Nürnberger Zeichner hat verschmelzen Comicstrip verbleibend Scatman John gemacht. – München

Schon mal von Scatland gehört? Dort leben nur liebevolle, fürsorgliche Menschen, “die noch nie von politischer Korruption, Klassenunterschieden, Krieg und all dem anderen Zeug gehört haben”. Wo Scatland liegt? Nun, man muss “nur die Augen schließen, sich etwas wünschen, selbst umarmen und schon bist du zur Hälfte da”. So erklärt oder besser singt es Scatman John im “Song of Scatland”, der 1995 auf dem Album “Scatman’s World” erschien. Mit ähnlichen Worten erzählt der US-amerikanische Sänger und Musiker das auch im Buch “Who’s the Scatman?” des Nürnberger Comic-Zeichners Jeff Chi. Da sieht man ihn in der Show “MTV’s Most Wanted” dem Moderator Ray Cokes gegenübersitzen, der das alles “ganz super” nennt, aber davor deutlich erkennen ließ, dass er es doch eher verrückt findet.

Und heute? Klingt dieser Traum vom Scatland angesichts von Ukraine-Krieg und Klimakrise wohl noch etwas “verrückter”. Aber Menschen brauchen Utopien. Vor allem wenn sie anders sind, etwas herausfallen, wie der Scatman selbst, der Zeit seines Lebens gestottert hat. Und bei dem es, als er noch John Larkin hieß und Jazz-Musik machte, nicht gerade rund lief. Erst als man seinen virtuosen Scat-Gesang mit poppigen Eurodance-Rhythmen kreuzte, kam der Erfolg. Hier setzt Jeff Chi in seiner sehr schönen Comic-Biografie auch ein. Das heißt mit der Echo-Verleihung 1996, wo außer Scatman John, erkennbar am typischen Schlapphut und Schnurrbart, unter anderem Stefan Raab und Nena auf der Bühne stehen.

Die ersten beiden Kapitel entstanden als Abschlussarbeit im Design-Studium

Wer sich an Scatman John und dessen kurze Hochphase Mitte der Neunziger nicht erinnert, weil er zu jung war oder damals andere Musik hörte, der bekommt dadurch eine zeitliche Verortung. Eine wie sie auch Jeff Chi nur nachträglich erworben hat. Denn Chi, der als Webentwickler, Illustrator und Comic-Zeichner in Nürnberg lebt, wurde 1993 in Kiel geboren. Auf den 1999 mit 57 an Lungenkrebs verstorbenen Scatman stießt er als Teenager beim Chatten mit Freunden. Und weil man Chi mit lebensbejahenden, kitschigen Sachen, wie er sagt, leicht “kriegen” kann, blieb der Scatman als Thema, über das es bisher keine Bücher, keinen Film gab, bei ihm haften. Bis zu seinem Design-Studium, dessen Abschlussarbeit aus den ersten beiden Buch-Kapiteln bestand. Die weiteren drei Kapitel entstanden, nachdem der Vertrag mit dem Verlag stand.

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Auch die sehr stimmige, bewusst auf wenige Farben reduzierte Kolorierung entstand im Nachhinein, nachdem Jeff Chi die Geschichte komplett mit weichen Bleistiften gezeichnet hatte. Die Recherchen fanden während des Studiums statt. Zu Larkins Familie, etwa seiner Witwe Judy McHugh, die in seinem Leben eine wichtige Figur war, gab es keinen wirklichen Kontakt. Dafür konnte Chi per Videochat mit Leuten aus Scatmans Jazz-Zeit und der Eurodance-Phase sprechen. Dazu gehört sein dänischer Manager Manfred Zähringer, von dem die Idee war, den Scat-Gesang mit modernen Dance- und Pop-Melodien zu verbinden. Kennengelernt hat Larkin ihn in Berlin, wo er Anfang der Neunziger zeitweise lebte. Sein Debütalbum als Scatman John nahm er, was auch im Comic auftaucht, übrigens in Bottrop auf.

Mit Mitgliedern der Stotterer-Community hat Chi ebenfalls gesprochen. Und das vierte Kapitel wird auch aus der Sicht einer jungen, stotternden Frau erzählt, für die Larkin ein Vorbild und eine Art Mentor war. Was die Geschichte um eine zusätzliche Perspektive erweitert. Aus alledem hat Chi eine sehr lebendige Biografie geschaffen, die viel Sympathie für Scatman John weckt und zudem mit subtilen grafischen Details aufwartet. Etwa dort, wo Chi die Energie der Live-Auftritte optisch umsetzt. Oder wenn er Larkins Alkohol- und Nikotinsucht wortlos durch eine umgefallene Flasche und einen vollen Aschenbecher ins Bild rückt. Am 11. Mai stellt Jeff Chi sein Buch im Z-Bau in Nürnberg vor. Es gibt Original-Zeichnungen zu sehen. Und wer will, kann diese auch käuflich erwerben.

Jeff Chi: Who’s the Scatman, ‎ Zwerchfell Verlag, 248 S.; Lesung am 11. Mai, um 18 Uhr im Z-Bau in Nürnberg, Eintritt frei, z-bau.com