vom Abschneiden des deutschen Olympia-Teams lernen können. Die Gastwirtschaft.

Ob Soccernomics – die Verbindung zwischen Fußball und Wirtschaft – nur der Phantasie Fußball liebender Ökonomen zuzuschreiben ist oder analytisch beweisbar ist, bleibt offen. Fakt ist, dass es im Falle Deutschlands viele Parallelen zwischen Aufschwung und Leistung der Fußballnationalmannschaft und der Konjunktur gibt. Besser noch als Soccernomics ist Olympionomics. Denn hier gibt es mit 33 Sportarten einen viel breiteren Eindruck der sportlichen Leistungsstärke eines Landes mit den dazugehörigen Lehren für die Wirtschaft.

Der Absturz Deutschlands im olympischen Medaillenspiegel hat die Gemüter nur kurz beschäftigt. Neunter Platz im Medaillenspiegel, hinter den Niederlanden und Frankreich. Die wenigsten Medaillen und wenigsten Goldmedaillen seit der Wiedervereinigung. Schönzureden gibt es hier wenig. Auch wenn im Sport Glück eine Rolle spielen kann oder manche Medaille knapp verfehlt wird: Deutschland hat sich aus der Spitzengruppe verabschiedet.

In den letzten knapp 30 Jahren war deutsches Sport-Know-How ein echter Exportschlager. Viele Trainer zogen in die Welt hinaus und andere Länder konnten die Lücke schließen. Mittlerweile haben uns viele Länder überholt und mit den eigenen Waffen geschlagen. Die Niederländer haben vor Jahren bewusst alle Kräfte auf nur ein paar Sportarten gesetzt, haben investiert in Sportler, Trainer und Trainingsstätten und in Tokio mehr als die Hälfte ihrer 36 Medaillen im Schwimmen, Rudern und Radsport gewonnen. Mit hoher und geförderter Leistungsbereitschaft, State-of-the-Art Trainingsmethoden und einer guten Portion Spaß haben viele Länder Deutschland sportlich den Rang abgelaufen.

Der Medaillenspiegel von Tokio sollte eine weitere Warnung für die deutsche Wirtschaft sein, die in internationalen Rankings immer weiter zurückfällt. Auf dem Gebiet der Wettbewerbsfähigkeit ging es seit 2017 weiter nach unten. Bei der Digitalisierung wurde der Rückstand zur europäischen Spitzengruppe zwar stabilisiert, aber nicht wett gemacht. Investitions- und Innovationsstau lassen sich nicht ewig mit Erfolgen (und Strukturen) aus der Vergangenheit kaschieren. Nur mit Blick über den Tellerrand und einer Strategie, wo und wie künftige Erfolge eingefahren werden können, kann es im Medaillenspiegel wieder nach oben gehen. Sportlich und wirtschaftlich.

Der Autor ist Chefvolkswirt der Bank ING in Frankfurt.